Der lange Kampf der Griechen um die Akropolis-Skulpturen

  • Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis fordert in London die Rückgabe des Parthenon-Frieses.
  • Die antiken Skulpturen waren im 19. Jahrhundert auf fragwürdige Weise nach Großbritannien gelangt.
  • Der britische Premierminister Boris Johnson fühlt sich allerdings nicht zuständig.
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Athen. Die Marmorstücke des Lord Elgin hatte der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis nicht im Gepäck, als er am Mittwoch von einem dreitägigen Besuch in London nach Athen zurückkehrte. Sie wären auch zu schwer: 220 Tonnen wiegen die Marmorfragmente, die der britische Diplomat Elgin Anfang des 19. Jahrhunderts von der Athener Akropolis raubte und um deren Herausgabe sich die Griechen seit 180 Jahren bemühen. Auch wenn die Fronten in dem Streit so verhärtet sind wie eh und je, gibt Mitsotakis nicht auf. Er kam mit einer klaren Ansage aus London zurück: „Wir wollen die Skulpturen wiederhaben.“

Es geht um mehr als 50 Statuen und Fragmente vom Giebel und aus dem Fries des Parthenon-Tempels auf der Akropolis, des berühmtesten erhaltenen Bauwerks der griechischen Antike. Die Kunstwerke, darunter auch eine der Mädchenfiguren aus der Korenhalle des Erechtheion, stehen als die sogenannten „Elgin Marbles“ im Britischen Museum in London. Thomas Bruce Earl of Elgin hatte zwischen 1801 und 1810 als britischer Botschafter in Konstantinopel die Marmorstücke aus dem Parthenon herausbrechen lassen und nach London verschifft. Elgin berief sich bei seinen Abbrucharbeiten, mit denen er erhebliche Schäden am Parthenon anrichtete, auf eine Genehmigung der türkischen Besatzer, die damals über das heutige Griechenland herrschten.

Kyriakos Mitsotakis (links) beim Treffen mit Premier Boris Johnson. © Quelle: Getty Images
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„Ein Akt des Vandalismus und der Barbarei“

Für Melina Mercouri war es „ein Akt des Vandalismus und der Barbarei“. In ihren elf Jahren als griechische Kulturministerin stritt die weltberühmte Schauspielerin wie kein zweiter Politiker ihres Landes für die Rückgabe der Marmorfragmente. Ihrem flammenden Appell vor der Unesco in Paris 1982 war es zu verdanken, dass sich die Generalversammlung der UN-Kulturorganisation mit großer Mehrheit für die Rückgabe der Marmorstücke aussprach.

Die erste Forderung datiert bereits aus dem Jahr 1842. Damals beantragte Alexandros Ragavis als Sekretär der Athener Archäologischen Gesellschaft die Herausgabe der Stücke. Weitere griechische Vorstöße gab es in den Jahren 1934 und 1961. Das Europäische Parlament forderte 1999 in einer Entschließung Großbritannien auf, die Rückgabe der Marmorfragmente „in positivem Geist zu prüfen“.

Bewirkt haben diese Demarchen und Appelle bisher nichts. Das Britische Museum, dem Elgin 1816 die Antikensammlung für 35.000 Pfund verkaufte, hält sich für den rechtmäßigen Besitzer der Stücke. Fachleute bezweifeln aber mittlerweile die Echtheit der Genehmigung, die es Elgin seinerzeit erlaubte, von der Akropolis „jedwede Skulpturen oder Inschriften fortzubringen“. Viele Historiker halten die Aneignung der Parthenon-Fragmente für einen Kunstraub. Britische Kritiker sprachen schon im 19. Jahrhundert von „Plünderung“. Elgin selbst meldete seinerzeit seinem Außenminister: „In Athen habe ich nunmehr unglaubliche Schätze in meinen Besitz gebracht – Bonaparte hat auf all seinen Raubzügen in Italien nichts Vergleichbares erbeutet!“

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Boris Johnson hält sich für unzuständig

Im 2009 eröffneten Athener Akropolis-Museum haben die Griechen einen Platz für die Marmorfragmente reserviert. Sie sollen im obersten Stockwerk ausgestellt werden, durch dessen Glasfassade der Parthenon zu sehen ist. An einer originalgroßen Nachbildung des Frieses sind dort bisher Gipsabdrücke der Skulpturen ausgestellt.

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Die Marmorfragmente seien in London, „weil sie gestohlen wurden“, sagte Mitsotakis jetzt bei seinem Besuch in der britischen Hauptstadt. Er habe über das Thema mit Boris Johnson gesprochen, so Mitsotakis. Der britische Premier gilt zwar als Philhellene. Aber seine Liebe zur Antike hat ihre Grenzen: Er „verstehe die starken Gefühle der Griechen“, sagte Johnson, erklärte sich aber in dem Streit um die Marmorfragmente für „unzuständig“. Die Entscheidung liege allein beim Britischen Museum, „unabhängig und frei von politischer Einmischung“.

Das Museum teilte auf seiner Internetseite mit, man habe die Skulpturen 1816 legal erworben. Es sei zudem „ein Vorteil“, dass die Teile des Frieses „in zwei großartigen Museen gleichzeitig gezeigt werden“. Aber Mitsotakis gibt sich nicht geschlagen: „Diese Stücke gehören in das Athener Akropolis-Museum, und ich werde daran hart arbeiten, bis die Skulpturen für immer zurückkehren.“

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