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Chicks ohne Dixie – Countrystars mit neuem Namen und neuem Album

  • Natalie Maines, Emily Strayer und Martie Maguire sind zurück – mit einem neuen Bandnamen und ihrem ersten Album seit 14 Jahren.
  • The Chicks, wie die Dixie Chicks nun heißen, haben sich nicht nur von ihrem alten Namen befreit.
  • Sondern auch von ihrer Countryvergangenheit.
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Auf einem ihrer neuen Fotos halten Natalie Maines, Emily Strayer und Martie Maguire Fackeln – so wie Lady Liberty in der Hafeneinfahrt von New York. Ihre Köpfe sind von Blumen umhüllt. Sie tragen Gasmasken, sodass man ihre Gesichter nicht erkennen kann. An ihre Countryvergangenheit erinnert nur ein Paar Cowboystiefel. Die Beleuchtung ist LGBTQ-rosa. Die drei Frauen, die sich früher Dixie Chicks nannten, inszenieren sich hier offensichtlich als radikale Hippies in apokalyptischen Zeiten, bereit, ihr Amerika der Freiheit und Vielfalt gegen Donald Trump zu verteidigen.

Einen Radioboykott haben sie diesmal nicht zu befürchten. Nashville hat die Band längst verstoßen. Im von weißen konservativen Männern dominierten Countryhausen hatte man sich nie an die Musikerinnen aus Dallas in Texas gewöhnen können – trotz oder vielleicht gerade wegen ihres unfassbaren Erfolgs.

Taylor Swift sang Karaokeversionen von Dixie-Chicks-Songs

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Auf Countrybefindlichkeiten nimmt die Gruppe keine Rücksicht mehr. Die Songs von “Gaslighter”, ihrem ersten Album seit 14 Jahren, sind von vornherein für den Popmarkt produziert worden – oder besser gesagt: Sie wurden mithilfe des angesagten Taylor-Swift-Vertrauten Jack Antonoff und einem ganzen Team von Songwriterinnen und Songwritern dafür designt.

2006, als sich Maines, Strayer und Maguire in die Pause verabschiedeten, brachte die damals 16-jährige Swift gerade ihr erstes Album heraus. Aus der Countryprinzessin ist in der Zwischenzeit ein globaler Popstar geworden. Swift hatte sich einst mit Karaokeversionen von Dixie-Chicks-Songs bei den Plattenfirmen beworben. Die drei Frauen waren wohl auch Vorbild für ihren Ausbruch aus der Achy-Breaky-Heart-Enge Nashvilles.

Jetzt scheint Swifts Lieblingsproduzent im Gegenzug Comebackhilfe zu leisten. Antonoff gilt als Spezialist für den Sound junger, eigenständiger Popfrauen. Er hat auch schon für Lorde, Lana Del Rey und St. Vincent gearbeitet.

“March March” ist der ungewöhnlichste neue Song der Chicks. Maines, Strayer und Maguire kombinieren Fiddle, Banjo und elektronische Beats. Das Lied hat die Band vor den aktuellen Black-Lives-Matter-Protesten aufgenommen. “March March” könnte nun zu einer Hymne der Bewegung werden und damit der erste Titel sein, auf den sich viele der Menschen einigen, die zurzeit für ein besseres, gerechtes Amerika auf die Straße gehen.

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“March march to my own drum, hey, hey, I’m an army of one”, singt die 45-jährige Maines, inspiriert von jungen Aktivisten wie Greta Thunberg von Fridays for Future und Emma Gonzales von March for our Lives. “Ich folge ihnen. Also, wer will mich begleiten?”

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Black Lives Matter und die neue Sensibilität für rassistische Symbole haben Maines, Strayer und Maguire dazu bewegt, das “Dixie” aus ihrem Bandnamen zu streichen. Den “dummen Namen”, den sie sich in Teenagertagen in Anlehnung an den Song “Dixie Chicken” von Little Feat gegeben hatten, tun sie heute als Jugendsünde ab. “Wir wollten ihn eigentlich schon vor vielen, vielen Jahren ändern, sagte Maines der “New York Times”. Wahrscheinlich wäre das damals geschäftsschädigend gewesen. Jetzt wirkt es ein bisschen opportun.

“Wir schämen uns dafür, dass der US-Präsident aus Texas kommt”

Dixieland, kurz Dixie, ist ein Synonym für die Südstaaten der USA, das aus der Zeit vor der Abschaffung der Sklaverei stammt. “We want to meet this moment”, verkündeten die Musikerinnen auf ihrer Homepage. Sie wollten die Gelegenheit nutzen, um sich von Leuten zu distanzieren, die weiterhin die Kriegsflagge der Konföderierten verherrlichen.

Nun heißt die Band also The Chicks. Vielleicht hätten Maines, Strayer und Maguire ihren Schwung nutzen sollen, um sich einen ganz neuen Namen auszusuchen. Denn “Die Küken” passt so gar nicht zu ihren feministischen Anliegen und der Widerstandskraft, die sie in den vergangenen 17 Jahren entwickelt haben, seit “dem Zwischenfall”, wie sie ihr Karrierebeben heute nennen.

“Wir schämen uns dafür, dass der US-Präsident aus Texas kommt”, hatte Maines am 10. März 2003 bei einem Konzert in London kurz vor Beginn der amerikanischen Irak-Offensive gesagt. Gemeint war George W. Bush. Ein Teil der Fans und Kommentatoren reagierte mit Hass. “Das sind törichte Frauen, die eine Tracht Prügel verdienen.” Manche verbrannten Alben. Die Band erhielt Morddrohungen. Die Countrysender spielten ihre Songs nicht mehr.

Maines hatte mit einem Tabu gebrochen. Sie hatte ihre politische Meinung, die in konservativen Kreisen als unpatriotisch und antiamerikanisch galt, öffentlich geäußert. Das macht man nicht in Nashville, wie Taylor Swift in ihrer Dokumentation “Miss Americana” bestätigt. “Während meiner ganzen Karriere sagten mir Plattenfirmen und Verleger: Sei nicht wie die Dixie Chicks! Und ich liebte die Dixie Chicks.”

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Maines, Strayer und Maguire trotzten dem Sturm der Borniertheit. Ihre Karriere verlief anders als geplant, aber nicht weniger erfolgreich. Die Single “Not Ready to Make Nice”, mit der sie 2006 ihre Verbannung verarbeiteten, wurde ihr bisher größter Hit in den USA. Sie waren nicht bereit, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Für das Album “Taking the Long Way” gab es drei Grammys.

Dann nahmen sie ihre Auszeit. “Ich war müde”, sagt Maines, “ich wollte einfach nur meine Kinder großziehen.” Die drei Musikerinnen haben insgesamt neun Kinder, die heute zwischen sieben und 19 Jahre alt sind.

Auch das neue Album “Gaslighter” ist ein Akt der Befreiung. In vielen Songs besingt Maines die Trennung von ihrem zweiten Mann Adrian Pasdar. Angesichts der Details, die sie preisgibt, kann man verstehen, dass der US-Schauspieler seine Exfrau vor Veröffentlichung an eine Verschwiegenheitsklausel im Ehevertrag erinnerte. Letztlich erfolglos.

Abrechnungen mit dem Ex und Gebete für Aufrichtigkeit und Anstand

“Nun”, sagte Maines, von der “New York Times” zum Titelsong befragt, man könne durchaus denken, es ginge um Trump, aber über ihn singe sie nicht. Es sei das Lied einer Frau, die sich belogen und gedemütigt fühlt, um 20 Jahre ihres Lebens betrogen. “What a lie, lie, lie, lie, lie.” Auch Songs wie “Sleep at Night”, “Tights on my Boat” oder “My best Friend’s Wedding” sind sowohl Abrechnungen mit dem Ex als auch Gebete für Aufrichtigkeit und Anstand – präsentiert mit dem typischen, köstlichen Harmoniegesang der drei Stimmen.

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“Juliana Calm Down” richten Maines, Strayer und Maguire direkt an die eigenen Töchter Juliana, Violet, Eva, Katie und Harper. Es ist nicht bloß ein weiteres Lied über zerbrochene Herzen, sondern eine fulminante Hymne der Ermutigung, sich gegen Erniedrigungen zu wehren. “Don’t let the wolves get the best of you” singen sie wie eine Schwesternschaft im Angesicht eines Rudels Wölfe. Unüberhörbar hat auch die #MeToo-Bewegung Maines und die beiden tatsächlichen Schwestern Strayer und Maguire inspiriert.

“Gaslighter” könnte einer der Soundtracks des Jahres 2020 werden. Wie man in Countryhausen darauf reagiert, bleibt abzuwarten. Taylor Swift hingegen, so viel ist sicher, wird die neuen Songs lieben.

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