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Der Fall Alfred Bauer: Wie die Nazi-Vergangenheit des Berlinale-Gründers das Festival einholt

  • Ausgerechnet bei der Feier zum 70. Geburtstag wird die Berlinale von ihrer Geschichte eingeholt.
  • Die Verantwortlichen müssen sich mit der NS-Vergangenheit des Gründers Alfred Bauer auseinandersetzen.
  • Dabei würde sich das Festival doch viel lieber als Forum der Weltoffenheit präsentieren.
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Berlin. Das 70. Jubiläum der Filmfestspiele in Berlin sollte eigentlich ein Grund zum Feiern sein. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr wird das Festival von der Nazi-Vergangenheit seines Gründers eingeholt. Alfred Bauer, der erste Festspieldirektor, der die Geschicke des Festivals bis 1976 bestimmen sollte, hatte nach Recherchen der “Zeit” offenbar seine NS-Karriere geheim gehalten.

Dabei wurde Bauer noch lange nach seiner Amtszeit eine besondere Ehre zuteil, 1987 benannte das Festival einen Silbernen Bären nach ihm – ausgerechnet einen Preis für neue Perspektiven in der Filmkunst. Nun ist in diesem Jahr dieser Preis Knall auf Fall gestrichen worden. Die Berlinale-Leitung hat die Trophäe erst einmal aus dem Programm genommen, die noch im Vorjahr Regisseurin Nora Fingscheidt („Systemsprenger“) voller Freude in ihren Händen gehalten hatte. Ob es ihn je wieder geben wird, ist fraglich.

Kurz vor Beginn des 70. Festivals am kommenden Donnerstag hat die Berlinale die eigene Geschichte eingeholt: Bauer war nicht nur Mitglied der NSDAP und der SA, und er war nicht nur bei der UFA beschäftigt, also in Goebbels’ reichsdeutscher Traumfabrik. Er fungierte ebenso als hochrangiger Funktionär der nationalsozialistischen Filmwirtschaft. Bauer war Referent der 1942 von Goebbels gegründeten Reichsfilmintendanz, deren Chef Fritz Hippler nach Goebbels als einflussreichste Figur in Kinodingen galt – er produzierte auch den antisemitischen Hetzfilm „Der ewige Jude“.

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Bauer war nach den jetzigen Erkenntnissen zuständig für die personelle Seite der aktuellen Spielfilmproduktion. Er entschied, welche Schauspieler, Regisseure, Kameramänner bei welchem Projekt eingesetzt wurden. In Zeiten des Krieges hieß das aber auch: Bauer war mitverantwortlich dafür, wer als unabkömmlich eingestuft wurde und wer an die Front musste – und damit verfügte er letztlich auch über Leben und Tod.

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Neue Festivalleitung sieht Fall als “Chance”

Die neue Berlinale-Leitung ist gerade einmal ein gutes halbes Jahr im Amt. Der künstlerische Direktor Carlo Chatrian und die Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek müssen nun das tun, was ihre Vorgänger allesamt versäumt haben und vielleicht auch gar nicht so genau wissen wollten: Sie müssen sich fragen, wie sehr die Anfangszeit der Berlinale vom nationalsozialistischen Erbe belastet war.

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“Die Wirklichkeit ist immer überraschender als die Fiktion”, sagt Chatrian im Gespräch. Die Erkenntnisse über Bauer will er ins Konstruktive wenden: “Wir sehen darin etwas Positives: Das Festival hat die Chance, seine eigene Vergangenheit gründlich unter die Lupe zu nehmen.”

Alfred Bauer hatte seine Lebensgeschichte nach dem Krieg verschleiert und sich als eine Art innerer Widerständler stilisiert. Gegenüber den Entnazifizierungsbehörden stritt er seine Tätigkeit in der Reichsfilmintendanz ab und behauptete, 1938 aus der SA und 1943 aus der NSDAP ausgetreten zu sein.

Glaubhaft war das wohl schon damals nicht: Er erhielt zwei Jahre Berufsverbot. Tatsächlich aber beriet er schon bald wieder die britische Militärregierung in Filmangelegenheiten.

Hinweise auf Bauers Vergangenheit gab es immer wieder

Als der jüdische US-Filmoffizier Oscar Martay daran ging, die Berlinale zu erfinden, war Bauer sein Mann. Über die nötigen Kenntnisse und Kontakte verfügte Bauer zweifellos – und die waren gefragt wie in so vielen anderen Bereichen des politischen und wirtschaftlichen Lebens auch, in denen die alten Kräfte wieder in Entscheidungspositionen strebten.

Immer wieder gab es in Publikationen in den vergangenen Jahrzehnten vorsichtige Hinweise auf Bauers unseliges Wirken vor 1945. Die Quellen in den Archiven waren frei zugänglich. Doch niemand wertete sie aus. Auch die Berlinale nicht.

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Dann wandte sich ein Hobbyhistoriker und Filmenthusiast an “Die Zeit” und berichtete von seinen privaten Nachforschungen. Die Wochenzeitung machte sich daran, der Biografie Bauers auf den Grund zu gehen. Und jetzt ist das Erschrecken groß.

Besonders pikant: Die mit der Berlinale kooperierende Deutsche Kinemathek wollte just während des Festivals eine Schrift über Bauer herausbringen. Deren Autor Rolf Aurich hatte demnach dieselben Akten gesichtet – doch hätte sein Werk wohl kaum so viel Unwohlsein in die 70. Geburtstagsfeier gebracht, wie es jetzt die journalistischen Recherchen getan haben. Genaueres lässt sich schwer sagen: Die Publikation wurde vor der Veröffentlichung zurückgezogen.

Rainer Rother, Direktor der Kinemathek, räumt ein, dass der hauseigene Autor Aurich seine Funde stärker hätte akzentuieren müssen. “Die Legende, die Alfred Bauer gestrickt hat, wird nicht in aller Deutlichkeit dekonstruiert", ließ er den "Tagesspiegel” wissen.

Überrascht kann niemand sein, dass es auch für das Berlinale-Personal der Anfangszeit keinen Neubeginn gab. Personelle Kontinuitäten kennzeichneten den Übergang vom NS-Staat in die Bundesrepublik. Es galt, eine ganze Gesellschaft aus der Diktatur in die Nachkriegsdemokratie zu überführen.

Die Frage war nur, wer in den neuen Staat integriert werden musste und wer nicht. An der Spitze der Berlinale stand nun ein “eifriger SA-Mann”, wie die Gauleitung Mainfranken Alfred Bauer einst bezeichnet hatte.

Festival wollte immer für Weltoffenheit und Aufklärung stehen

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Noch beunruhigender an der Geschichte ist aber etwas anderes: Das Festival präsentiert sich seit 70 Jahren als Forum der Weltoffenheit und Aufklärung. Anfang der Fünfziger stand es für den gesellschaftlichen Aufbruch – und muss nun blinde Flecken in eigener Sache einräumen.

Politisch war die Berlinale immer vornweg. Früh setzten die Macher auf Wandel durch Annäherung. Der langjährige Festivalchef Moritz de Hadeln charakterisierte seinen Job so: “Mein Auftrag lautete ausdrücklich, den kulturellen Dialog zwischen den Systemen zu fördern.” Er träumte schon Ende der Siebzigerjahre von dem, was heute selbstverständlich ist: Filme im Osten der Stadt zu zeigen.

Festivalchef Dieter Kosslick, dessen Ära im vergangenen Jahr zu Ende gegangen ist, hatte es sich zum Ziel gesetzt, die Welt mithilfe des Kinos zu verbessern, “ein Statement auf dem roten Teppich abzugeben". Manche Festivalgänger waren darüber jedes Jahr aufs Neue verärgert, weil in ihren Augen die Kinokunst zu kurz kam.

Gesellschaftskritischen Künstlern wird viel Raum eingeräumt: Dustin Hoffman attackierte 2003 in einer wütenden Brandrede die Kriegspolitik der Bush-Regierung im Irak. Der Brite Michael Winterbottom sorgte 2006 mit seiner Pseudodokumentation “Road to Guantanamo” für Aufsehen, in der er die Verschleppung von dreien seiner Landsleute in das Gefangenenlager auf Kuba verfolgte. Bundeskanzlerin Angela Merkel ging 2008 demonstrativ ins Berlinale-Kino, um Andrzej Wajdas Drama “Katyn” über die Ermordung der polnischen Elite durch die Sowjets im Zweiten Weltkrieg zu sehen.

Externes Historikerteam soll Rolle Bauers erforschen

Immer wieder sprang die Berlinale bedrängten Filmemachern zur Seite. In diesem Jahr hofft die Festivalleitung, dass der iranische Regisseur Mohammed Rasoulof ausreisen und seinen Film über die Todesstrafe in seinem Heimatland präsenteren kann.

Und nun der Fall Alfred Bauer. Die Berlinale-Leitung hat angekündigt, dass ein externes Historikerteam dessen genaue Rolle im Nationalsozialismus erforschen soll. “Wir nehmen die Sache sehr ernst”, so Chatrian.

Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters hat dieses Vorhaben begrüßt. “Aufarbeitung ist Teil unseres nationalen Selbstverständnisses – das gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für wichtige gesellschaftliche Akteure.”

Ähnliche Enthüllungen über kulturelle Leitfiguren haben die Bundesrepublik in den vergangenen Jahren immer wieder heimgesucht. Günter Grass brach mehr als sechs Jahrzehnte nach Kriegsende sein Schweigen darüber, dass er Mitglied der Waffen-SS gewesen war. Der aufdringliche Antisemitismus und die Hitler-Treue des Malers Emil Nolde erreichten erst mit der Berliner Ausstellung 2019 im Hamburger Bahnhof das öffentliche Bewusstsein. Jüngst kam heraus, dass der einflussreiche Kunsthistoriker und Documenta-Mitbegründer Werner Haftmann NSDAP-Mitglied war.

Juristen, Ärzte, Wissenschaftler, Politiker: Ihnen allen ist zu Recht vorgehalten worden, sich viel zu spät mit den Verstrickungen des eigenen Berufsstandes beschäftigt zu haben. Irgendwann mussten sie es dann doch tun – viel zu spät offenbar nun auch jene Kulturinstitutionen, die sich vornehmlich in der Rolle als Kritiker anderer sah.

Die Berlinale geht nun daran, die mangelhafte Vergangenheitsbewältigung zu bewältigen: Vertuschungen geschahen in den Anfangsjahren der Bundesrepublik mit dem unausgesprochenem Einverständnis der Nachkriegsgenerationen. Deren Lügen stützten die Lebenslüge von der Stunde null.

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