• Startseite
  • Kultur
  • Corona-Floskeln: Ein kritischer Blick auf das Krisenvokabular

Die ewige Lockdownlitanei: Das sind die sieben anstrengendsten Corona-Floskeln

  • Sie haben uns mürbe geredet: Die immergleichen Corona-Appelle der Politik wecken zunehmend den Unmut des Publikums.
  • Das liegt auch an der Variantenarmut des Krisenvokabulars.
  • Eine sprachkritische Betrachtung von sieben Corona-Floskeln.
|
Anzeige
Anzeige

Es ist an sich ein sehr schönes Wort, ginge man allein nach dem Klang: Co-ro-na. Eine warme, angenehm rollende Melodie aus drei Akkorden, hübsch symmetrisch auf der Mittelsilbe betont. Eine sprachliche Preziose aus dem Lateinischen, die weich wie Mönchsgesang nach mediterranem Parlando klingt und auch noch eine wunderhübsche Wortbedeutung mitbringt: Krone oder Kranz. Der Teufel trägt oft ein hübsches Kleid. Allein: Die Dosis macht das Gift.

Hinter uns liegen zwölf monothematische Monate. Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden Mal war „Corona“ zu hören und zu lesen. Weltweit, flächendeckend, immer, überall. Das Magazin „Economist“ aus London und die „New York Times“ haben jüngst untersucht, ob jemals seit ihrer Gründung im Jahr 1843 beziehungsweise 1851 ein einzelner Begriff stärker ein Jahr geprägt hat als „Corona“ das Jahr 2020. Das Ergebnis: Knapp die Hälfte aller Artikel (46 Prozent) seit Pandemiebeginn im Januar 2020 enthielt die Vokabel, die die Welt bestimmt: Corona. Nur im Ersten und Zweiten Weltkrieg tauchte das Wort „Krieg“ öfter pro Jahr in beiden Publikationen auf – in 55 Prozent aller Beiträge.

Wie oft kann man dasselbe mit neuen Worten sagen?

Anzeige

Es ist nicht nur das C-Wort. Die Omnipräsenz der immer gleichen Wörter, die Penetranz der pausenlosen Appelle haben Folgen. Gewiss ist es komplex, das richtige Maß zu finden. Nun scheint es aber, als hätten Politik und Experten das Publikum mürbe gequatscht. Die innere Bereitschaft zum Zuhören lässt nach, das ist sehr menschlich. Nach einem Jahr des Mahnens und Warnens reagiert man als Zuschauer dünnhäutiger auf die Floskeln, mit denen die Kämpfer der Krise die Dringlichkeit zu beschwören versuchen. Corona? Maske auf? Zu Hause bleiben? Ich kann nicht mehr. Selbst das Södersche Sorgenvokabular hat sich erschöpft. Da sitzen sie auf ihren Podien und suchen im Hirnkasten verzweifelt nach neuen Wörtern und neuen Bildern, nach einem anderen Ausdruck für „Abstand halten“. Sie finden: nichts. Wie auch? Wie oft kann man dasselbe mit neuen Worten sagen?

„Jede Krise hat ihre eigene Sprache“: Bundeskanzlerin Angela Merkel neben Markus Söder, Ministerpräsident von Bayern und Vorsitzender der CSU. © Quelle: Hannibal Hanschke/Reuters-Pool/d

Also wird unermüdlich bis zu einer „neuen Normalität“ in einer „nationalen Kraftanstrengung“ auf „Sicht gefahren“. Also „ruckelt es hier und da natürlich noch“, also gibt man sich „zurückhaltend zu möglichen Lockerungen“, also muss man „durchhalten“, denn im „ständigen Abwägungsprozess“ zwischen „Teil-Lockdown“ und „vorsichtigen Öffnungsstrategien“ hat die „Gesundheit oberste Priorität“, sie steht an „erster Stelle“, sie ist das „wichtigste Ziel“.

Wie ein Drittligatrainer im Abstiegskampf

Anzeige

Von Kindern, die zu oft folgenlose Verbote hören, sagt man, sie würden „nein-taub“. Das heißt, die überhäufig gehörte Vokabel „nein“ verliert ihre Bedeutung. Rechts rein, links raus. Mir doch egal. Es ist wie in der Fabel vom Wolf und dem Hirtenjungen: Wer zu oft „Alarm!“ ruft, verliert die Aufmerksamkeit. Das ist ein natürlicher Prozess – aber ein Problem in der politischen Kommunikation im Februar 2021: Das Krisenvokabular weist eine deutlich geringere Varianz auf als das Coronavirus selbst. „Bis repetita non placent“, schrieb Horaz. Wiederholungen gefallen nicht. Woran sich die allgemeine Übersättigung am C-Thema auch ablesen lässt: Die Dichte der per Whatsapp geteilten Corona-Witze hat merklich nachgelassen. Es macht nicht mal mehr Freude, über die olle Seuche zu scherzen.

Das Krisenvokabular weist eine deutlich geringere Varianz auf als das Coronavirus selbst.

Anzeige

Daran trägt niemand direkt die Schuld. Es ist ein hartes Brot, eine zunehmend neurotische Bevölkerung noch zu erreichen wie ein Drittligatrainer im Abstiegskampf, der seiner demoralisierten Truppe nach der elften Niederlage in Folge auch nichts anderes mehr sagen kann als „Leute, wir müssen kämpfen“. Ach ja? Erzähl mal was Neues. Die ewige Lockdownlitanei: tausendmal kopiert, tausendmal ist nix passiert.

Sätze als semantische Schlafmittel

„Jede Krise hat ihre eigene Sprache“, hat Angela Merkel gesagt, als Corona noch neu war, schon tragisch, aber noch ein bisschen aufregend. Die Pandemie hat Sprachungetüme hervorgebracht wie „Bevölkerungsschutzgesetz“, „Öffnungsdiskussionsorgien“, „Knuffelkontakt“, „Hygienemaßnahmen“ oder „Schweinestau“. Wir haben gelernt, was Herdenimmunität bedeutet und dass sich die Johns-Hopkins-Universität wirklich mit „S“ schreibt bei Johns. Gleichzeitig hat die Pandemie auch gut gemeinte Sätze gezeitigt, die inzwischen als semantische Schlafmittel eher Frust vor dem Fernseher erzeugen als Frieden im Herzen. Sieben Beispiele für Corona-Floskeln, die zur sprachlichen Strapaze geworden sind:

FLOSKEL 1: „Wegen der besonderen Situation ...“

Eine „besondere Situation“ – das klingt erst mal vielversprechend. Es gab Zeiten, da war eine besondere Situation ein erfreuliches Ereignis. Eine Schwangerschaft ist eine besondere Situation, das Gefühl nach einem Derbysieg, der letzte Schultag vor den Ferien. Heute gibt es „wegen der besonderen Situation“ Dieselhandschuhe nur drinnen im Tankshop. Die „besondere Situation“ ist vor allem ein besonders großer Mist. „Besondere Situation“ ist der populärste Euphemismus für die globale Krise, der an Hunderttausenden von Ladentüren und auf zahllosen Internetseiten das emotional überladene C-Wort umschifft, eine grammatikalische Vermeidungsstrategie, die dem alten kindlichen Motto folgt: Was man nicht benennt, ist vielleicht gar nicht real.

Immer und immer wieder dieselbe Geschichte: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU, r.) spricht in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“ mit Tina Hassel, Studioleiterin und Chefredakteurin Fernsehen im ARD-Hauptstadtstudio, und Rainald Becker, Chefredakteur der ARD. © Quelle: Jesco Denzel/Bundesregierung/dpa
Anzeige

FLOSKEL 2: „Bleiben Sie gesund!“

Der gut gemeinte Wunsch klingt wie ein strenger Imperativ, seit er als Grußfloskel jede zweite Dienstmail ziert, seit sich massenhaft Sparkassen, Autohäuser und Getränkemärkte in ihrer Werbung für unsere Gesundheit zu interessieren vorgeben. Bleiben Sie gefälligst gesund! Als liege das allein in unserer Macht. Als wäre Krankheit ein vermeidbarer Systemfehler von uns Dummerchen. Die drei Worte bergen schon deshalb eine gewisse Übergriffigkeit, weil sie an den zweiten großen Corona-Imperativ erinnern: „Bleiben Sie zu Hause“! In einer Umfrage von Radio Bremen aus dem Dezember landete „Bleiben Sie gesund!“ auf Platz eins der nervigsten Corona-Floskeln, kurz vor „Nur mit Einkaufswagen oder Korb!“ und „Du hast wohl Corona!“, wenn jemand hustet oder niest. Der Wunsch nach Gesundheit ist massenhaft repetiert eben kein freundliches Schulterklopfen mehr, kein Signal von Herz zu Herz, sondern eher ein Appell an das Wohlverhalten. Überspitzt gesagt: ein pandemischer Befehl. Gut gemeint, aber oft ähnlich bedeutungslos daher gewünscht wie das englische „How are you?“, auf das auch niemand ernsthaft eine Antwort erwartet. Das gilt zumindest außerhalb des Privaten.

FLOSKEL 3: „Gemeinsam“

Keine Firma, die aktuell nicht öffentlich und mit ordentlich Gratismut um das Wohl der Welt fürchten würde. „Wir glauben an die Kraft der Gemeinschaft“, barmt die Sparkasse. „Wir werden uns wieder umarmen“, hofft Zalando. Die plüschige Betroffenheitslyrik ist bigott. Denn ein bisschen Schmusetext täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass Firmen sich ihrem Wesen nach eher um das Aktionärswohl als das Gemeinwohl sorgen, was auch immer sie behaupten. Als Kronzeugen eines paternalistischen Altruismus sind sie zumeist ungeeignet. Die Sparkasse wollte im Sommer 2020 „Gemeinsam da durch“. Corona diente in diesem Kontext als bloßer emotionaler Knochenleim, als Bindungsfaktor für Bankkunden, die sich im Ernstfall doch lieber auf Familie und Freunde verlassen, als darauf zu hoffen, dass der Filialleiter der Sparkasse sie persönlich zum Hausarzt fährt. Corona taugt aber eben nicht als beliebiger Konsumanlass wie Halloween, Advent oder Karneval.

Die Lichtprojektion #gemeinsamschaffenwirdas ist am Abend auf dem Main Tower, dem Hauptgebäude der Landesbank Hessen-Thüringen in Frankfurt/Main, zu sehen. © Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
Anzeige

FLOSKEL 4: „Das Robert-Koch-Institut verzeichnete neuntausendsiebenhundertundsechsunddreißig neue Infektionen, das sind dreitausendzweihundertunddrei weniger als vor einer Woche.“

Die „Tagesschau“ vermeldet die „neuesten Infektionszahlen“ inzwischen mit der gleichen routinierten Teilnahmslosigkeit wie die Lottozahlen. Der Erkenntnisgewinn aus dieser zum mathematischen Ritual geronnenen Fieberkurve der Nation bleibt übersichtlich. Nicht nur, dass die Statistik in ihrer Sprunghaftigkeit wirkt, als sei ein Eichhörnchen auf der Tastatur herumgehüpft. Diverse Faktoren verzerren regelmäßig die Aussagekraft (Wochenende, Meldepanne, Fax kaputt). So beschleunigen die technokratische Gravitas des offiziösen Meldevorgangs und diese skurrile präzise Wiedergabe fünfstelliger Zahlen eher die Überlastung des emotionalen Arbeitsspeichers. Die Netflix-Serie „Das Damengambit“ über ein weibliches Schachgenie zwischen Wahnsinn und Brillanz hat aktuell den Begriff der Apophänie popularisiert. Dahinter verbirgt sich die mitunter krankhaft übersteigerte Erfahrung, scheinbare Muster und Beziehungen in zufälligen Einzelheiten wahrzunehmen. Menschen suchen nach vertrauten Mustern, weil sie Stabilität und Verlässlichkeit suggerieren.

FLOSKEL 5: „Die Sieben-Tage-Inzidenz, also die Zahl der Ansteckungen pro hunderttausend Einwohner binnen einer Woche…“

Ja doch! Für alle, die in den letzten zwölf Monaten unter einem Stein geschlafen haben, ist diese Information sicher hilfreich. Alle anderen aber, eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung, dürfte nachts um vier aus dem Schlaf gerissen die Definition von „Sieben-Tage-Inzidenz“ fehlerfrei aufsagen können. Ihnen müsste der Zusammenhang zwischen niedriger Inzidenz und einer steigenden Aussicht auf Grillpartys, Sportfeste, Kneipenabende und Chorkonzerte durchaus vertraut sein.

FLOSKEL 6: „Corona hat vieles verändert, auch die Situation der [hier bitte Schlagwort einsetzen]“

Ob die Situation der Zootiere, der Milchbauern, der Ferienhausvermieter, der Poetry-Slammer, der Landschlachtereien oder der Zimmerleute – wir können es kurz machen: Corona hat die Situation aller verändert. Trotzdem hat dieser Hilfseinstieg der Journalistensprache seit Monaten ungebrochen Konjunktur.

FLOSKEL 7: „Wir müssen Geduld haben“

Allein im Januar enthielten mehr als 250 Corona-Meldungen der Deutschen Presse-Agentur das Stichwort „Geduld“. Gewiss ist Geduld die Tugend der Stunde. „Duldet mutig, Millionen! / Duldet für die bess’re Welt!“, schrieb Friedrich Schiller, „Droben überm Sternenzelt / wird ein großer Gott belohnen“. Doch auch in diesem Fall gilt: Masse macht mürbe. Es ist schon schwer genug, geduldig zu bleiben, ohne ständig dazu aufgefordert zu werden, geduldig zu bleiben.

Die eingeschränkte politische Sprache der Coronakrise, die Vokabelarmut seiner politischen Protagonisten, entwickelt eine geradezu immunisierende Wirkung gegen sich selbst.

Nichts ist so wichtig in „besonderen Situationen“ wie Kommunikation. Die eingeschränkte politische Sprache der Corona-Krise aber, die Vokabelarmut seiner politischen Protagonisten, entwickelt eine geradezu immunisierende Wirkung gegen sich selbst. Das zeigte zuletzt Angela Merkel, deren Presseauftritt nach dem „Impfgipfel“ im Kern nichts anderes enthielt als die wortreiche Versicherung: Sie kennen mich, ich komme zurecht. Und man müsse dann halt mal sehen. Doch wer die deutsche Sprache wirklich beherrsche, schrieb Kurt Tucholsky einst, „wird einen Schimmel beschreiben und dabei doch das Wort ‚weiß’ vermeiden können“.

Gewiss: Kinder neigen dazu, immer und immer wieder dieselbe Geschichte hören zu wollen. Das Vertraute lullt sie ein, hüllt sie in einen Kokon aus Verlässlichkeit. Irgendwann aber kommt immer der Punkt, an dem die Stimmung kippt. Neue Wörter braucht das Land.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen