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“Das kann uns keiner nehmen”: Matthias Polityckis neuer Roman - ein Buch, das knallt

  • Matthias Politycki, der rastlos Reisende unter Deutschlands Romanciers, war wieder unterwegs – in Tansania.
  • Und siedelt im Schatten des Kilimandscharo einen virtuosen Deutschland-Roman an.
  • "Das kann uns keiner nehmen” handelt von Freundschaft, (enttäuschter) Liebe, Verlust, Tod und vor allem davon, wie political correctness den Blick aufs Wesentliche verstellen kann.
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Hans hat etwas mit sich auszumachen – und mit Afrika. Die Rechnung, die der distinguierte hanseatische Ich-Erzähler, dessen Brotberuf Schriftsteller ist, mit dem mächtigen Kontinent offen hat, ist eine so fundamental persönliche, dass es ihn mit 63 Jahren, also weit jenseits der Midlife-Crisis, den 5895 Meter hohen Kilimandscharo in Tansania hinauf treibt, den heiligsten aller heiligen Berge Afrikas. Es gilt Einiges mit sich selbst klarzustellen, da kommt die majestätische Einsamkeit von Krater und Gipfel gerade recht. Blöd nur, dass es alles andere als einsam ist, dort oben. Ein bajuwarischer Poltergeist namens Tscharli, samt vielköpfiger einheimischer Entourage, hat es schon vorher auf den Kibo geschafft. Und gerät sofort mit Hans aneinander. Am N-Wort, jenem schon Jahrzehnte nicht mehr statthaften Begriff über schwarze Menschen, entzündet sich ein erstes Wortgefecht zwischen dem Macho aus Miesbach und der Edelfeder aus Eimsbüttel:

“Selbst wenn sich das noch nicht bis Miesbach rumgesprochen haben sollte: Es heißt Afrikaner."

“Afri-ka-ner …” Der Tscharli gab den abgebrühten Afrikakenner, bekam allerdings vor Empörung kaum Luft: Wie ich denn bittschön die Weißen bezeichnen wolle, die hier geboren seien? Etwa auch Afrikaner? Und die Schwarzen dann vielleicht ganz oberschlaumeiermäßig Afroafrikaner? "Verdammte – " Und ob ich selber nichts als ein Europäer sei? Oder doch ein Weißer? Und ganz eigentlich ein Deutscher, nein, ein feiner Han-se-at, was Besseres?

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" – Scheiße!" schlug ich mit der Faust auf den Tisch, dass die Aluteller schepperten: Jetzt reiche es mir, er solle seinen Mund wenigstens beim Essen halten. Und darüber nachdenken, welch reaktionären Stuss er gerade verzapft habe."

Eine Debatte über Sprachtabus und politische Korrektheit in mehr als 5000 Metern Höhe – ob die Schnappatmung nun eher dem Sauerstoffmangel dort oben oder dem unsagbaren Gesagten zu danken sei, verrät Politycki in jener Szene nicht, wohl aber, dass es ein ganz besonders antagonistisches Protagonisten-Pärchen ist, das er da für seinen jüngsten Roman ausgesucht hat. Die lebensfeindliche Umgebung jedenfalls, in der die Beiden aufeinander treffen, lässt ihnen perspektivisch keine andere Wahl, als sich einander anzunähern. Und dabei, so viel sei immerhin verraten, geraten scheinbar festgefügte Wertewelten ins Wanken und reift die Erkenntnis, dass man Menschen nicht auf den ersten Blick beurteilen sollte.

Denn der Tscharli, auf den bestimmten Artikel legt der Bayer einen bestimmten Wert, wird zusehends menschlicher, wie er sich, erst einmal runter vom Berg, trick- und kenntnisreich durch Afrika bewegt. Stets umringt von einem Kreis ihm zutiefst zugetaner Einheimischer, die sein Pidgin-Englisch – politisch korrekt wohl eher regionaler Soziolekt – vermengt mit Bayrisch, Kisuaheli und Fantasieworten, die nach Kisuaheli klingen, als Würdigung feiern und nicht als Anmaßung empfinden, öffnet der geheimnisvolle Bayer seinem widerwilligen Kompagnon Hans allmählich die Augen über Afrika, das Leben, die Frauen, Verlust – und vor allem die bedrückende Enge und den Mief, dem er aus Deutschland entflohen. Dieses Deutschland, die unversöhnliche Spaltung des Landes in “rechts” und “links” sowie die Ausfransungen entlang dieser ideologischen Gräben wie Verdruckstheit und Sprachverbote sind eine Hauptebene des Buches, aber eben auch nur ein Sediment in dessen großer Vielschichtigkeit.

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Entlang der Annäherung seiner beiden so unterschiedlichen Protagonisten entwickelt Matthias Politycki ein unglaublich rasantes Roadmovie, das einen als Leser nicht nur ob der dünnen Höhenluft am Kilimandscharo atemlos zurücklässt. Hier ein wenig Joseph Conrad, dort ein bisschen Hemingway. Die Mehrgleisigkeit der Handlung, die meisterhaften dramaturgischen Brechungen und die schnelle Taktung des Buches machen “Das kann uns keiner nehmen” zu einem wirklichen Meisterwerk. Gewohnt akribisch und dennoch höchst poetisch ist Polityckis Schilderung von Land und Leuten, die zu einer gewaltigen Authentizität auch jener Figuren führt, die komplett erfunden sind – und Anklänge an biographische Wirklichkeiten geschickt vernebelt.

"Das kann uns keiner nehmen" – das Cover von Matthias Polityckis neuem Roman. © Quelle: Hoffmann und Campe
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Der Tscharli, gepeinigt von einer (womöglich) tödlichen Krankheit, will noch einmal seine Lieblingsorte besuchen – und der Hansi, wie er ihn nennt, soll mit. So reisen sie denn los, dank Polityckis meisterlicher Geschichtenführung zwischen Slapstick und Tiefgründigkeit immer auf dem richtigen Weg – und kommen am Ende bei sich selbst an. “Das kann uns keiner nehmen” ist Matthias Polityckis bisher persönlichster Roman, was auch der eindrucksvollen literarischen Verarbeitung einer Afrikareise aus dem Jahr 1993 geschuldet ist, die den Autor beinahe das Leben gekostet hätte. So real liest sich diese Fiktion, dass Politycki in Nachwort und Vorrede für das Presse-Exemplar eigens noch einmal darauf hinweist, dass es sich hier um ein fiktionales Buch handle. Eines allerdings, das so richtig knallt.

Matthias Politycki, Das kann uns keiner nehmen, Hoffmann und Campe, 302 Seiten, 22 Euro


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