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„Der Besuch der alten Dame“ am Schauspiel Bochum: Dürrenmatt in Zeiten des Krieges

Können gar nicht so viel trinken, wie sie kotzen möchten: Sebastian Rudolph und Patrycia Ziółkowska im Bochum/Züricher „Besuch der alten Dame“.

Wer sich in diesen Tagen eine Theaterinszenierung anschaut, sieht immer auch mit dem Krieg im Hinterkopf in Richtung Bühne. Reagiert das Ensemble auf die Ereignisse? Wird ein Satz geschickt geändert? Oder steht das gespielte Stück an und für sich in Verbindung zum Krieg oder gar zum Krieg in der Ukraine?

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Inszenierung aus Zürich macht Halt in Bochum

Am Schauspielhaus Bochum, wo vor Vorstellungsbeginn im Foyer Abend für Abend Texte aus der Ukraine gelesen werden, wurde nun als Deutschland-Premiere die Züricher Inszenierung von Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ gezeigt. Das Schauspielhaus Zürich machte Station im Ruhrgebiet, in der Schweiz hatte das Stück unter der Regie von Nicolas Stemann im vergangenen September Premiere gefeiert.

Spielt auch mal den Alfred Ill: Sebastian Rudolph.

Spielt auch mal den Alfred Ill: Sebastian Rudolph.

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Unzählige Generationen von Schülerinnen und Schülern haben Dürrenmatts perfides Moralstück im Unterricht gelesen und auf Theaterbühnen gesehen (wissen die Bochumer Schülerinnen und Schüler überhaupt, welches Privileg sie genießen, Theaterstücke in diesem wunderbaren Haus und nicht auf einer mittelmäßigen Provinzbühne schauen zu dürfen?). Trotzdem zur Erinnerung kurz die Handlung: Die Milliardärin Claire Zachanassian kehrt nach Jahrzehnten in die verarmte Kleinstadt Güllen zurück. Dort war sie einst, noch als junge und nicht reiche Kläri Wäscher, von ihrer Jugendliebe Alfred Ill geschwängert worden. Doch Ill erkannte die Vaterschaft damals nicht an. Claire verließ die Stadt, arbeitete als Prostituierte, lernte im Bordell den armenischen Ölmilliardär Zachanassian kennen und wurde durch die Ehe zu einer reichen Frau. Heute, am Ende ihrer Tage, kann sie sich alles leisten – auch Rache zu nehmen.

Ja, die Rache: Zachanassian ließ im Laufe der Jahrzehnte in einem, dem „House of Cards“-Intrigengott Frank Underwood zur Ehre gereichenden Langzeitplan die Güllener Unternehmen verarmen und die Stadt veröden. Nun kommt sie mit dem Angebot in ihre Heimat, der Armut ein Ende zu bereiten und eine Milliarde unter der Stadt und ihren Bewohnern zu verteilen unter der Bedingung, dass eine oder einer aus der Bevölkerung der Stadt Alfred Ill tötet.

Publikum applaudiert unverständlicherweise zurückhaltend

Regisseur Stemann lässt Dürrenmatts Stück über Moral und Humanismus, für das der Schweizer Dramatiker mehr als 30 Rollen entworfen hat, nur von zwei Schauspielern spielen: Patrycia Ziółkowska und Sebastian Rudolph verkörpern in einer intensiven, grandiosen Spielperformance Claire Zachanassian und ihren ehemaligen Geliebten Alfred Ill, sie spielen die kastrierten und geblendeten Adjutanten Koby, Loby, Toby und Roby sowie den Butler, den Lehrer, den Bürgermeister und viele andere mehr. Beim am zweiten von drei Abenden eher zurückhaltenden Schlussapplaus merkt man, wie verwöhnt das Bochumer Publikum von Akteuren wie Sandra Hüller und Jens Harzer sein muss, dass es diese herausragende Leistung von Ziółkowska und Rudolph nicht ausgiebiger würdigt.

Ein grandioses Duo: Patrycia Ziółkowska und Sebastian Rudolph.

Ein grandioses Duo: Patrycia Ziółkowska und Sebastian Rudolph.

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Immer wieder gehen die beiden aus dem Stück heraus und treten auf eine andere Ebene, indem sie sich von der Souffleuse das Textbuch nehmen, im Stück schauen, ob dieser oder jener Ausdruck da wirklich steht, oder tatsächlich spoilern, indem Rudolph fragt: „Habt Ihr Ill schon umgebracht?“ Das Stück zu kennen ist dabei von Vorteil, denn durch den ständigen Rollenwechsel von Ziółkowska und Rudolph kann man leicht den Überblick verlieren, wer gerade spricht.

Aus dem Homeoffice auf die Theaterbühne

Claudia Lehmanns Bühne ist so gut wie leer, nur ein Mischpult steht dort, an dem Camilla Sparksss ihre zornig-laute Musik macht und ihren, nun ja, Gesang dem Publikum entgegenschreit. Eigentlich. Denn an diesem Abend muss sie positiv auf Corona getestet zu Hause bleiben, wird aber mit ihrer Musik auf einem von der Decke hängenden Monitor zugeschaltet. Per Videokonferenz aus dem Homeoffice, das funktioniert mittlerweile auch auf der Theaterbühne.

Die Bewohner Güllens lehnen das unmoralische Angebot von Claire Zachanassian zunächst ab. Der Bürgermeister begründet es mit hehren Worten: „Frau Zachanassian: Noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden. Ich lehne im Namen der Stadt Güllen das Angebot ab. Im Namen der Menschlichkeit. Lieber bleiben wir arm denn blutbefleckt.“ Aber schon bald beginnt der Ausblick auf Reichtum Kratzer auf der glänzenden Fassade des Humanismus zu hinterlassen. Die moralischen Grundfeste bröckeln, die Güllener kaufen und kaufen, zunächst auf Pump, aber egal! Die Bühne füllt sich mit gelben Schuhen. Kann man ja gebrauchen und – Ding Dong, der Paketmann kommt schon wieder – das Paar Schuhe auch und dieses da – Ding Dong – auch.

Kann man ja gebrauchen: Patrycia Ziółkowska und Sebastian Rudolph als Bewohner der Stadt Güllen, die schon mal angesichts des nahenden Reichtums allerhand Schuhe bestellen.

Kann man ja gebrauchen: Patrycia Ziółkowska und Sebastian Rudolph als Bewohner der Stadt Güllen, die schon mal angesichts des nahenden Reichtums allerhand Schuhe bestellen.

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Auf der Bühne sind währenddessen Videos von Klimaschutzdemonstrationen zu sehen. Die Schuld aus der Vergangenheit, die sich in Güllen mit der Leugnung der Vaterschaft und der Komplizenschaft einiger Stadtbewohner mit dem Lügner Ill ergeben hat, will Zachanassian in der Gegenwart tilgen. Gerechtigkeit, in der Welt von Claire Zachanassian kann man sie kaufen.

Als das Stück 1956 in Zürich uraufgeführt wurde, war es die Schuld der Nationalsozialisten und der unterstützenden oder wegschauenden Länder, die getilgt werden sollte. Heute ist es in der Lesart von Stemann die aufgestaute Klimaschuld der vorangegangenen Generationen. „Es werden noch viele alte Damen zu euch kommen“, sagt Ill an einer Stelle.

Was bleibt nach dem Krieg von Europa?

Und was ist nun mit dem Krieg im Hinterkopf? Der Satz „Noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden“, kommt einem noch einmal ins Gedächtnis. Mantraartig wiederholt die Musikerin Camilla Sparksss in ihren beatlastigen Sounds den Satz:This is what is left of Europe“. Das ist, was von Europa übrig ist. Kriege verändern immer und nahezu alles (und auch alle). Selbst wer nicht direkt bombardiert wird, muss sich zum Krieg, zumindest zu dem in seiner Nachbarschaft, verhalten. Im Fall von Putins Aggression hat sich Europa, hat sich der Westen, hat sich Deutschland bereits innerhalb weniger Tage geändert. Die Wiederherstellung einer tatsächlich funktionierenden Bundeswehr wurde angestoßen, Waffenlieferungen sind plötzlich möglich, die pazifistisch orientierte Außen- und Sicherheitspolitik steht genauso auf dem Prüfstand wie der Ausstieg aus der Atomkraft. Der Krieg wird vieles verändern. Und dann steht eine der zentralen Fragen des Abends im Raum: Was wird übrig sein von Europa? Vom Europa, das wir heute kennen?

Keine weiteren Vorstellungen in Bochum. Die nächsten Vorstellungen am Schauspiel Zürich am 15., 23. und 29. März sowie im April.

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