Tod einer Woodstock-Legende

Die strahlende Stimme des Folkrock – Trauer um David Crosby

Ein Leben für die Musik: Der Sänger, Songwriter und Gitarrist David Crosby, hier während eines Benefizkonzerts für die City Parks Foundation, starb im Alter von 81 Jahren „nach langer Krankheit“, wie seine Ehefrau dem Magazin „Variety“ mitteilte.

Ein Leben für die Musik: Der Sänger, Songwriter und Gitarrist David Crosby, hier während eines Benefizkonzerts für die City Parks Foundation, starb im Alter von 81 Jahren „nach langer Krankheit“, wie seine Ehefrau dem Magazin „Variety“ mitteilte.

„Und ich werde nicht mehr lang bleiben“, sang David Crosby auf dem letzten Song seines letzten Albums „For Free“ von 2021. „Ich habe einen eigenen Ort“ hieß es in „I Won‘t Stay for Long“. „Es gibt eine dünne Schicht Luft zwischen dem Wasser und dem Eis. Das ist, wo ich lebe und wo ich atme“, sang Crosby weiter. Es klang wie ein Lied von Schmerz und Abschied, ein berührendes Lied, das, wie man jetzt weiß, ein berührendes Spätwerk beschloss. Am 19. Januar ist die Folk- und Rocklegende David Crosby gestorben – im Alter von 81 Jahren und nach langer Krankheit – und dennoch unverhofft.

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Ehefrau Jan Dance: „Seine freundliche Seele wird uns inspirieren“

„Obwohl er nicht mehr hier bei uns ist, wird uns seine Menschlichkeit und freundliche Seele weiterhin leiten und inspirieren. Sein Vermächtnis wird durch seine legendäre Musik weiterleben“, hieß es in einer Stellungnahme von Crosbys Frau Jan Dance, mit der Croz, wie ihn sein engster Kreis nannte, seit 1987 verheiratet war.

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Crosby, Abkömmling gleich zweier altehrwürdiger niederländischer Familien, hatte früh keine Lust auf eine Karriere im Establishment. Die Schule schloss er nicht ab, das Verhalten war zu „auffällig“, die Leistungen waren zu schlecht. Und so wandte der 1941 in Los Angeles geborene Rebell David Van Cordtland Crosby sich ab 1960 der Musik zu. Nachdem der Rock ‘n‘ Roll der Elvis-Ära sich in Kommerz verwandelt hatte, war Folk das authentische Ding der Stunde, ein Sound, der zeitlebens zur musikalischen Grundfarbe des Mannes mit dem markanten Walrossbart wurde. Mit gleich zwei Bands wurde Crosby 1991 und 1997 in die Rock ‘n‘ Roll Hall of Fame aufgenommen.

Dylan war glücklich über den tanzbaren „Tambourine Man“ der Byrds

Als da zunächst die Byrds zu nennen sind, die er mit Jim (später Roger) McGuinn und Gene Clark gründete – drei Folkies, die in den frühen Sixties auch die Musik der Beatles für sich entdeckt hatten und beide Einflüsse zu einem ergreifenden Sound verschmolzen. Als sie sich im Studio erstmals an Bob Dylans „Mr. Tambourine Man“ versuchten – damals hießen sie noch The Jet Set –, war der damalige Folksuperstar mit im Studio und freute sich: „Wow! Mann! Dazu kann man ja tanzen!“

Auf der Singleaufnahme ist dann nur McGuinn mit seiner strahlenden zwölfsaitigen Rickenbacker zu hören, für die übrigen Instrumente holte sich Produzent Terry Melcher zur Sicherheit Sessionmusiker. Aber der perfekte Harmoniegesang ist Byrds vom Feinsten – und heraus strahlt Crosbys helle klare Stimme wie eine Augustsonne in Sound.

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Die Byrds erfanden quasi den Folkrock, hatten den jungen Peter Fonda und den jungen Jack Nicholson in ihrer Entourage und glitten mit dem Album „5th Dimension“ und Songs wie „Eight Miles High“ 1966 in die Psychedelik. Den Wechsel zum Countryrock vollzog Crosby dann nicht mehr mit. Er wurde aus der Band geworfen, die persönliche Harmonie der Musiker untereinander war nicht so erhebend – speziell seit Crosby beim Monterey-Pop-Festival zwischen den Songs Verschwörungstheorien zur Ermordung von John F. Kennedy zum Besten gegeben hatte.

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Mit Stephen Stills und Graham Nash, dem britischen Gitarristen der Hollies, gründete Crosby alsbald die legendäre Folkrockband Crosby, Stills & Nash, deren zweiter Auftritt schon beim Festival in Woodstock war – gemeinsam mit dem Kanadier Neil Young. Für die wechselweise im Trio- und Quartettformat musizierende Band ersann Crosby Klassiker wie „Long Time Gone“, „Déjà Vu“, „Shadow Captain“ oder das zarte, die Dreh- und Angeldame der Artussage auf Women‘s Lib drehende, zugleich den Tod seiner Lebensgefährtin Christine Hinton bei einem Autounfall verarbeitende „Guinnevere“.

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Auch mit dieser Band schrieb Crosby Musikgeschichte, auch hier waren die Gesänge elysisch, auch hier verband die Mitglieder eine Mischung aus Zuneigung und Egozentrik. Die gemeinsame Kernzeit war kurz, eine offizielle Auflösung wurde nie verkündet. Aber immer wieder gab es Wiedervereinigungen, Alben und Konzerte – bis Ende 2015, als Crosby, Stills & Nash noch einmal beim Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung des National Christmas Tree durch Präsident Barack Obama spielten. „Ich habe so viel Spaß am Auftreten, ich fühle mich fast schuldig“, sagte Crosby einmal in einem Interview.

Seine Drogenexzesse nannte Crosby später verlorene Zeit

Ein ausschweifendes Leben mit Drogen war das andere Extrem im Leben Crosbys. Die Mittel zum Aufputschen, Entspannen, zum Öffnen der Türen zu ungeahnter Kreativität – er nahm sie alle. Heroin und Kokain brachten ihn sogar ins Gefängnis. Später bereute er die langjährige Exzessivität, nannte sie eine verlorene Zeit.

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Eine Hepatitis machte 1994 eine Lebertransplantation nötig, die ihm Phil Collins ermöglichte, bei dessen Hit „Another Day in Paradise“ Crosby unter anderem mitgesungen hatte. Schlagzeilen gab es nach den Achtzigerjahren seltener der Musik wegen, Aufsehen erregte etwa, dass er der biologische Vater von Melissa Etheridges und Julie Cyphers Söhnen Bailey und dem 2020 an einer Opioidsucht verstorbenen Beckett war.

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Sein Sohn James Raymond wurde Crosbys letzter musikalischer Weggefährte

Mit seinem Erstgeborenen James Raymond, den sine Mutter 1962 zur Adoption freigegeben hatte, nachdem Crosby damals an der Verantwortung für eine Familie nicht interessiert war, fand der vierfache Vater später wieder zusammen – menschlich wie musikalisch. Raymond war ab 1997 Mitglied der gemeinsamen Band CPR, schrieb Songs mit dem Vater, produzierte Crosby-Alben, kümmerte sich um die Arrangements, spielte Piano, Wurlitzer und Synthesizer. „Es gibt keinen Besseren“, sagte Crosby. Und es gab kein Aufhören mit der Musik vor dem Ende. Bis zuletzt hatten Crosby und Raymond an einem neuen Album gearbeitet, das 2023 erscheinen sollte. So ist es auf Raymonds Website zu lesen.

„Ich liebe Musik. Ich liebe es, Lieder zu machen“, sagte Crosby in einem späten Interview mit der US-Senderkette PBS. „Ich habe das Gefühl, dass mir ein Weg gegeben wurde, auf dem ich etwas beitragen kann, auf dem ich protestieren kann, wenn jemand etwas wirklich offensichtlich Falsches oder Unmenschliches direkt vor meinen Augen tut, auf dem ich etwas bewirken kann. Wo ich vor allem aufmuntern kann, glücklich machen kann.“

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Die Familie, nicht die Bands und der Ruhm, sei ihm das Wichtigste, das war in einem Gespräch mit dem Musikjournalisten Werner Herpell zu Crosbys 80. Geburtstag zu lesen. Er sei „der glücklichste Kerl überhaupt“. Im Laufe eines langen Lebens voller Triumphe, Misserfolge und Dramen hatten sich die Prioritäten verschoben, selbst seine geliebte Jacht „Mayan“ aus dem Jahr 1947, seinen schwimmenden Rückzugsort, auf dem er Tausende Kilometer über den Pazifik gesegelt war, hatte er 2014 verkauft.

Noch am Tag vor seinem Tod twitterte Crosby über Greta, Beatles und den Himmel

Zu hören war von Crosby bis zum Schluss, deshalb hatte niemand mit seinem Ableben gerechnet. Noch am Tag vor seinem Tod hatte Crosby in seinen letzten Tweets über Greta Thunbergs Mut in Lützerath getwittert, „Eleanor Rigby“ als den „besten Beatles-Song für einen Regentag“ genannt und auch über den Himmel getwittert: „Ich hab gehört, der Ort wird überschätzt … bewölkt“, hatte er gewitzelt.

Wer dem so jäh Verstorbenen nun nachspüren möchte, beginnt am besten mit der Doku „Remember My Name“ von 2019, die vom Entertainmentmagazin „The Wrap“ als filmisches Äquivalent der grandiosen letzten Alben von David Bowie und Leonard Cohen eingestuft wird. Und legt danach das Schlusswerk „For Free“ auf und schließt die Augen, bis „I Won‘t Stay for Long“ verklungen ist. Das auch ein Lied der Liebe und Nähe ist: „Nur heute muss ich dir nahe sein“, heißt es dort, „ich muss heute bei dir sein.“

Heute ist der erste Tag ohne David Crosby. Seine Musik, ein Trost, ist unsterblich.

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Anmerkung: In einer früheren Version des Textes hatte es geheißen, David Crosby hätte seinen Sohn Jams Raymond selbst zur Adoption freigegeben. Das überließ der Musiker der leiblichen Mutter des Jungen, Celia Crawford Ferguson.

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