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700. Todestag von Italiens Nationaldichter Dante – zur Hölle mit diesem Buch

  • Er gilt als der Vater der italienischen Sprache und als Symbol für die Einheit des Landes.
  • Dante Alighieri lebte und starb im Mittelalter, doch vor allem sein berühmtestes Werk „Die Göttliche Komödie“ wird noch heute viel gelesen.
  • Ganz Italien begeht am heutigen Dienstag den 700. Todestag des Nationaldichters.
Klaus Blume
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Das berühmteste Zitat, das aus Dantes „Göttlicher Komödie“ hängengeblieben ist, könnte man als Motto des reinsten Pessimismus bezeichnen: „Lasciate ogni speranza, voi ch‘entrate“ – „Last alle Hoffnung fahren, wenn ihr hier hereinkommt.“ Er steht im ersten Teil der „Commedia“, in Dantes „Inferno“. Dort wird Dantes Reise durch die Hölle beschrieben, die in der Fantasie des italienischen Dichters aus neun konzentrischen Kreisen besteht.

Am Anfang des Langgedichts stehen die berühmten Sätze „Auf der Hälfte des Weges unseres Lebens fand ich mich in einem finsteren Wald wieder, denn der gerade Weg war verloren“ (in der Übersetzung von Hartmut Köhler, Reclam). Dante ist 35 Jahre alt, als er die Zeilen schrieb, und nach seiner Vorstellung hat er die Hälfte seines Lebens hinter sich. In der „Commedia“, der erst Dantes Verehrer und Kommentator Giovanni Boccaccio den huldigenden Beinamen „Göttliche“ verlieh, macht sich der Dichter auf den Weg auf eine lange Reise. Gemeinsam mir Vergil, dem Dichter der „Aeneis“ geht Dante durch die Unterwelt.

Seit mehr als 700 Jahren Teil der Weltliteratur

Und dort steht er nun, am Tor der Hölle, an dem er liest, dass alle Eintretenden jegliche Hoffnung fahren lassen sollen. Dante zeigt sich schockiert. „Meister, was dort steht, trifft mich hart“. Und doch treten die beiden in die neun Kreise der Hölle ein – und es beginnt die berühmte Reise durch die Hölle, die nun schon seit mehr als sieben Jahrhunderten einen festen Platz in der Weltliteratur hat.

Die „Commedia“ hat unsere Vorstellungen von der Hölle maßgeblich geprägt. Die Schilderungen dieses Ortes bleiben in der Bibel ja eher vage. Dante hat aus der Hölle einen unterirdischen Ort gemacht, der von Ungeheuern, Monstern und Teufeln bewohnt wird. Und in dem die Höllenbewohnerinnen und -bewohner unsagbare Qualen erleiden müssen. „Als ein schwacher Strahl auch in den Schmerzenskerker drang und ich von den Gesichtern meinen eigenen Anblick ablesen konnte“, heißt es im 33. Gesang, „da biss ich mir vor Schmerz in beide Hände. Und sie, sie dachten wohl, ich täte das aus Essensdrang. Sie standen schnell auf und riefen: ‚Vater, uns tut es viel weniger weh, wenn du von uns abbeißt. Du hast uns doch mit diesem elenden Fleisch bekleidet. Du sollst es uns jetzt wieder nehmen.‘“ Dantes Fantasien, mit denen er seine Hölle auskleidet, kennt keine Grenzen und hat Nachahmer von Hieronymus Bosch bis Nick Lyon gefunden.

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In Florenz: ein Denkmal des Dichters Dante Alighieri in seiner Geburtsstadt. © Quelle: Klaus Blume/dpa

Spielfilme, Graphic Novels, Musicals, Videospiele – kaum ein Genre hat sich nicht an der „Göttlichen Komödie“ versucht. So lässt Dan Brown seinen Protagonisten Robert Langdon in seinem Roman „Inferno“ in einem Florentiner Krankenhaus erwachen – und einen dieser mit europäischer Kulturgeschichte vollgepackten Fälle lösen.

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Überhaupt Florenz: Hier wird Dante Alighieri 1265 geboren. Sein Leben ist durch die politischen Konflikte seiner Zeit geprägt. Er geriet – grob gesagt – zwischen die Fronten im Kampf zwischen den Kaisertreuen und den Papsttreuen. Dante musste seine Heimatstadt verlassen und kehrte bis zu seinem Tod nicht aus dem Exil zurück. Er starb heute vor 700 Jahren – am 14. September 1321 in Ravenna.

Mausoleum steht in Ravenna

Dort bekommt Dante dieser Tage viel Besuch. In der nach ihm benannten Altstadtgasse von Ravenna stehen die Menschen an einem Spätsommervormittag Schlange, um einen Blick in das Mausoleum des italienischen Nationaldichters zu werfen. Meist sind es Touristen aus anderen Teilen Italiens, die gekommen sind, um den steinernen Sarkophag und das Relief des Poeten im Inneren der Grabkammer zu sehen.

In Ravenna: Besucherinnen und Besucher stehen Schlange, um einen Blick in das Mausoleum des italienischen Nationaldichters Dante Alighieri zu werfen. © Quelle: Klaus Blume/dpa

Schon das ganze Jahr feiert Italien den „Sommo Poeta“ („Höchsten Dichter“), der mit der „Göttlichen Komödie“ nicht nur für Italiener ein Jahrtausendwerk schuf. Ausstellungen, Konferenzen und Symposien haben den vor sieben Jahrhunderten verstorbenen Dichter, der als Vater der italienischen Sprache gilt, hochleben lassen. Und unzählige Dante-Freunde haben aus seinem Epos vorgelesen, das auf 14.000 Zeilen eine abenteuerliche Reise durchs Jenseits schildert, das historische, naturwissenschaftliche und philosophische Wissen seiner Epoche verarbeitet, und das Ganze auch noch mit einer überirdischen Liebesgeschichte verknüpft.

In der alten Kaiserstadt Ravenna an der Adria ist Dante 1321 im Alter von 56 Jahren gestorben, am Ende eines bewegten Lebens. Eigentlich stammte er aus Florenz. Dort lernte er auch seine früh verstorbene Jugendliebe Beatrice kennen, die er später in der „Komödie“ vergöttlichte.

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In Ravenna, wo er die letzten Jahre seines Lebens verbrachte, vollendete er die „Commedia“, die er erst in der Verbannung zu schreiben begonnen hatte. Trotz Heimwehs nach Florenz fühlte er sich offenbar wohl in der nordostitalienischen Stadt. Den Pinienwald von Classe südlich der Stadt, wo noch heute der Wind durch die mächtigen Baumkronen rauscht, verglich er in seinem Riesengedicht mit dem Eingang zum irdischen Paradies.

Ist Florenz oder Ravenna die Dante-Stadt?

Der alte Streit zwischen Florenz und Ravenna, wer nun die eigentliche Dante-Stadt sei, ist längst entschärft. Die bedeutendste Ausstellung des Dante-Jahres unter dem Titel „Dante. La Visione dell‘arte“ („Dante. Der Blick der Kunst“) mit 300 Leihgaben wurde in der zwischen Florenz und Ravenna gelegenen Stadt Forlì gezeigt. Wegen des Corona-Lockdowns konnte sie erst verspätet eröffnet werden.

Schon seit Langem gilt Dante als nationale Ikone und als Symbol für die Einheit Italiens. In der Corona-Pandemie wurde er auch als Hoffnungsbringer beschworen, der in seinem Versepos den Weg aus höllischen Tiefen in himmlische Höhen weist.

Dies galt vor allem am „Dantedì“, dem erst 2020 eingeführten Dante-Tag am 25. März, der in diesem Jahr zum zweiten Mal in einen Lockdown fiel. Vor ganz kleinem Publikum, darunter Staatspräsident Sergio Mattarella und Kulturminister Dario Franceschini, rezitierte der Schauspieler Roberto Benigni („Das Leben ist schön“) im Quirinalspalast in Rom einen der 100 Gesänge der „Göttlichen Komödie“ – auswendig, versteht sich. Schon vor vielen Jahren hatte der Oscarpreisträger mit seiner phänomenal erfolgreichen Tour „Tutto Dante“ durch die Städte des Landes als Rezitator bewiesen, dass sich in Italien mit den Klassikern die Marktplätze füllen lassen.

„Dante ist die Einheit des Landes, Dante ist die italienische Sprache, Dante ist die Idee von Italien selbst“, erklärte Minister Franceschini einmal. Dass man sich dem Nationalheiligen durchaus auch von der heiteren Seite nähern kann, hat die Ausstellung „Dante plus 700“ gleich neben dem Dante-Mausoleum gezeigt, in der Streetart-Künstler ihrer Fantasie freien Lauf ließen: Dante mit Zigarette im Mund, mit einer Taucherbrille vorm Gesicht, einem Laptop auf dem Schoß oder einem Herzluftballon mit der Aufschrift „Beatrice I love you“ in der Hand.

Wenn es Abend wird in Ravenna, dann schlägt die Stunde der Rezitatoren. Um 18 Uhr lesen vor dem Mausoleum Frauen und Männer die gesamte „Göttliche Komödie“, je einen Gesang pro Tag, der 100. dürfte am 19. Oktober erreicht werden. Die Lektüre wird im Internet übertragen. Etwa zehn Minuten dauert es, einen „Canto“ vorzulesen. Danach läutet die kleine Glocke im Park hinter dem Grabmal 13 M.

Wie konnte das Buch so lange überdauern?

Wer sich Dante lieber auf dem heimischen Sofa oder dem Balkon bei spätsommerlichen Temperaturen hingeben will, kann zu einer ausführlich kommentierten und neu übersetzten Ausgabe greifen. Bei Reclam ist die „Göttliche Komödie“ in drei Bänden erschienen (übersetzt von Hartmut Köhler, 2082 Seiten, 65 Euro).

Franziska Meier wiederum liefert die Geschichte dieses Jahrtausendbuchs. Warum und wie konnte dieses Werk über 700 Jahre alle Zeiten überdauern? Meier erinnert in ihrem Buch „Besuch in der Hölle. Dantes Göttliche Komödie“ (C.H. Beck, 214 Seiten, 26 Euro) an all die Dichter und Denker, die Dante rezipiert haben. Sie schreibt, wie Überlebende der Arbeits- und Vernichtungslager wie Imre Kertesz sich auf Dante bezogen haben. Und wie das Werk im Orient genauso gelesen wird wie in Japan und in Afrika. Dantes „Göttliche Komödie“ hat eine sehr lange Reise durch Raum und Zeit unternommen. Und ein Ende ist nicht in Sicht.

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