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„Titane“-Regisseurin Julia Ducournau: „Das Geschlecht ist irrelevant“

  • Julia Ducournaus Sieg mit dem Film „Titane“ beim Festival in Cannes wurde als Sensation gefeiert.
  • Der Erfolg der französischen Regisseurin löste sogleich Debatten aus.
  • Im Interview spricht sie über Solidarität unter Frauen und Frankensteins Monster.
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Frau Ducournau, beim Festival in Cannes im Sommer verplapperte sich Jurypräsident Spike Lee: Er verriet am Anfang der Preisgala und damit viel zu früh, dass Sie für Ihren Film „Titane“ die Goldene Palme bekommen würden. Haben Sie ihm geglaubt?

Um ehrlich zu sein, habe ich gedacht: Was zum Teufel ist hier los? Ich habe bis zum Ende der Gala gezweifelt. Das war alles so chaotisch damals. Ich dachte, da gibt es irgendeinen Fehler. Oder ich habe mich verhört. Glücklicherweise war es dann doch nicht wie bei den Oscars 2017 mit „La La Land“, als die falsche Karte verlesen wurde – und tatsächlich „Moonlight“ gewonnen hatte. Erst als dann am Ende wieder mein Name fiel, habe ich es kapiert.

Vor Ihnen hat nur eine Frau in Cannes gewonnen: Jane Campion 28 Jahre zuvor mit „Das Piano“. Hat sie Ihnen schon gratuliert?

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Tatsächlich haben wir nicht direkt miteinander gesprochen. Ich habe aber gelesen, wie sie sich über meine Palme freut. Ich hoffe sehr, ihr bald mal zu begegnen. Es gibt kaum einen Film, den ich lieber sehen würde als „The Power of the Dog“, ihren Western mit Benedict Cumberbatch, den sie beim Festival in Venedig präsentiert hat.

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Wie kann es sein, dass in der langen, glorreichen Geschichte von Cannes erst zwei Frauen die Goldene Palme gewonnen haben?

Zwei Frauen, 72 Männer. Das ist absolut wahnsinnig, oder? Dieses Verhältnis tut richtig weh. Dieses Jahr traten im Wettbewerb vier Frauen gegen 20 Männer an. Das sind nicht besonders viele.

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Gibt es unter den wenigen Frauen in Cannes eine besondere Solidarität?

Ich kann Ihnen da eine Geschichte erzählen, die mein Herz erwärmt hat. Nach der Palmen-Verleihung gibt es viele Partys. Im Laufe des Abends bin ich jedem der fünf weiblichen Jurymitglieder irgendwann über den Weg gelaufen. Die eine traf ich am Strand, die andere vor dem Fahrstuhl, eine sogar auf der Toilette. Und jede von ihnen hat mir sofort dasselbe erzählt.

Agathe Rousselle als Alexia in einer Szene des Films „Titane“. © Quelle: Carole Bethuel/Koch Films/dpa

Was denn?

Sie sagten ganz unabhängig voneinander: Du hast die Goldene Palme nicht deshalb bekommen, weil du eine Frau bist. Und das war ganz wichtig: Nur eine Frau konnte wissen, dass der Preis für mich ruiniert gewesen wäre, wenn ich auch nur einen Zweifel daran gehabt hätte. Das meine ich absolut ernst. Das war die großzügigste Geste, die jemand in diesem Moment und an diesem Ort mir gegenüber ausdrücken konnte. Für mich war das ein Beweis weiblicher Solidarität.

Frauen gewinnen die wichtigsten Festivalpreise

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Wenige Monate zuvor hatte Chloé Zhao mit ihrem Film „Nomadland“ erst den Goldenen Löwen von Venedig und dann den Oscar gewonnen – gerade hat Audrey Diwan wiederum in Venedig mit dem Abtreibungsdrama „L‘évènement“ nachgelegt. So eine erfolgreiche Bilanz gab es aus weiblicher Sicht noch nie. Tut sich etwas für Frauen im Kinogeschäft?

Eine Sache, die Sie über mich wissen müssen, ist, dass ich sehr vorsichtig bin – besonders wenn wir über Bewegungen in der Geschichte reden. Aber ja, wir können fühlen, dass sich etwas verändert. Die MeToo-Bewegung hat einen Wandel angestoßen. Doch solange es nicht echte Gleichberechtigung auf jedem Level der Gesellschaft gibt, ist der Kampf nicht vorbei.

Woran denken Sie?

Wir reden hier über Filmpreise. Und Preise sind toll! Aber sie repräsentieren nicht die Wirklichkeit. Zum Beispiel: Solange Frauen sich nicht genauso sicher im öffentlichen Raum fühlen wie Männer, solange sie lieber darauf verzichten, die letzte U-Bahn zu nehmen und kurze Röcke zu tragen, um nicht in Gefahr zu geraten, so lange ist es nicht vorbei.

Wie würden Sie einem potenziellen Zuschauer „Titane“ erklären?

Der Film erzählt eine echte Liebesgeschichte. Aber mit der Liebe ist es nicht leicht.

Sie hätten jetzt auch von einer Frau erzählen können, die Sex mit einem Cadillac hat, schwanger von dem Wagen wird und dass aus ihren Brüsten Motoröl statt Milch fließt …

… na ja, das liegt in der Logik der Geschichte. Wenn eine Frau schwanger von einem Auto ist, dann ist es naheliegend, dass sie Motoröl produziert. Oder? Für mich klingt das gar nicht so verrückt. Wer eine eigene Welt erschafft, muss auch deren Regeln befolgen. Und dann ist alles möglich, was in der Wirklichkeit nicht möglich ist.

Film ohne große Worte

In Ihrem Film wird nur sehr wenig gesprochen: Misstrauen Sie Worten?

Nein, sonst würde ich nicht meine eigenen Drehbücher schreiben. Aber Bilder und Sound kommen für mich zuerst. Mein Kino setzt aufs Visuelle – und bringt mich manchmal so weit, dass ich auf Dialoge verzichten kann. Auch über den Tanz lässt sich Liebe ausdrücken – und in „Titane“ tanzt beinahe jeder irgendwann mal. Körpersprache funktioniert wie ein Dialog. Das Publikum ist ganz nah an den Figuren, eingetaucht in die Musik.

Wieso haben Körper so eine große Bedeutung für Sie?

Ein Körper kann ein Gefängnis sein, er kann Möglichkeiten eröffnen, und er ist wandelbar. Wir haben ein ganz besonderes Verhältnis zu ihm: Es gibt diesen einen Moment, in dem du dich abends ausziehst, ins Bad gehst und dich im Spiegel nackt siehst. Da ist dieses Gefühl der Verletzbarkeit, denn niemand ist wirklich absolut zufrieden mit seinem Körper. Was witzig ist: Der Körper ist unser bester Gefährte, und wir sind nie zufrieden mit ihm. Das versuche ich zu zeigen, dieses Gefühl: gleichzeitig ein bisschen verletzlich zu sein, ein bisschen grotesk, ein bisschen unzufrieden, ein bisschen lächerlich. Und trotzdem stehen wir da vor dem Spiegel.

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Es gibt mehr als „toxische Männlichkeit“

Gilt das für Frauen und Männer gleichermaßen?

Für mich ist das Geschlecht ein soziales Konstrukt, das uns auferlegt wird. An einem bestimmten Punkt müssen wir uns davon befreien. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer. Als Mann wäre ich zum Beispiel beleidigt, versuchte man, mich auf meine toxische Männlichkeit oder angeblich männliche Instinkte wie Gewalt zu reduzieren. Das Geschlecht ist letztlich irrelevant.

Sie spielen in Ihren Filmen gern mit Abweichungen von der Norm: Ist „Titane“ eine Einladung, das Monströse einzubeziehen?

Ich glaube, das ist ziemlich genau das, was ich seit meinem ersten Kurzfilm „Junior“ vor zehn Jahren getan habe. Ich habe bei „Titane“ auch an Frankenstein und seine Kreatur gedacht. Das Monster dient dazu, das angeblich Normale und das angeblich Nichtnormale zu entlarven. An einem Punkt in Mary Shelleys „Frankenstein“ wird das Monster menschlich – aber nicht durch Liebe, sondern durch Gewalt. Es zerstört alles. Und das ist schrecklich für seinen Schöpfer Viktor Frankenstein. Er weiß genauso, dass er etwas erfunden hat, das genauso wie er ist. Das Monster schaut uns in die Augen.

Frau Ducournau, wann wird die nächste Frau in Cannes die Goldene Palme gewinnen?

Schwer zu sagen. Aber was ich weiß, ist dies: Wenn irgendwann in einem Wettbewerb von 20 Filmen die Hälfte von Frauen inszeniert wird, sind die Chancen größer.

Das ist Julia Ducournau

Zwei Kinofilme hat die 1983 in Paris geborene Julia Ducournau gedreht. In „Raw“ (2016) erzählt sie von einer Vegetarierin mit Lust auf Menschenfleisch. Im Cannes-Sieger „Titane“ (Kinostart: 7. Oktober) nimmt eine Serienmörderin, gespielt von Agathe Rousselle, die Identität des vermissten Sohns eines Feuerwehrmanns an. Gesprochen wurde vor allem über eine Filmszene: über Bondagesex mit einem Cadillac.

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