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Das sagt Blixa Bargeld zum neuen Album der Einstürzenden Neubauten

  • “Draußen ist feindlich” heißt ein frühes Lied der Einstürzenden Neubauten.
  • Kein Song passt besser zur Corona-Krise, findet Blixa Bargeld.
  • Der Sänger erzählt im Interview, wie er und seine Band Gegenstände zum Klingen bringen – und warum U2 sie erst einluden und dann rauswarfen.
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Guten Tag, Herr Bargeld. Geht es Ihnen gut?

Ich bin mit Sicherheit mehrfach in der Risikogruppe. Ich bin seit mehr als einem Monat in Quarantäne. Ich habe das Haus nur einmal verlassen, um zur Apotheke zu gehen.

Sind Sie in Berlin?

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Ja.

Sind Sie froh, nicht in San Francisco zu sein, wo Sie zwischenzeitlich lebten?

Ich wohne schon lange nicht mehr dort. Unsere Tochter ist elf Jahre alt und geht zur Schule. Da kann man nicht mal hier und mal da sein. Wir sind 2010 nach Berlin zurückgegangen. Natürlich bin ich froh, dass ich nicht in San Francisco bin, ich bin auch froh, dass ich nicht in Peking bin, natürlich. Ich war auch mal in Wuhan.

Auf Ihrem ersten Album „Kollaps“ …

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Gibt es ein passendes Stück. Es heißt “Draußen ist feindlich”.

Liebeslied oder Quarantänenummer?

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In einem anderen Stück, “Steh auf Berlin”, singen Sie: “Ich steh auf Viren, Zerfall, Krankheit, Niedergang, Ende.” Was empfinden Sie, wenn Sie in dieser Zeit des wirklichen Virus an diese Zeilen denken?

Ich habe “Kollaps” schon Jahre nicht mehr gehört. In “Draußen ist feindlich” heißt es “Schließ dich ein mit mir, hier sind wir sicher, ich liebe dich, vergiss es”. Das trifft es für mich viel mehr als meine einfache Umkehrung: Alles, was schlecht ist, ist gut.

“Draußen ist feindlich” ist ein Liebeslied, oder?

Könnte man so sagen, aber es ist offensichtlich auch eine Quarantänenummer.

Haben Sie Angst vor dem Virus?

Na ja, Angst. Ich habe es ja schon gesagt. Ich gehöre mehrfach in die Risikogruppe.

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Weil Sie 61 Jahre alt sind?

Ich werde hier nicht über meinen Gesundheitszustand sprechen.

Fühlen Sie sich gefangen?

Nö.

“Ein Song werden kann alles”

Würden Sie die Zeile “Ich tanze zu eurem Untergang” heute noch singen?

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Das ist ja noch älter, die erste Single überhaupt. Ich würde es schon bevorzugen, wir würden uns über das unterhalten, was jetzt passiert, als dass ich jetzt Texte von 1980 kommentieren soll.

Ein Bild aus alten Tagen: Blixa Bargeld. © Quelle: imago/BRIGANI-ART

Haben Sie in diesen Tagen der Krise schon ein paar neue Gedanken zu Papier gebracht, aus denen mal ein Song wird?

In mein Notizheft schreibe ich jeden Tag irgendetwas. Ein Song werden kann das alles.

Würden Sie mir eine Zeile vorlesen?

Nein, garantiert nicht. Ich schreibe jeden Tag, meistens handschriftlich, dafür habe ich ein kleines Notizheft. Wenn ich weiß, dass ich viele, viele Zeilen schreiben werde, dass ich an etwas Größerem arbeite, wechsele ich auf die großen Notizhefte. Wenn ich genug Texte zusammen habe, tippe ich sie ab und lasse sie binden. So, das ist eine gebundene Version. Sehen Sie! Wir sind bei Band 70. 70 Bände gebundene Notizen. Alles, was ich musikalisch-lyrisch von mir gebe, hat natürlich mal als Notiz angefangen.

Werden wir aus dieser Krise lernen?

Na ja, ich hoffe, dass wir aus dieser Zeit herauskommen, und die Welt ist nicht mehr dieselbe. Davon gehen aber auch alle intelligenten Menschen aus. Die Frage, welche Chancen das birgt, kann ich Ihnen nicht beantworten. Vielleicht ist das auch besser so. Ich möchte gar nicht die Sprache und die Worte haben, um das alles einfrieden zu können, was ich mir vielleicht wünsche. Es muss eine neue Sprache sein. Das Interessante ist auch: Wir sehen plötzlich, dass die Politik durchaus in der Lage ist, größere Dinge zu bewegen. Dass die Wirtschaftsordnung zusammenbricht, das wissen wir auch.

Ich weiß im Moment eigentlich gar nichts …

Das ist eigentlich das Beste: nichts zu wissen, aber immer informiert bleiben. Ich hätte mir die Situation, wie sie jetzt ist, vor zwei Wochen nicht vorstellen können, und vor vier Wochen nicht, wie sie vor zwei Wochen war. Ich weiß auch nicht, wie sie in zwei Wochen sein wird. Ich bin genauso ratlos wie jeder andere.

Ich finde, mit Ihrer Art von Musik schminken Sie die Wirklichkeit ab, bis nur noch das nackte Jetzt da ist. Sie gaukeln nichts vor, trösten nicht, werden nicht sentimental. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur die Instrumentierung ist nicht mehr so radikal wie früher. Warum nicht?

Vielleicht, weil ich mich nicht wiederholen will. Es ist ja der Usus jeder mittelmäßigen Band, die einmal gefundene Formel zu wiederholen. Bei uns ist die einmal gefundene Formel, sich nicht zu wiederholen. Ich mache das, was ich gerade machen will. Das, was wir zu Zeiten von “Kollaps” gemacht haben, war aus meiner damaligen Lebenssituation heraus erwachsen. Aufgebrochene Hausbriefkästen, Außenklo zwischen dem ersten und zweiten Stock, Spuren des Zweiten Weltkriegs an allen Hausfassaden West-Berlins, Ruinen im Stadtbild – genau so war meine Lebenssituation. So lebe ich aber nicht mehr. Ich lebe im Scheunenviertel, der gentrifiziertesten Gegend ganz Berlins. Als ich nach San Francisco ging, sah es hier so aus, als wäre der letzte Weltkrieg letzte Woche zu Ende gewesen. Als ich zurückkam, war alles fertig und ultrateuer. Wenn wir jetzt unser damaliges Konzept weiter repräsentieren würden, würde ich lügen. Das tue ich nicht.

Sie haben mal Reklame für einen Baumarkt gemacht: “Blixa Bargeld liest Hornbach.” Sie trugen aus den Prospekten vor. Wollten Sie sich dadurch befreien, sich von Ihrer Legende als die Band mit den Bohrmaschinen abkoppeln? Bob Dylan ist mal in einem Spot für Dessous aufgetreten, vermutlich um die Sixties-Ikone zu zerstören, für die ihn viele bis heute halten.

So? Eigentlich nicht. Wir benutzen doch immer noch ein eher außergewöhnliches Instrumentarium, was sich aber für uns als zunehmend schwierig darstellt. Die lassen uns nicht mehr auf den Schrottplatz. Aus versicherungstechnischen Gründen. Früher, Anfang der Achtziger in West-Berlin, konnte man das Zeug auf der Straße wegfinden. Da musste man noch nicht mal zum Schrottplatz fahren.

Die Band sucht noch immer Klanginstrumente auf dem Schrottplatz

Auf Ihrer Facebook-Seite zeigen Sie einige der Spiralen und Röhren, die Sie auf dem neuen Album spielen.

Das meiste, was da ist, ist schon eine ganze Weile da. Wir haben tatsächlich einen Ausflug zu einem Schrottplatz in Brandenburg nahe der polnischen Grenze gemacht. Wir suchten nach ein paar neuen Dingen, die vielleicht eine Geschichte haben, die uns ein neues Feld an Metaphern eröffnen, die man irgendwie überlisten kann, sodass sie etwas von sich preisgeben. Aber sie wollten uns nur auf ihre Müllhalde lassen.

Und dann?

Ich wollte schon immer etwas mit dieser bestimmten Art von Taschen machen. Ich zeige sie Ihnen. (Er zeigt ein Handyfoto von einer Art Reisetasche.) Nicht, weil sie besonders gut klingen, Klang ist für mich bei Weitem überbewertet, sondern einfach wegen ihrer ubiquitären Erscheinung. Wir haben lange experimentiert. Zuerst bestellte ich eine Flasche Helium, weil ich dachte, man könnte die Taschen schweben lassen. Aber das Helium hat dafür leider nicht gereicht. Dann befüllten wir sie mit Styroporflocken. Dann ging eine lange Diskussion innerhalb der Band los, ob wir denn überhaupt noch mit Verpackungsmaterialien arbeiten sollten. Es endete damit, dass wir sie mit Lumpen füllten. Allein das Bild, wie Jochen Arbeit und Andrew Unruh jeweils zwei dieser Taschen spielen, war richtungsweisend.

In welche Richtung ging es?

Wir haben noch eine Solotasche für Alexander Hacke hergestellt, gefüllt mit Tupperware voller Nägel und Nudeln. Er spielte sie wie Riesen-Maracas. Es klang wie Ozean. Da war die Richtung klar: die Migrantenkoffer, das Geräusch des Ozeans. Nach dem Ozeansolo wollte ich eigentlich den palästinensisch-schwedischen Dichter Ghayath Almadhoun zitieren, den Titel seines neuen Gedichtbandes: “Ein Raubtier namens Mittelmeer”. Über Nacht kam mir dann ein anderer Satz in den Sinn: “Zwischen uns und dir wälzt die Wogen ungeheuer ein gefräßiges Ungetüm.” Ich bin sehr glücklich mit dem Stück. Es illustriert sehr gut die Art und Weise, wie wir idealerweise arbeiten. Wir sagen nicht: Ich will über etwas schreiben, sondern wir überlisten die Dinge, bis sie etwas von sich preisgeben, das man in Worten manifestieren kann.

Sie haben die Taschen überlistet?

Es wird immer sehr viel über Sound geredet. Ich finde das komplett überbewertet. Klang hat keine qualitativen Eigenschaften. Klang hat keinen Sinn. Der Sinn ergibt sich erst durch den Kontext. Es gibt keinen besseren oder schlechteren Klang. Es gibt nur den richtigen oder falschen Klang in einem bestimmten Kontext. Nimmt man nur den Klang als Maßstab, sind die Taschen als Musikinstrumente Nieten.

Auf Ihrem neuen Album singen Sie über Berlin …

Nö. Eigentlich nicht. Wir hatten ein Stück, “Welcome to Berlin”, das aber aufgrund fehlender musikalischer Substanz weggefallen ist. Ein paar andere Stücke sind ein bisschen infiziert davon. Sie umkreisen nun wie Satelliten das leere Zentrum. “Tempelhof” zum Beispiel. Wer genauer hinhört, merkt, dass es gar nicht um Tempelhof geht.

Finde ich auch. Sie benutzen Orte wie Tempelhof oder den Grazer Damm als Hallräume. In “Landwehrkanal” singen Sie: “Wir hatten 1000 Ideen, und alle waren gut.” Vermutlich meinen Sie sich und Ihre Band, aber auch andere Vordenker wie Rosa Luxemburg, deren Leiche man einst in den Kanal geworfen hat. Luxemburgs bekanntestes Zitat lautet “Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden”. Ist dieser Song ein Freiheitswalzer?

Man darf das so lesen. Kann man. (Pause) Genauso wie sonst auch vermeide ich alles Konkrete.

Punks haben die Band mit übelsten Sachen beworfen

Sie überlassen es den Zuhörern, Ihre Stücke zu interpretieren. In Interviews reagieren Sie empört oder zumindest mit dunklem Blick, wenn man Ihre Band mit Punk in Verbindung bringt. Wieso?

Ganz simpel: Die Punks haben uns mit Bierflaschen und Bierdosen beworfen. Hinterher vereinnahmt zu werden finde ich ein bisschen unerhört. Ich kann jetzt nicht plötzlich zum Punk werden.

Wurden Sie getroffen?

Oft. Da gab es noch Schlimmeres, mit Kotze gefüllte Apfelsaftpackungen und Ähnliches.

Stört Sie die Bezeichnung Lärm?

Damit hatte ich eigentlich nie so ein Problem. Als wir 1982 bei der Documenta spielten, meinte der Moderator von “Titel, Thesen, Temperamente”, dass man “diese einstürzenden Häuser” nicht als Musik bezeichnen könne. Er fand es erstaunlich, “mit was für Lärm man heutzutage auftreten kann”. Beim Krautrock und der Avantgarde der späten Siebzigerjahre, womit wir sozialisiert wurden, ging es immer darum, den Raum der Musik zu erweitern. Bei uns hieß das dann: Wir erweitern den Raum so lange, bis keine Musik mehr da ist. Aber das sind Sachen, die ich in Interviews 1982 gesagt habe.

Sie haben dadurch etwas Neues erschaffen.

Na ja, Platz schaffen, Walter Benjamin: “Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen.”

Die Einstürzenden Neubauten haben Bands wie Depeche Mode und Rammstein stark inspiriert. Beide Gruppen füllen ganze Stadien. Wären Sie gern in einer solchen Mitsingband?

Sie glauben gar nicht, wie viele Fans bei uns mitsingen. Die ersten Reihen singen jedes Wort mit. Mitsingband ja, Stadionband nein. Das einzige Mal, dass wir in einem Stadion gespielt haben … wir waren ja tatsächlich mal Vorgruppe von U2.

Wirklich?

1993 in Rotterdam. Die haben uns nach dem ersten Gig wieder gefeuert. Wir wurden vom ersten Moment an, als ich anfing, auf Deutsch zu singen, bombardiert. Es herrschte eine chauvinistische Fußballmentalität. Ich wollte das sowieso nie. Aber der Rest der Band sagte: “Das ist eine Chance”, “Das kann man machen”, “Das sollten wir unbedingt tun”. Mark Chung hat dann einen von unseren Sticks (die aus Aluminium waren, Anm. d. Red.) ins Publikum geschmissen. Daraufhin wurden wir verbannt. Es ging durch die ganze Presse. Und ich habe gedacht: Ah, wunderbar. Es wird uns niemals jemand mehr bitten, bei sich als Vorgruppe zu spielen.


Der Poet der Unheimlichkeit

Bevor sich Blixa Bargeld in den Musiker, Texter und Sänger Blixa Bargeld verwandelte, hieß er Christian Emmerich. Auf “Alles in allem”, dem ersten Album seiner Band Einstürzende Neubauten seit zwölf Jahren, erfahren wir, dass der 61-Jährige in West-Berlin rund um den Grazer Damm aufwuchs: “Vom Trümmerberg bis zur Stadtautobahn. Kachelöfen, Waschküche unterm Dach. Luftschutzkeller in allen Häusern. Der Senat lagert Briketts für schlechte Zeiten.”

Die 1980 gegründeten Neubauten klangen am Anfang wie eine Gegenreaktion, wie eine Band, die auf Barrikaden trommelt. Ihre experimentellen Songs über den Verfall und den menschlichen Hang zur Selbstverwüstung spielten sie auf improvisierten Instrumenten, geklautem Baumaterial und Schrott, weil N. U. Unruh sein richtiges Schlagzeug verkaufen musste, um die Miete zahlen zu können. Sie funktionierten auch Elektrowerkzeuge wie Bohrmaschinen, Winkelschleifer und Presslufthämmer um. Songstrukturen, wie man sie kannte, gab es nicht. Bargelds Schreie hören sich wie “ein sterbendes Kind” an, sagte Nick Cave einmal, in dessen Band der Neubauten-Chef von 1984 bis 2003 Gitarre spielte.

Im Laufe der Zeit verliehen die Berliner ihren Liedern mehr und mehr Struktur, allein schon, um das Klischee zu vermeiden, ewige Klanganarchisten zu sein. Bargelds Poesie der Unheimlichkeit ist geblieben. “Die verbrauchten Metaphern hab’ ich im Giftmüll entsorgt”, singt er. Mit ihrer Art von Musik haben es die Neubauten bis in die Kunstkathedralen geschafft. Sie waren die erste Rockband, die in der Elbphilharmonie auftrat.

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