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U2-Frontmann stellt Biografie vor

Das Leben des Bono: kleiner Mann, gigantische Gefühle

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„Ich wollte meinen Ruhm für sinnvollere Dinge nutzen, als die Möglichkeit, in einem vollbesetzten Restaurant einen Tisch zu bekommen“: U2-Sänger Bono.

Berlin. „Ich bin ein Bariton, der sich für einen Tenor hält“, gibt Paul David Hewson, genannt Bono, zu. Sein Vater Brendan Robert „Bob“ Hewson habe ihn einmal so bezeichnet. „Eine große Demütigung und ziemlich zutreffend.“

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Die Offenheit und der Humor, mit denen der Sänger der irischen Band U2 in seiner Autobiografie „Surrender – 40 Songs, eine Geschichte“ über sein Ringen mit dem eigenen Ich und über väterliche Anerkennung spricht, sind bemerkenswert und berühren.

Schwierige Beziehung: Bono mit seinem Vater Bob Hewson.

Schwierige Beziehung: Bono mit seinem Vater Bob Hewson.

„Einige der egozentrischsten Menschen, die ich kenne, sind Künstler (ich zum Beispiel)“, schreibt der 62-jährige Rockstar und Staraktivist, der auf der Bühne bisweilen hin- und hergerissen wirkt zwischen dem Wunsch nach Aufmerksamkeit und dem Wunsch, die Welt zu verbessern. Den jungen Bono beschreibt er als „Zitteraal in schwarzen Plastikhosen, der Gott anbrüllte, anstatt den Himmel anzusingen“. Er sei, so offenbart er, „ein kleiner Mann, der gigantische Songs vorträgt“.

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„With or Without You“, einen dieser gigantischen Songs, singt er auch im Berliner Admiralspalast, wo er am Mittwoch sein Buch bei einer Kombination aus Lesung und Konzert vorstellte.

Einleitend beschreibt Bono die erste gemeinsame Wohnung, die er mit seiner Frau Ali bezog. Sie befand sich in einem alten Wachturm im Badeort Bray südlich von Dublin. „Wir waren noch nicht ganz zwei Jahre verheiratet, als Ali immer wieder in längere Schweigephasen verfiel“, erzählt er. „Unsere wöchentlichen Spaziergänge auf der Strandpromenade waren manchmal von Schwermut überschattet. Eine leere Küstenstadt im Winter hat sowieso etwas morbid Romantisches, die innere Oper wird untermalt von den Wellen, die gegen den Felsenstrand krachen und alles zum Schweigen bringen, während sie sich überlegen, ob sie bleiben sollen oder nicht. Weiße Wellen, die schwarze Felsen küssen.“

Dann singt er das Lied von 1987. „I can‘t live – with or without you.“ Begleitet von der Cellistin Kate Ellis, der Harfenistin Gemma Doherty und dem langjährigen U2-Produzenten Jacknife Lee an den Keyboards wird das Stück zu einer Art Gebet, noch mehr, als es die U2-Originalversion schon ist. Alle Lieder, die er an diesem Abend singt, sind neu arrangiert und auf das Wesentliche reduziert: auf ihre Poesie. Und das klingt wunderbar.

„Surrender“, der Buchtitel, bedeutet bei Bono Hingabe und ist wohl seine Strategie, um nicht verrückt zu werden im Chaos des Lebens. Wie er seine Geschichten und die dazugehörigen Songs präsentiert, Bono-Pathos inklusive, lässt darauf schließen, dass er immer bereit ist, sich vollkommen hinzugeben – nicht nur sich selbst, seinen Zweifeln und seinem Schmerz, sondern auch seiner Familie, seinen Bandkollegen, neuen Ideen und Aufgaben, der Musik sowieso, dem Leben und dem Tod.

Staraktivist: Bono und seine Frau Ali machen sich nach Live Aid selbst ein Bild von der Lage in Äthiopien.

Staraktivist: Bono und seine Frau Ali machen sich nach Live Aid selbst ein Bild von der Lage in Äthiopien.

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„I Will Follow“, einer der frühen U2-Hits, und „Iris (Hold Me Close)“ singt er nacheinander kurz an. Beide Stücke handeln von seiner Mutter Iris, die an den Folgen eines Hirnaneurysmas starb, als er 14 Jahre alt war. Die Trauer um sie, die Leere nach ihrem Tod, vor allem aber die Wut auf seinen Vater haben ihn dazu gebracht, ein „berühmter selbstverliebter Sänger“ zu werden. „Dass mein Vater, ein Tenor, sich nicht für die Stimme seines Sohnes interessiert hat, ist nicht leicht zu erklären, aber es war vielleicht entscheidend.“

Der Vater starb 2001 an einer Krebserkrankung. Danach habe sich seine Stimme verändert, erzählt Bono. „Es war, als hätte ich ein paar hohe Töne dazugewonnen, als wäre ich endlich ein echter Tenor geworden.“

U2 vor dem Weltruhm: The Edge, Larry Mullen jr., Bono und Adam Clayton (von links).

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Wie schon auf den beiden bisher letzten U2-Alben richtet der 62-Jährige auch in seinem Buch Fragen an sich selbst, die wohl jeden Menschen ab einem gewissen Alter beschäftigen. Welche Voraussetzungen hatte ich? Was habe ich aus meinen Möglichkeiten gemacht? Habe ich etwas verpasst? Sollte ich etwas verändern? Was ist aus den eigenen Idealen geworden? Wie viel ist noch übrig von der ursprünglichen Punkidee?

Wird ein Künstler selbst zum Politiker, wenn er wie Bono mit Politikern über einen Schuldenerlass für arme Länder oder Aids-Hilfen in Milliardenhöhe verhandelt? „Ich wollte meinen Ruhm für sinnvollere Dinge nutzen, als die Möglichkeit, in einem vollbesetzten Restaurant einen Tisch zu bekommen“, sagt er.

Dass sich U2 im Jahr 2014 mit dem Weltkonzern Apple für die „größte Albumveröffentlichung aller Zeiten“ verbündeten und ihre Glaubwürdigkeit verscherbelten, lässt Bono im Admiralspalast aus. Im Buch räumt er dies als Fehler ein. Für eine subversive Punkaktion halte er den damals allen iTunes-Kunden aufgedrängten kostenlosen Download von „Songs of Innocence“ heute nicht mehr.

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„Ich habe Angst, dass wir das Versprechen brechen könnten, dass wir uns als Jugendliche gegeben haben, dass wir niemals unsere musikalische Vision für ein bequemes Leben verkaufen würden“, schreibt er in „Surrender“. „Ich habe Angst, dass wir zu Feinden derjenigen werden könnten, die wir einmal waren.“

Menschen mit einer U2-Antipathie finden, dass das längst passiert sei. Von denen ist vermutlich niemand im Admiralspalast. Die Fans jubeln – über Bonos Gabe, Gefühle zu vergrößern, und besonders darüber, U2-Songs wie „Sunday Bloody Sunday“, „Where the Streets Have No Name“ oder „Beautiful Day“ ohne den ganzen Zirkus und Thekenlärm einer typischen U2-Stadionshow zu hören. Näher als in diesem Theater werden sie ihrem Idol wohl kaum wieder kommen.

Am Ende singt Bono das neapolitanische Abschiedslied „Torna a Surriento“, das auch U2-Freund Luciano Pavarotti im Repertoire hatte. Auf Deutsch: Komm zurück nach Sorrent. „Sieh, das Meer, wie schön es ist, es weckt so viel Gefühl, so wie du bei einem, den du anschaust, den du wachend träumen lässt“, heißt es in der Hymne.

Bono singt es in Gedenken an seinen Vater, den Hobbytenor. Er nimmt das Publikum noch einmal mit in eine leere Küstenstadt im Winter. Wir blicken auf die melancholische See. Weiße Wellen, die schwarze Felsen küssen.

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