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  • "Chromatica": Neues Album von Lady Gaga mit Elton John, Blackpink, Ariana Grande und mehr

Neues Album “Chromatica”: Lady Gaga bittet zum Tanz

  • Zuletzt war Lady Gaga mit der Countryrockballade “Shallow” erfolgreich – und bekam dafür den Oscar.
  • Das neue Album “Chromatica” ist nun die Rückkehr zu Synths und Beats und dem Temperament der Anfänge.
  • In den Texten geht es ernst zu – sie handeln von Selbstliebe, Narzissmus, Traumatisierung und von den Schatten eines Lebens im Scheinwerferlicht.
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Es hätte so weiter gehen können. Lady Gaga sang im Film “A Star Is Born” tatsächlich „La Vie en Rose“ vom unsterblichen Parisspatz Edith Piaf, und vor allem sang sie zusammen mit Bradley Cooper “Shallow”, diese Jahrzehntballade über die Leere des Ruhms und die Flucht vor den Scheinwerfern. Bei den Oscars 2019 wirkte die sonst so hyperspektakuläre Popdiva, die Königin der verwegenen Garderobe mit ihrem blondem Haarturban, dem dunkelgrau-ernsten Plusterkleid und einem bollerigen Klunker am Hals so normal wie nie. 286 Millionen Aufrufe hat der Galaauftritt mit Cooper mit Gaga am Pianoforte bis heute bei Youtube.

“Shallow” hätte eine Songwriterphase einleiten können

Es gab dann auch einen Oscar für das Duo und die Lieder vom „A Star Is Born“-Soundtrack hätten der Auftakt zu einer gesetzteren Karrierephase werden können: An Adultpop-Star was born? Manche hatten als Nächstes allen Ernstes mit einem Songwriteralbum gerechnet. Das ist „Chromatica“ nicht, “Chromatica” ist das Gegenteil - die ersten Songvorboten hatten es bereits angekündigt.

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Nun die Lady, bürgerlich Stefani Joanne Angelina Germanotta, ist ja auch erst 34 Jahre alt. Country und Americana, diese Popmusikspielarten für die reifere, ergraute Hörerschaft, können da als Dauerbeschäftigung noch ein paar Jahrzehnte warten. Stattdessen kommt das tanzbarste Gaga-Album seit „The Fame“, ein Rücksturz in die Anfangszeiten.

Es regieren Beats, Synthesizer, Autotune

Zwischen einer sinfonisch anmutenden Einminuten-Ouvertüre, einem ähnlichen Intermezzo und einem instrumentalen Grande Finale regieren jedenfalls die schwadenden Synthesizer, die pumpenden Beats und gelegentlich die Autotune-Effekte. Es gibt hier keine Balladen wie „You & I“ oder „Shallow“, die Vielseitigkeit beweisen und Chillinseln setzen würden. Zugleich auf der Höhe der Zeit und tief in den Achtzigern und Neunzigern ist „Chromatica“ ein im Monochrom-Sound erbrachtes Fest des Rhythmus und der Bewegungsfreude.

Wie bei Madonna, als deren Nachfolgerin Gaga immer wieder ins Feld geführt wurde, sind die Lyrics nun aber kein reines Accessoire der Musik, kein schlagersimples „La-la-la-love-you“ und „Schubidu“, sondern Reflektionen über die Welt, den Ruhm, den Narzissmus des Popstars und die Schattenseiten des Scheinwerferlebens.

Die Lyrics sind ernst - kein simples Schubidu

Schon in „Alice“ geht es um ver-rückte Geisteszustände. „Take me home / take me to wonderland“ singt die Lady. Wenn die Welt einen überrollt, kann man in den Wunderlanden des eigenen Kopfs Zuflucht finden. Ähnliches thematisiert das poppige „911“. Und „Fun Tonight“ findet, dass sich Popularität auch wie eine „Gefängnishölle“ anfühlen kann - das gab’s bei Gaga schon im Song "Paparazzi”.

„Rain on Me“ ist ein Duett mit Ariana Grande. Für beide ist es ein Song über unbewältigte Schrecken. Gaga hat das Trauma einer lange zurück liegenden Vergewaltigung nie völlig überwunden, Grande leidet noch immer unter dem schicksalshaften Auftritt in Manchester 2017. Der Song erschien auf den Tag genau drei Jahre nach dem islamistischen Selbstmordattentat in der Manchester Arena, bei dem 22 Menschen starben und 512 Menschen verletzt wurden. „Lass es auf mich regnen“, singen beide in dem French-House-Track. „Gott, lass es auf mich regnen, nimm den Schmerz von mir.“

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Duette mit Elton John und Blackpink

Es gibt dann noch ein leicht süßliches K-Pop-Duett mit Blackpink („Sour Candy“) und eins mit dem großen Sir Elton John („Sine From Above“). Die britische Poplegende, die seit dem Biopicmusical „Rocketman“ auch im Munde (und Ohr) einer jüngeren Generation ist, ist sich eins mit der Lady. „Ich hab mich selbst zwischen den Lichtern verloren“ und „Als ich jung war, fühlte ich mich unsterblich“. Popstarmelancholie - aber bitte mit Beats.

Das Album „Born This Way“ war Gagas Rücksturz in die Achtziger, „Artpop“ war dagegen geradezu experimentell, „Cheek to Cheek“ war ein Ausflug mit Tony Bennett in den Jazzpop, das darauf folgende Album „Joanne“ ein arg bunter Gemischtwarenladen. „Chromatica“ nun, das in Gagas Atelier in Hollywood unter den Fittichen von Michael Tucker alias BloodPop und einer Vielzahl von Nebenproduzenten entstand und dessen Veröffentlichung eigentlich schon für Anfang April geplant war, ist Gagas Entfesselungstrick: „Ich will, dass die Leute tanzen und glücklich sind. Ich möchte Musik rausbringen, die ein großer Teil der Welt hören wird und ich möchte, dass sie ein Teil ihres Alltags wird und sie jeden Tag glücklich macht."

Ein Discoklassiker wie Madonnas “Confessions”

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Und in der Tat: “Chromatica” ist ein grandioser Discoklassiker wie Madonnas „Confessions on A Dancefloor“, das – herrje – auch schon wieder 15 Jahre her ist. Die erste Single „Stupid Love“ könnte sogar direkt aus dem Portfolio der 61-jährige Popqueen stammen, erinnert nicht allzu entfernt an Madonnas „Express Yourself“ (Schock: 31 Jahre her) und - mit dem Synthbrett - zugleich an das Beste von Österreichs Tanzpopmeister Giorgio Moroder (Doppelschock: der Meister von „I Feel Love“ und „Call Me“, mit dem die Gaga auch schon gearbeitet hat, wurde vor sechs Wochen 80 Jahre alt – Kinder, wie die Zeit vergeht).

Disco ist derzeit freilich schwierig umzusetzen. Das Virus ist ein Tänzer, die Party hat Pause, die Diskokugeln der Clubs stehen still, weil sich Corona hier ausbreitet wie nirgends sonst. Wenn dann aber die Pandemie eines Tages vorbei ist, wollen wir „Chromatica“ von A bis Z fett aus den Lautsprechersystemen des Tanzböden pumpen hören. Das Album ist Gaga-ntisch und das nächste „Shallow“ kommt dann, wenn wir alle ein wenig ruhiger geworden sind.



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