Das Leben schöntrinken: Mads Mikkelsen in „Der Rausch“

  • Der Blutalkoholwert – so eine krude Theorie – liegt von Geburt an eine halbe Promille unter dem Entspannungslevel.
  • So machen in Thomas Vinterbergs Film „Der Rausch“ drei Lehrer ein Experiment, das nur erquickliche Nebenwirkungen zeigt – anfangs.
  • Mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle amüsiert sich der Regisseur über eine Gesellschaft, die Alkohol zur legalen Droge erklärt hat.
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Die belebende oder auch zerstörerische Wirkung von Alkohol haben schon ganze andere Kinoprotagonisten im Selbstversuch getestet. Man denke nur an Heinz Rühmanns chemikalische Unterrichtsexperimente in der Heile-Welt-Komödie „Die Feuerzangenbowle“, gedreht 1944 – ein Jahr vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Oder auch an den zum Selbstmord durch Whiskey entschlossenen Drehbuchautor in „Leaving Las Vegas“ (1995), gespielt von Nicolas Cage.

Mäßig originell erscheint es deshalb auf den ersten Blick, wenn nun ein Grüpplein frustrierter dänischer Lehrer in Thomas Vinterbergs „Der Rausch“ zur Flasche greift. Interessanter wird die Angelegenheit, wenn man den Ansatz des Regisseurs genauer betrachtet.

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Die Theorie vom zu niedrigen Blutalkoholwert

Bei einer feucht-fröhlichen Geburtstagsfeier mit edlem Schampus und kräftigem Wodka lassen sie sich von einem finnischen Psychotherapeuten namens Finn Skarderud inspirieren. Nach dessen Überlegungen liegt der Blutalkoholwert qua Geburt eine halbe Promille unter dem Zustand, in dem der Mensch ebenso entspannt wie motiviert durchs Leben geht.

Skarderud gibt es wirklich, und er muss sich auch entsprechend geäußert haben, aber ganz ernst dürfte er seine Einlassung kaum gemeint haben. Im Film beschließt das Quartett jedenfalls, das empfohlene Level tagsüber zu halten. Schließlich gehe es um einen Feldversuch, der zumindest anfangs auch noch mit wissenschaftlichen Notizen dokumentiert wird.

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Der zweite Wodka lässt Lehrer Martin swingen

Zunächst zeigt der zweite Wodka vor dem Frühstück tatsächlich die erhoffte Wirkung, besonders im Fall von Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen). Vor dem Experiment saß er erschöpft und müde vor seiner Klasse, kaum fähig, einen stringenten Unterricht zu halten – weswegen er schon das Ziel verärgerter Schüler und ihrer Eltern ist, die die Abschlussprüfungen gefährdet sehen.

Und nun agiert Martin beschwingt an der Klassentafel und begeistert seine Schüler für Winston Churchill. Der britische Premier war dem Alkohol ja auch keineswegs abgeneigt, wie historische Quellen bezeugen.

Mehr noch: Auch zu Hause kommt wieder Schwung ins Familienleben. Martins Ehefrau Trine (Maria Bonnevie) weiß gar nicht, was sie von der überraschenden Verwandlung ihres Mannes zum energiegeladenen und sexbereiten Mann halten soll.

„Der Rausch“ ist mehr als eine Trinkerkomödie

Längst hatte sich die Krankenschwester mit den vielen Nachtschichten in ein Parallelleben ohne große Berührungspunkte mit ihrem Gatten eingerichtet. Ihrer Ansicht nach könnte das allerdings auch so bleiben.

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Langsam schält sich heraus, dass „Der Rausch“ mehr ist als eine Trinkerkomödie. Es geht auch um mehr als um ein paar erschöpfte Männer in der Midlife-Crisis, die sich bald schon wie Pubertierende aufführen.

Der Däne Vinterberg ist berühmt-berüchtigt für seine filmischen Provokationen. Erinnert sei an die gnadenlos-schmerzhaften Familienenthüllungen im Dogmadrama „Das Fest“ (1998) oder die Geschichte eines fälschlich des Missbrauchs bezichtigten Erziehers in „Die Jagd“ (2012, ebenfalls mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle).

Vinterberg amüsiert sich über die verlogene Gesellschaft

Hier amüsiert sich Vinterberg über eine Gesellschaft, die Alkohol zur legalen Droge erklärt hat. Spätestens beim Abendessen wird allseits akzeptiert, sich das Leben schönzutrinken. In diesem Fall verändern die Lehrkräfte eben die akzeptierte Trinkordnung: Sie konsumieren den Schnaps schon vor der Schule.

Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) bezeichnete Vinterberg seinen Film als ein Plädoyer für das Unkontrollierbare im Leben: „Es geht darum, sich für Neugier, Risiko und Inspiration zu entscheiden – in letzterem Begriff steckt übrigens ‚Spirit‘, und bei diesem englischen Wort geht es um mehr als nur um Alkohol. Kurz: Wir wollten einen lebensbejahenden Film machen.“

Vinterberg ist aber ist alles andere als ein Regisseur mit pädagogischen Ambitionen. Für ihn steht die Unterhaltung obenan. In Dänemark sahen im Vorjahr mitten in der Pandemie mehr als 800.000 Zuschauer seinen Film - das war Rekord im Corona-Jahr. Der Film wurde zudem mit Trophäen überschüttet. Er gewann genauso den Europäischen Filmpreis wie den Auslands-Oscar in Hollywood.

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Gut gehen kann so ein alkoholisches Experiment selbstredend nicht. Martin und seine Lehrerkumpel Tommy (Thomas Bo Larsen), Nikolaj (Magnus Millang) und Peter (Lars Ranthe) erhöhen bald schon das tägliche Alkoholpensum. Die Sache läuft aus dem Ruder. In die eben noch so gute Laune mischt sich ein gehöriger Schuss Tragik, als einer der vier mit seinem Leben nicht mehr klarkommt.

Darauf ein Gläschen Sekt!

„Der Rausch“, Regie: Thomas Vinterberg, mit Mads Mikkelsen, Maria Bonnevie, 116 Minuten, FSK 12

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