Das Orakel von Detmold

  • Können Steine das Denken von Russlanddeutschen beeinflussen?
  • Wer in Detmold weilt, könnte das Gefühl bekommen, dass das klappt.
  • Unser Kolumnist Wladimir Kaminer hat sich die Sache an Ort und Stelle angeschaut.
Wladimir Kaminer
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Das Spiel England gegen Deutschland habe ich in Detmold, im Lippischen Hof, zusammen mit dem Chef des hiesigen Museums für Russlanddeutsche Kulturgeschichte geguckt. Diese Einrichtung gibt es nur einmal auf der Welt, eben in Detmold.

In einer russischen Zeitung habe ich gelesen, dass die Russlanddeutschen, die in ihre historische Heimat zurückkehren, angeblich bevorzugt in der Nähe des Hermann-Denkmals angesiedelt werden, um den Prozess der „Hermannisierung“ zu beschleunigen. Das heißt, die Statue hilft ihnen, schneller in die deutsche Kultur und Sprache einzutauchen, die deutschen Tugenden, die sie möglicherweise während des langen Auslandsaufenthaltes verloren haben, wiederzufinden.

Was für ein Unsinn, dachte ich, wie kann ein Stein auf die Menschen einwirken? Meine Landsleute haben 70 Jahre im Schatten der unzähligen Lenin-Denkmäler verbracht und sind keine Kommunisten geworden. Ich bin selbst seit 30 Jahren in Deutschland und wurde überhaupt nicht hermannisiert. Allerdings war ich in den ganzen 30 Jahren noch nicht in die Nähe des Denkmals gekommen.

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Vom Museumsdirektor erfuhr ich, dass es in dieser Gegend tatsächlich sehr viele Aussiedler aus der Ukraine, Kasachstan und Kirgistan leben, die berühmte kirgisische Kolchose „Rotfront“ ist zum Beispiel beinahe vollzählig an die Lippe gezogen.

Sie sind in der Gegend heimisch geworden und deuten die hiesigen Kfz-Kennzeichen LIP als „Leben im Paradies“. Das Spiel schaute allerdings außer uns keiner. Am Tag davor hatte das Detmolder Orakel, ein Ziegenbock namens Varus, zweimal aus dem Eimer gefressen, auf dem „England“ stand, und damit des Feindes Sieg vorausgesagt.

So geschah es dann auch. Die Detmolder glaubten ihrem Orakel, sie wollten die Niederlage nicht sehen. Hoffentlich bringen die Ukrainer am Samstag es wieder in Ordnung, sagte am nächsten Tag ein frisch Hermannisierter beim Frühstück.

Wladimir Kaminer schreibt jede Woche aus seinem Alltag als Schriftsteller – zwischen Moskau und Berlin.

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