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Bücher zur Wende: Die friedliche Revolution hat viele Seiten

  • Vor 30 Jahren fiel die Mauer.
  • Zum Jubiläum erscheinen zahlreiche neue Bücher.
  • Wir geben eine Übersicht.
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30 Jahre ist es her, dass sich wildfremde Menschen in Berlin und an der deutsch-deutschen Grenze in den Armen lagen. Die Mauer war gefallen. Zum Jubiläum erscheinen zahlreiche Bücher. Eine Übersicht.

In ihrem 1000-Seiten-Buch „Wendezeit“ (DVA, 976 Seiten, 42 Euro) analysiert die deutsch-finnische Historikerin Kristina Spohr das Ende des Kalten Krieges und die Jahre zwischen 1989 und 1992. Sie bleibt dabei dicht an den handelnden Personen und betont, wie wichtig die Politiker Helmut Kohl, George Bush, Michail Gorbatschow, François Mitterrand und Margaret Thatcher damals waren, um den historischen Umbruch zu meistern. Dabei stellt die Autorin heraus, dass dies keineswegs selbstverständlich war, kamen sie doch aus ganz verschiedenen politischen Systemen. Ihr gemeinsamer Nenner war aber die Kriegserfahrung, die sie – wenn auch in unterschiedlichem Maße – teilten. Auch wenn sie unterschiedliche Ziele hatten und auch wenn sie zeitweise Getriebene der Ereignisse waren, gelang es ihnen doch, diese weltgeschichtlich einmalige Phase erstaunlich harmonisch zu managen.

Kristina Spohr hat für ihr Buch unzählige bislang unveröffentlichte Quellen gesichtet, hat Tagebücher der handelnden Personen gelesen und sich so ein neues Bild dieser Zeit gemacht. Die 46-Jährige mischt in ihrer Studie dabei immer wieder Anekdoten wie die vom New-York-Besuch Michail Gorbatschows 1988: Der Immobilientycoon Donald Trump wollte damals seine 19-Millionen-Dollar-Suite präsentieren und Gorbatschow von den Vorzügen des Kapitalismus überzeugen. Doch der Termin musste abgesagt werden. Stattdessen fiel Trump kurz danach auf einen Gorbatschow-Doppelgänger herein. Auch das sind Geschichten aus der Endphase des Kalten Krieges.

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Fehler im Einigungsprozess und ihre Folgen

Zu den renommiertesten Historikern der Wendezeit gehört Ilko-Sascha Kowalczuk. Das hat er schon vor zehn Jahren mit seinem Buch „Endspiel“ gezeigt und legt nun mit „Die Übernahme“ (C.H. Beck, 319 Seiten, 16,95 Euro) wieder ein enorm faktenreiches Buch vor. Darin beschäftigt er sich mit der Zeit nach der Glückseligkeit des Mauerfalls. Er beschreibt etwa, wie sich die Menschen in Ostdeutschland nach der friedlichen Revolution als Bürger zweiter Klasse fühlten. Wie sie plötzlich ihre Arbeit verloren, etwas, das in den Lebensentwürfen dieser Menschen nicht vorgesehen war. Wie damals Grundsteine dafür gelegt wurden, dass viele Menschen aus den ehemals "neuen Bundesländern" sich mit dem neuen System in der Bundesrepublik nicht identifizieren konnten. Mit Folgen bis heute, wie Kowalczuk meint.

Auch die bis zum 9. November 1989 so starken, stolzen und selbstbewussten Bürgerrechtler spielten bald keine Rolle mehr. Ihre Ideen für eine neue Gesellschaft landeten alle in der Schublade, die Bundesrepublik übernahm die DDR nach ihren Maßstäben. Ilko-Sascha Kowalczuk sucht in seinem Buch nach Fehlern im Einigungsprozess und verweist auf die Folgen, die uns bis heute beschäftigen.

Detaillierte Chronik des 9. November

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Auf den Tag des 9. November konzentriert sich Hans-Hermann Hertle in seiner Chronik des Mauerfalls „Sofort, unverzüglich“ (Ch. Links, 370 Seiten, 20 Euro). Er hat mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen und jahrelang recherchiert und kann daher minutiös beschreiben, was wie und wann am 9. November geschah. So kann der Leser den Tag mit vielen, auch noch unbekannten Details mitsamt seiner unmittelbaren Vor- und Nachgeschichte noch einmal durchleben.

Um das letzte Jahr der DDR geht es in Hannes Bahrmanns und Christoph Links' Buch „Finale“ (Ch. Links, 320 Seiten, 18 Euro). Die Zeitreise beginnt am 7. Oktober 1989, dem „Republikgeburtstag“, den die DDR-Oberen mit Pomp feierten und den DDR-Bürger mit Protest begleiteten. Und sie endet fast auf den Tag genau ein Jahr später am 3. Oktober 1990 mit dem Tag der deutschen Einheit und dem endgültigen Ende der DDR. Dazwischen erinnern die beiden Autoren in kleinen, ja oft Kleinsttexten an die einzige freie Volkskammerwahl und das Treuhandgesetz, an die Wahl Ibrahim Böhmes zum Ost-SPD-Vorsitzenden und die Reparationsleistungen der DDR, aber auch an Udo Lindenbergs lang ersehntes Konzert in der DDR und das sozialistische Land im Spiegel seiner Witze. So setzt sich dieses letzte Jahr der DDR aus vielen kleinen, informativen und unterhaltsamen Mosaiksteinen zusammen.

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Größte genehmigte Demo der DDR-Geschichte: Hunderttausende protestieren am 4. November 1989 in Ost-Berlin. © Quelle: picture alliance / akg-images

Einem einzelnen dieser Mosaiksteine widmet sich ein anderes Buch: Fünf Tage vor dem Mauerfall versammelten sich Hunderttausende Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz (die genaue Zahl lässt sich nicht mehr ermitteln). So oder so: Die Demonstration am 4. November 1989 ist die größte angemeldete Demo der DDR-Geschichte. Redner wie Christa Wolf, Stefan Heym, Ulrich Mühe, Heiner Müller und der sehr junge Jan-Josef Liefers sprachen zu den Menschen, aber auch der langjährige Chef des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, Markus Wolf, und Politbüromitglied Günter Schabowski. Der Journalist und gebürtige Berliner Patrick Bauer erzählt in seinem Buch „Der Traum ist aus. Aber wir werden alles geben, dass er Wirklichkeit wird“ (Rowohlt, 368 Seiten, 20 Euro) die Geschichte dieses historischen Protestages. Die größte Sensation des Tages war vielleicht der ohne Scheu zur Schau getragene Protest der Demonstranten. „Die Partei hat immer rechter, uns wird immer schlechter“ ist nur ein Beispiel für die zahllosen kreativen und damals ja auch noch mutigen Plakate und Transparente. Bauers Buch zeigt noch einmal deutlich, wie sehr eine neue DDR mit Demokratie und Freiheit möglich schien und wie sehr sich diese Ideen und Ideale schon bald in alle Winde zerstreuen sollten.

Einen persönlichen und reportagehaften Zugang zum Thema 30 Jahre Mauerfall haben Lucas Vogelsang und Joachim Król gewählt. Der Reporter und der Schauspieler lernen einander 2009 kennen und haben im wahrsten Sinne des Wortes eine Schnapsidee. Ein wenig angetüdelt unterhalten sie sich über die Nachwendezeit, über die Wochen und Monate, in denen das Land voll war von Geschichte und Geschichten. Und sie fassen den Plan, sich auf die Reise zu begeben und den Geschichten von damals noch einmal nachzuspüren. Jetzt, 30 Jahre nach dem Mauerfall, haben sie ihren Plan umgesetzt. In „Was wollen die denn hier? Deutsche Grenzerfahrungen“ (Rowohlt, 272 Seiten, 20 Euro) geht es für die beiden von West nach Ost, von Nordrhein-Westfalen an die Ostsee, von Bochum nach Boltenhagen. Sie kommen in Regionen, „in denen der Westen immer noch drüben und der Osten immer noch hintendran ist“. Sie hören den Menschen zu und erzählen in diesem Buch ihre Geschichten weiter und zeichnen so en passant ein Bild unserer Gegenwart.

Zwei Kindheiten in zwei deutschen Staaten

Ein sehr persönliches Buch haben Jochen Schmidt und David Wagner geschrieben. In „Drüben und drüben“ (Rowohlt, 336 Seiten, 19,95 Euro) machen sich die beiden Schriftsteller aber anders als Vogelsang und Król nicht auf eine Reise durch das Deutschland von heute, sondern durchqueren ihre Erinnerungslandschaften: Beide erzählen von ihren Kindheiten. Der eine (Jochen Schmidt) ist in Ost-Berlin, der andere (David Wagner) in der Nähe von Bonn aufgewachsen. Und siehe da, auch wenn beide ihre ersten Schritte in zwei unterschiedlichen Ländern gemacht haben, unterscheiden sich ihre Wünsche und Sehnsüchte, ihre Spiele und Träume, Geschmäcker und Fahrten im Auto letztlich gar nicht sehr voneinander. Mit diesen wunderbaren Alltagsbeobachtungen haben die beiden Autoren eines der schönsten Bücher zum Mauerfalljubiläum geschrieben.

Der Soziologe Steffen Mau ist im Rostocker Stadtteil Lütten Klein aufgewachsen. In diesem Neubaugebiet, heute würde man Plattenbausiedlung sagen, hat er die ersten 19 Jahre seines Lebens verbracht. In einer Mischung aus persönlicher Erinnerung und soziologischer Analyse geht Mau zwei Phasen durch: zum einen das Leben in der DDR und zum anderen die Transformation der DDR-Gesellschaft nach dem Mauerfall. Motiviert hat ihn die Frage, warum die Ost-West-Unterschiede anders als erwartet auch 30 Jahre nach dem Ende der DDR noch immer nicht verschwunden sind. Antworten sucht er auf biografischen und soziologischen Pfaden. Auch sprachlich wandelt er in „Lütten Klein“ (Suhrkamp, 284 Seiten, 22 Euro) dabei zwischen anekdotisch leicht verständlich und wissenschaftlich anspruchsvoll. Mau erhebt dabei nicht den Anspruch, eine Gesamtdarstellung der DDR oder der Wiedervereinigung oder der gesellschaftlichen Transformation Ostdeutschlands zu schreiben. „Meine Ambition ist bescheidener: Ich stelle sozialstrukturelle Wandlungsprozesse seit den siebziger Jahren in den Mittelpunkt und analysiere damit im Zusammenhang stehende Mentalitätsumbrüche“, schreibt Mau. „Ich gehe davon aus, dass sich über die Beschreibung sich wandelnder Schichtungs- und Lagerungsbilder einer Gesellschaft – ähnlich einem Röntgenbild – auch ihr gesellschaftlicher Kern freilegen lässt.“ Dieser Kern, so wird deutlich, kann uns auch viel über unsere Gegenwart erzählen.

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Brite bereiste Osteuropa schon in den 80ern

Die Transformation interessiert auch den Historiker Philipp Ther in seinem Buch „Das andere Ende der Geschichte“ (Suhrkamp, 200 Seiten, 16 Euro). In mehreren, miteinander korrespondierenden Essays geht Ther der Frage nach, was nach 1989 schiefgegangen ist. Zum Teil mit autobiografischen Bezügen blickt er in die USA der Nach-Clinton-Ära, auf die Probleme und Fehler nach der deutschen Einheit und analysiert, warum sich die Türkei und Russland vom Westen abgewandt haben. So wird deutlich, dass die Entwicklung nach 1989 zu dramatischen Veränderungen geführt hat – nicht nur im Osten, sondern genauso im Westen.

Der Oxford-Professor Timothy Garton Ash zählt zu den international renommiertesten Historikern.

Der heute berühmte britische Historiker Timothy Garton Ash wurde 1990 bekannt mit seinem Buch „Ein Jahrhundert wird abgewählt“. Das Buch hat den Charme, dass die Texte unter anderem über Ost-Berlin, Warschau, Budapest und Prag aus der Vorwende- und Wendezeit nicht mit dem Wissen von heute geschrieben sind, sondern widerspiegeln, was der Autor 1981 oder 1984 dachte. Ash, der in Ost-Berlin promovieren wollte, interessierten vor allem die Dissidenten. Dieses berühmte Buch wird nun neu aufgelegt (Hanser, 544 Seiten, 26 Euro) und durch heutige Gedanken 30 Jahre nach dem Mauerfall erweitert. So weckt es zum einen Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit und ist doch erstaunlich aktuell.

Der Mauerfall in der deutschen Literatur

Wie sich die aktuellen Entwicklungen der Wende- und Nachwendezeit in der Literatur widerspiegelten, zeigt Arne Borns „Literaturgeschichte der deutschen Einheit 1989-2000“ (Wehrhahn, 656 Seiten, 39.80 Euro). In dieser ersten umfassenden Literaturgeschichte der Wendeliteratur geht es vor allem um die Fremdheit zwischen Ost und West als wichtigsten Motor der deutschen Einheitsliteratur. Auch wird deutlich, dass die anfangs politische Literatur vieler Autoren abgelöst wird durch ein vermehrt autobiografisches Schreiben. Der Leser stößt auf Autoren wie Christa Wolf, Heiner Müller, Günter Grass und Friedrich Christian Delius, auf Ingo Schulze, Angela Krauß, Wolfgang Hilbig und Thomas Hettche. Das Buch erzählt die Jahre nach dem Mauerfall aus einem ganz anderen Blickwinkel, dem Blickwinkel der Literatur.

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Daran, dass der 9. November nicht nur der Tag des Mauerfalls, sondern auch anderer bedeutender Ereignisse in der deutschen Geschichte ist, erinnert Wolfgang Brenner in seinem Buch „Das deutsche Datum. Der neunte November“ (Herder, 320 Seiten, 26 Euro). Die Novemberrevolution 1918 spielt dort ebenso eine Rolle wie der Hitlerputsch 1923 und die Reichspogromnacht 1938. Doch Brenner sieht in diesen nicht nur singuläre Ereignisse, sondern sucht eine innere Logik, eine Verbindung zwischen den verschiedenen neunten Novembern. Er fragt: „Gibt es ein deutsches Muster? Gibt es untergründige Verbindungen zwischen den Ereignissen des neunten November?“ Und er kommt zu dem Schluss: Der 9. November reagiert auf den 9. November. Der Hitlerputsch war eine Reaktion auf die Novemberrevolution, auch die Reichspogromnacht und Georg Elsers Attentat auf Hitler 1939 sind in diesem Kontext zu sehen. Nur der 9. November 1989 fällt aus dieser Verästelung heraus. Brenner sucht aber auch nach weiteren Zusammenhängen und geht auf andere historische neunte November – etwa das versuchte Attentat Linksradikaler auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin 1969 – ein. In lebendigem Stil erinnert Brenner an die verschiedenen Ereignisse am 9. November, diesem deutschen Datum.