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Das unschuldige Jahrzehnt: Waren die Achtzigerjahre wirklich besser?

  • Die Welt ist ein Zirkus, das Leben unübersichtlich. Das war mal anders.
  • Wer in den Achtzigerjahren Kind in der BRD war, erlebte eine gut sortierte Welt mit einem Musiksender, zwei Deutschlands, drei Fernsehprogrammen und vier Parteien.
  • In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ blickt Imre Grimm zurück auf ein vermeintlich idyllisches Jahrzehnt aus TKKG, Klammerblues und Mixkassetten, das gerade (mal wieder) ein nostalgisches Comeback erlebt.
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Ich stehe an der Bushaltestelle, im Mund einen monströsen Bazooka-Kaugummi, auf dem Rücken einen blauen Scout-Ranzen. Gleich kommt der Bus. In meinem Brustbeutel steckt die schwitzfeuchte grüne Schülermonatskarte mit einem Bild von mir, auf dem ich 13 Jahre alt bin und aussehe wie etwas, das vor langer Zeit auf der Bundesstraße überfahren wurde. Es ist 1986, und ich altes Trottelgesicht hab’ mich verliebt. Nein, das war nicht ich. Das waren Clowns & Helden.

Wer in den Achtzigern Kind in der BRD war, dem kann die Welt heute nur wie eine glühende Lavakugel voll Chaos und Erregung erscheinen. Still floss das Leben dahin, fest gefügt in Ost und West, in Gut und Böse, in Geha und Pelikan, in Chromdioxid und Ferro. Ein Musiksender, zwei Deutschlands, drei Fernsehprogramme und vier Parteien. Keine Spur von der multioptionalen Lifestylegesellschaft, von digitalen Filterblasen, von Verschwörungserzählungen als Massenphänomen.

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Kein Wunder, dass das Jahrzehnt aktuell einen geradezu rauschhaften Candystorm erlebt. Die Ausstellung „Pop, Punk, Politik“ feierte erst im Sommer die Achtzigerjahre in München. Aktuelle Popmusik zitiert mit großer Liebe massenhaft Achtzigerstilelemente wie Hall, E-Drums und cleane Synthie-Sounds. Die Sehnsucht nach klaren Verhältnissen in unklaren Zeiten ist groß, davon zeugt auch das Interesse an liebevoll-sentimentalen Retroshows, die in den Achtzigerjahren spielen – wie „Stranger Things“, „Glow“, „The Americans“ oder „Red Oaks“.

Rückblick in eine Welt vor 40 Jahren: Die Netflix-Serie "Stranger Things" spielt in den Achtzigern in dem fiktiven Ort Hawkins in Indiana. © Quelle: Netflix

Hinter dem beschönigenden Schleier der selektiven Erinnerung erscheinen die Achtzigerjahre geradezu wie ein Gegenmodell zum entgrenzten Furor unserer Zeit. Gewiss ist die subjektive Erinnerung kein Gradmesser für die Frage, wie friedlich die Zeiten tatsächlich waren. (Spoiler: Sie waren es nicht.) Auch sind Heilsrezepte für die Gegenwart selten in der Vergangenheit zu finden. Und doch tut es gut, sich an dieses Leben zu erinnern. An seine Unschuld, seine Zuversicht und seine Neonfarben.

Wir Kinder sahen aus wie die Räuber und stromerten, von keinem GPS-Tracker und keiner Helikoptermutter überwacht, durch die Nachbarschaft, bis die Straßenlaternen angingen. Die Straßenlaternen waren in den Achtzigern das wichtigste Zeitmessinstrument vor dem Siegeszug der Casio-Digitaluhr – einem Gegenstand, der sich zur Apple Watch ungefähr so verhält wie ein BMX-Rad zu einem Tesla Model Y. Unsere Eltern wussten über mehrere Stunden nicht, wo genau wir gerade sind und was wir gerade tun. Ein Freiheitskonzept, das auf Vertrauen basierte und heute praktisch unbekannt ist. Wir haben trotzdem überlebt.

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Wir hatten keine Funklöcher, wir hatten Bandsalat

Wir hatten keine Funklöcher, wir hatten Bandsalat: Videokassetten mit verknotetem Band. © Quelle: imago-images.de
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Wir hatten keine Funklöcher. Wir hatten Bandsalat. Wir hatten keine Superhelden. Wir hatten Karius und Baktus. Wir hatten keine Minecraft-Mods. Wir hatten Schlümpfe im Setzkasten. Wir hatten keine Influencer. Wir hatten TKKG. Wir aßen keine Quinoa-Bowls. Wir aßen Brötchen mit zerquetschtem Schokokuss. Und wenn wir uns mal richtig was gönnen wollten, dann ließen wir uns am Kiosk zum Schrecken des innerlich implodierenden Kioskbetreibers in aller Seelenruhe und in Fünf-Pfennig-Schritten eine bunte Tüte individuell zusammenstellen, was bis zu zehn Minuten dauern konnte („Jetzt noch zwei Salinos, dann einen von diesen Grünen da, eine saure Gurke in Rot und eine Leckmuschel... ach nee, doch lieber zwei...“).

„Willst du mit mir gehen? Bitte ankreuzen“

Und dann: die Liebe. In den Achtzigern verknallt zu sein war mit logistischem Aufwand verbunden. Da hast du nicht einfach auf dem Smartphone nach rechts gewischt und fertig. Die Sprache der Liebe bestand nicht aus Emojis. Sondern zunächst aus der pragmatischen Klärung der Sachfragen per Laufzettel („Willst du mit mir gehen? Ja – Nein – Bitte ankreuzen“) und dann aus Mixkassetten. Die Mixkassette war die Fortsetzung des Minnesangs mit den Mitteln hochmoderner Audiotechnik. Mädchen besaßen damals zwar Kassettenrekorder, rekordeten aber nicht eine einzige Kassette selbst, weil sie permanent Mixtapes von rot angelaufenen Jünglingen wie mir zugesteckt bekamen. Der Großteil der Leerkassettenbestände zwischen 1980 und den frühen Neunzigern dürfte von entflammten Pubertanten aufgekauft worden sein.

Österreichs Stimme der Achtzigerjahre: Popsuperstar Falco. © Quelle: picture-alliance / dpa

Meine erste Mixkassette deckte vorsichtshalber eine gewaltige Bandbreite an musikalischen Erzeugnissen ab. Ich hatte keine Ahnung, was Becky hörte. Ich wählte unter anderem „Keine Sterne in Athen“ (Stephan Remmler), „Jeanny Part I“ (Falco), „Caravan of Love“ (The Housemartins), „Jerusalem“ (Alphaville), „All at Once“ (Whitney Houston), „Universal Soldier“ (Donovan) und „Midnight in Moscow“, weil ich nicht wusste, dass das ein ungefähr 5000 Jahre alter Jazzklassiker war. Es gefiel mir einfach. Das Gleiche galt für den Nachkriegsheuler „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“. Ich hatte das Lied aus dem Radio aufgenommen und fand es lustig. Auf mein Liebesleben hatte diese verstörend komplexe Mixkassette keinen beflügelnden Einfluss. Becky hatte kein Interesse.

Klammerblues im Fetenkeller

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Die nächste Eskalationsstufe der Liebe war Klammerblues im Fetenkeller. Das vorsichtige Befühlen Gleichaltriger setzte damals noch keine schriftlichen Konsensvereinbarungen voraus. Es geschah einfach – und zwar im Wechsel zu „Irresistible“ von Prinzessin Stephanie von Monaco, „Stay“ von Bonnie Bianco and Pierre Cosso sowie „Reality“ von Richard Sanderson aus dem Film „La Boum“ (hach, Sophie Marceau). Es ist ein Wunder, dass wir Kassettenkinder damals nicht alle in einem Kübel voll Kitsch ertrunken sind. Wir wussten es ja nicht besser. Und die hormonelle Not war groß.

Ich lutschte buntes 10-Pfennig-Wassereis, sammelte PEZ-Spender und Knibbelbilder aus Fanta-Verschlüssen und versagte am Zauberwürfel. Ich schickte hauchzarte Luftpostbriefe an meine Brieffreundin in Hongkong und warf giftgrün-klebrige Slime-Schlotze, die vermutlich aus alten Atomabfällen hergestellt wurden, an Fensterscheiben. Ich stellte fest, dass nichts auf der Welt so hart ist wie Nappo im Winter. Und ich guckte hinter die Metallklappe von Kaugummiautomaten, ob ein enttäuschter Kunde das brettharte Kaugummi liegen gelassen hatte.

Superstar bei MTV Europe: Als 23-jährige erlebte Kristiane Backer (Archivbild vom März 1991) einen kometenhaften Aufstieg bei MTV. © Quelle: picture-alliance / dpa

Ich tippte heimlich auf Bildschirmtext-Terminals herum, bis sich in nur zwölf Minuten das Bild einer Frau im Bikini aus bis zu 28 Pixeln aufbaute. Ich fand MTV-Schnacker Ray Cokes endcool und Kristiane Backer rattenscharf. Es waren die Achtziger. Wir hatten sonst nichts. Alte Frauen trugen noch Kittelschürzen.

Im Fernsehen schwankte ich zwischen „Wer ist hier der Boss?“ und „Alf“. Meine Kumpel erzählten bei der Rudelbildung an der Bushaltestelle vom ­„A-Team“, von „Knight Rider“ und „Miami Vice“. Ich liebte Alf. Alf sah am ganzen Körper aus wie ich auf dem Kopf und sprach meine Sprache („Wenn du mich brauchst: Ich bin im Kühlschrank“). Dem Gefühl, von einem anderen Planeten zu stammen, begegneten Alf und ich unterschiedlich: er mit großem Selbstbewusstsein, ich mit Komplexen. Zu Fasching ging ich als Schotte. Wir hatten keinen Dudelsack, wir hatten eine Panflöte. Also ging ich als welterster Schotte mit Panflöte. Nimm das, Mel Gibson!

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Lieblingsfilm der Achtziger: "Dirty Dancing" mit Patrick Swayze als Johnny Castle und Jennifer Grey als "Baby".

Ich liebte „Indiana Jones“, „Väter der Klamotte“, Otto und „Dirty Dancing“. Auf einer Klassenfahrt nach Russland spielte uns die Gastfamilie stolz „Dirty Dancing“ auf Russisch vor. Ein einzelner Mann sprach alle Stimmen. Er klang wie Vlad, der Pfähler. Das nahm dem Ganzen leicht die Romantik. „Ich habe eine Wassermelone getragen“, stammelte Jennifer Grey. „JJE NOSS ARRRBUSS!!!“, donnerte Vlad, der Pfähler.

Ich saß hinten und las „Yps“, bis mir schlecht war

Meine Familie fuhr lange einen Renault 4 mit Revolverschaltung in Rot. Der R4 – „die höchste Evolutionsstufe des Regenschirms”, lästerten böswillige Kritiker später. Längere Fahrten nach Süden fühlten sich an wie das Innere einer Lavalampe. Ich saß hinten und las „Yps“, bis mir so schlecht war, dass ich mich in den Fußraum übergab. Später hatten wir einen Kombi. Auf längeren Autobahntouren lagen wir drei Kinder mit Decken und Kissen im Kofferraum. Heute wären innerhalb von Minuten die Polizei, der Kinderschutzbund, das Jugendamt und UN-Blauhelmsoldaten zur Stelle.

Im Individualverkehr regierte das Rad. Ein Fahrrad war ein Statussymbol. Ich wünschte mir ein silbernes Rennrad. Stattdessen bekam ich ein blaues Klapprad. Das Klapprad war praktisch, aber ohne Prestigegewinn. Ich hätte mir alternativ auch „Depp vom Dienst“ auf die Stirn malen können.

Dieses unvergleichliche Gefühl von Freiheit, Gleichheit und nassen Socken: Auf Interrail-Tour mit Rucksäcken auf einem Bahnsteig im Hamburger Hauptbahnhof. © Quelle: picture-alliance/ dpa

Mit 16 ging ich dann selbst auf Reisen. Interrail! Dieses unvergleichliche Gefühl von Freiheit, Gleichheit und nassen Socken! Nie fühlte man sich erwachsener, als wenn man auswärts einen Eurocheque vom kleinen Eurocheque-Heftchen abriss und sich 50.000 Lire ausbezahlen ließ. Leider ging uns schnell das Geld aus, und wir sangen in Paris zur Gitarre Verschnulztes von Simon and Garfunkel.

Paneuropäisches Bahnreisen 1988 bedeutete: ein stöhnendes Portemonnaie voller Münzen in 18 Währungen, das sich formschön an die Pobacke anschmiegt. Nach vier Wochen im schwülwarmen Klima des Gluteus maximus ist das einst todschicke Kunstwerk aus grün-lila-farbenem Plastik zu einem bizarren Brocken unbestimmter Farbe verklumpt.

Natürlich war die Welt nicht in Ordnung

Gewiss: Die Erinnerung macht aus Kindheiten im Rückspiegel des Lebens gern erschütterungsfreie Idyllen. Waren die Achtziger wirklich besser? Oder fühlen sie sich für mich nur so an, weil eine erschütterungsfreie Kindheit rückblickend immer wie die beste aller Zeiten erscheint?

Natürlich war die Welt nicht in Ordnung in den Achtzigerjahren. Schon deshalb, weil es in den letzten 300.000 Jahren nicht eine Sekunde gab, in der rund um die Menschheit und den Planeten alles in Ordnung war. Super-GAU, Kalter Krieg, Atomwaffen, saurer Regen, Umweltzerstörung, Rostock-Lichtenhagen, Geiselnahme von Gladbeck – auch das waren die Achtziger.

Am Ende stand eines der größten Friedensprojekte der Geschichte

Aber wie schön wäre das, mal wieder ein Jahrzehnt zu erleben, dessen größte ästhetische Niederlagen Schulterpolster und Neonstulpen sind, das ohne massenhafte Anschreierei in sozialen Netzwerken auskommt und das am Ende in eines der größten Friedensprojekte der Geschichte mündet. Ost und West nahmen sich weinend in den Arm am Ende dieses Jahrzehnts, das vor 40 Jahren sein erstes Jahr erlebte. Nichts, was danach kam, wird die Erinnerung an diese Momente zerstören.

Auch ich habe eine Wassermelone getragen, damals. Und das kann mir keiner nehmen.

In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen satirischen Blick auf den deutschen Alltag – dazu gehören persönliche Erlebnisse, aber auch Kuriositäten aus Politik, Gesellschaft und Kultur.

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