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Kommandant von Auschwitz-Birkenau: das lange Schweigen im Land

  • Es wurde verdrängt und vergessen – in seiner Familie ebenso wie in seiner Heimatstadt: Fritz Hartjenstein war Kommandant von Auschwitz-Birkenau und eines Zwangsarbeiterlagers.
  • Wie kann man heute an so einen Mann und an die Selbstgerechtigkeit nach 1945 erinnern?
  • Ein neues Buch setzt sich damit auseinander.
Jürgen Gückel
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Peine. Die Szene wirkt irreal – auch heute noch, 70 Jahre danach: Das blonde Mädchen sitzt auf dem Schoß seines Vaters. Sieben Stunden lang. Es kämmt dem blassen Mann das schüttere Haar, kennt ihn nur aus Erzählungen der Mutter, sieht ihn als Fünfjährige zum ersten und letzten Mal. Sie sitzen in einem Gefängnis im französischen Metz – in der Todeszelle. Er ist ein Mörder, hat Hunderttausende Menschen in den Tod getrieben, ist bereits zweimal zum Tode verurteilt worden und kämpft seit Jahren um sein Leben. Er war Befehlshaber der größten Massenvernichtungsmaschinerie der Menschheitsgeschichte: Kommandant von Auschwitz. Und noch heute sagt das kleine Mädchen von damals: „Ich habe meinen Vater geliebt, liebe ihn noch.“

Kommandant von Auschwitz-Birkenau

Was Ellen Burgdorf noch immer liebt, ist das Bild eines Vaters, den sie nie hatte, den sie sich als Kind nur ausmalen konnte. Er geriet in Gefangenschaft, ehe sie geboren wurde; er starb 1954 im Gefängnis, ohne heimgekehrt zu sein. Jetzt wird sie mehr erfahren. Die heute 76-Jährige wird das gerade erschienene Buch „Heimkehr eines Auschwitz-Kommandanten – Wie Fritz Hartjenstein drei Todesurteile überlebte“ lesen und so den einzigartigen Lebensweg eines deutschen SS-Führers und KZ-Kommandanten kennenlernen. Auch das, was in der Familie so penibel verschwiegen und in ihrer Heimatstadt so gründlich verdrängt wurde. Hartjenstein, 1905 geborener Sohn aus dem stadtbekannten Milchladen im Zentrum, war Kommandant von Auschwitz-Birkenau und letzter Kommandant des größten NS-Zwangsarbeiterkomplexes in Natz­­weiler/­Elsass. Nun wird der Name Friedrich „Fritz“ Hartjenstein heimkehren ins öffentliche Bewusstsein seiner Geburtsstadt Peine.

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Am Brand der Peiner Synagoge 1938 waren vier Verwandte Hartjensteins beteiligt. © Quelle: Stadtarchiv Stadt Peine

„Die größte Gefahr für uns alle geht vom Vergessen aus“, hat jüngst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gesagt. Wieso Vergessen? Gibt es nicht unzählige Gedenkstätten, Gedenktage, Mahnmale, Geschichtsvereine und -stiftungen? Gelten nicht die Deutschen als vorbildlich in der Aufarbeitung der Verbrechen der NS-Zeit? Und haben nicht eine internationale Historikergemeinde, unzählige Autoren, Biografen und Publizisten dafür gesorgt, dass der Verbrechen jener Jahre kenntnisreich gedacht werden kann? Jeder kann heute wissen, was damals geschah. Wer es leugnet, es relativiert, der lügt.

Das Nachkriegsbeschweigen

Wie kommt es dann, dass Gymnasiasten oder Rentnergruppen aus Auschwitz heimkehren, tief betroffen über das, was „die Nazis“ angerichtet haben, aber kein Wort davon gehört haben, dass es ein Sohn ihrer Heimatstadt war, der das alles befehligte? Der Name Hartjenstein ist in Peine ähnlich unbekannt wie der seines Verwandten Lothar Hartjenstein in Hannover, der als Architekt den Generalentwicklungsplan für Auschwitz entwarf. Das gilt für andere Namen, andere Städte in Deutschland genau so. Das Nachkriegsbeschweigen hat die namentlich bekannten Täter zu einer namenlosen Masse von „Nazis“ gemacht, mit der die Menschen im Nachkriegsdeutschland nichts mehr zu tun haben wollten. Es sei, schreibt die Berliner Historikerin Susanne Willems in ihrem Vorwort zu „Heimkehr eines Auschwitz-Kommandanten“, nicht nur eine Familiengeschichte der Hartjensteins, eine Stadtgeschichte Peines, eine Geschichte der SS-Wachmannschaften und der Konzentrationslager Auschwitz und Natzweiler sowie eine der Nachkriegsjustiz. Diese „Reportage“ lege „Wahrheiten über die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft frei, in der die Naziverbrechen so intensiv beschwiegen wurden, dass (… ) Selbstgerechtigkeit Platz greifen konnte“. Willems schreibt: „Jede einzelne Geschichte ist Erinnerungsarbeit, die die Verblendungen in familiären und politischen Erzählungen durchdringt, die tatsächlichen Verhältnisse aufspürt und nach Gerechtigkeit sucht.“

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Die Hochzeit von Fritz und Auguste Hartjenstein 1935. © Quelle: Privat/Familie Hartjenstein

Wie schon „Klassenfoto mit Massenmörder“, der Geschichte des unter dem Namen seines Bruders lebenden Kriegsverbrechers Artur Wilke, ist „Heimkehr eines Auschwitz-Kommandanten“ eine „autobiografische Biografie“. Sie schildert die Suche eines Hartjenstein-Verwandten in der von NS-Verbrechen überschatteten Familiengeschichte. Und legt den Lebensweg eines SS-Mannes frei, der im KZ Karriere gemacht hat und sich später als Opfer des NS-Regimes verstand.

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Aus Verlegenheit zur SS

Hartjenstein, wie Sally Perel („Hitlerjunge Salomon“) in Peine geboren, war noch kurz vor Kriegsbeginn einfacher Soldat. Er war nie in der Partei, ging nur aus Verlegenheit zur SS. Dort ließ man ihn die KZ-Wachmannschaften ausbilden. Als die SS in den Totenkopfdivisionen in den Krieg zog, war Hartjenstein dabei. Er gehörte zu den wenigen Überlebenden des Kessels von Demjansk in Russland 1942. Als man ihn mit Erkundungen für einen Ausbruch betraute, er jedoch erfolglos aufgab, fiel er bei der Heeresleitung in Ungnade. Als „Versager“ abgestempelt, steckte man ihn ins KZ-System. Es folgte eine steile Karriere – und doch sei es eine Bestrafung gewesen, klagte Hartjenstein später vor Gericht. Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen.

Das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in Polen. © Quelle: imago images/epd

War das so? Die Frage der Tochter bleibt offen: War der Vater ein „Nazischwein“, wie Zeugen ihn benannt haben, oder war er einer, der einen letzten Rest Menschlichkeit in den Lagern zu retten suchte? Jedenfalls war Hartjenstein nach dem Krieg ein Politikum. Zweimal haben ihn die Briten, zweimal die Franzosen verurteilt. Neuneinhalb Jahre lang kämpfte er, zum Schluss mit drei Todesurteilen im Nacken, in französischen Gefängnissen um sein Leben. Ihm und seiner Familie halfen nicht nur alte Nazis und gedungene Zeugen, sondern auch deutscher Hochadel, hochrangige Politiker und Diplomaten. Hannovers Landesbischof Hanns Lilje setzte sich für ihn ein, am Ende gar der französische Staatspräsident. Hartjenstein beschäftigte den Deutschen Bundestag ebenso wie die Besatzungsbehörden. Er wurde gar zum Störfaktor der französisch-deutschen Aussöhnung. Zu seiner Verteidigerriege gehörten Juristen, die als stramme Nazirichter im Nachkriegsdeutschland Berufsverbot hatten, aber auch ein Jurist, der in Natzweiler Zwangsarbeit leisten musste, während Hartjenstein Kommandant war.

Die Frage, ob Friedrich Hart­jen­stein, unter dessen Befehlsgewalt Hunderttausende Menschen ermordet wurden, ein Täter oder ein Opfer seiner Zeit war, muss seine Tochter Ellen wie jeder Leser selbst beantworten.

Jürgen Gückel ist Autor des jetzt erscheinenden Buches „Heimkehr eines Auschwitz-Kommandanten. Wie Fritz Hartjenstein drei Todesurteile überlebte“. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. 300 Seiten, 23,99 Euro.

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