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Briefwechsel Ingeborg Bachmann und Max Frisch

Gescheiterte Jahrhundertliebe: „Ich liebe Dich und ich liebe Dich jetzt verzweifelt“

Lange Zeit hieß es, es gebe nicht ein einziges gemeinsames Bild von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Im Briefwechsel wird nun dieses Bild der beiden von Mario Dondero aus dem Sommer 1962 in Rom veröffentlicht.

Lange Zeit hieß es, es gebe nicht ein einziges gemeinsames Bild von Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Im Briefwechsel wird nun dieses Bild der beiden von Mario Dondero aus dem Sommer 1962 in Rom veröffentlicht.

Was mit Unglück, Kränkungen, Trauer und Verwünschungen endete, begann mit einer Fanpost. Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch, damals durch sein Stück „Biedermann und die Brandstifter“ schon berühmt, hatte im Juni 1958 ein Hörspiel gehört. Die Autorin hieß Ingeborg Bachmann, auch sie hatte durch den Gedichtband „Anrufung des Großen Bären“ schon einen Namen in der Welt der Literatur. Frisch war von den Worten, der Sprache in „Der gute Gott von Manhattan“, die er in den Studios des Norddeutschen Rundfunks in Hamburg vernahm, begeistert.

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Heute würde Frisch vielleicht eine kurze Whatsapp schreiben oder Bachmanns Facebook-Account liken. Damals, im Juni 1958, setzte sich Frisch hin und verfasste einen Brief. Auch wenn dieses Schriftstück nicht mehr auffindbar ist, beginnt mit ihm eine aufregende und zerstörerische Liebesbeziehung und einer der bedeutendsten Briefwechsel der deutschsprachigen Literaturgeschichte.

Knapp 65 Jahre nach ihrem Beginn liegt die Korrespondenz der beiden Liebenden und Schreibenden nun endlich vor. Dass wir bis heute warten mussten, hat mehrere Gründe. Von Frischs Seite hätten die Briefe bereits 2011 erscheinen können. Er hatte in seinem Testament hinterlassen, dass die Korrespondenz 20 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden darf.

Ingeborg Bachmann wollte Veröffentlichung verhindern

Ingeborg Bachmann hingegen, das darf nicht verschwiegen werden, wollte unter keinen Umständen, dass andere Augen die Briefe zu lesen bekommen. Dem 15 Jahre älteren Schweizer versuchte sie nach der Trennung das Versprechen abzuringen, dass der Inhalt ihrer Korrespondenz ein Geheimnis bleibt, sie wollte ihre Briefe zurückhaben. Frisch antwortete im April 1964: „Ich will alle meine Briefe zurückhaben, schreibst Du. Diesen Wunsch werde ich Dir nicht erfüllen. Deine Briefe gehören mir, so wie meine Briefe Dir gehören.“

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Zumindest, was eine Veröffentlichung anging, versuchte er Bachmann damals noch zu beruhigen: „Du wirst Dich damit begnügen müssen, dass ich jede Veröffentlichung von Briefen testamentarisch verboten habe, nicht jetzt, schon vor Jahren.“ Nach Bachmanns Tod allerdings änderte Frisch sein Testament und verfügte oben genannte Änderung. Und Bachmanns Erben stimmten letztlich der Veröffentlichung ebenfalls zu.

Der Großteil der Briefe stammt aus dem Nachlass von Max Frisch. Dort lagern die Briefe Ingeborg Bachmanns und ein Teil seiner eigenen in Form von Durchschlägen und Abschriften. In Bachmanns Nachlass hingegen finden sich nur wenige Exem­pla­re von Frischs Schreiben an die österreichische Partnerin und Freundin. Ein großer Teil scheint vernichtet zu sein, zumindest sind viele Briefe nicht auffindbar. Und so ergibt sich ein ungefähres Verhältnis von zwei zu eins Briefen zugunsten Ingeborg Bachmanns. „Die Unausgewogenheit der Überlieferungslage stellt die Lektüre dieses Briefwechsels vor die Herausforderung, mit Lücken und Leerstellen umzugehen, ohne sie durch eigene Mutmaßungen und Meinungen auszufüllen“, schreiben die Mitherausgeber Thomas Strässle und Barbara Wiedemann im Nachwort des Briefwechsels, der am Montag bei Suhrkamp und Piper erscheint.

Der Anfang: Ingeborg Bachmanns erster Brief an Max Frisch vom Juni 1958, er war die Antwort auf seinen ersten Brief vom Mai 1958. Dieses Schreiben wurde von Männedorf nach Thalwil zu Madeleine Seigner weitergeleitet, weil Frisch auf Ibiza Urlaub machte.

Der Anfang: Ingeborg Bachmanns erster Brief an Max Frisch vom Juni 1958, er war die Antwort auf seinen ersten Brief vom Mai 1958. Dieses Schreiben wurde von Männedorf nach Thalwil zu Madeleine Seigner weitergeleitet, weil Frisch auf Ibiza Urlaub machte.

Und, wie erwähnt, mit eben einer solchen Lücke beginnt der Briefwechsel. Erhalten hingegen ist die Antwort auf das lobende Schreiben des 15 Jahre älteren Kollegen. Bachmann schreibt am 9. Juni 1958: „Verehrter, lieber Max Frisch, Ihr Brief ist mir schon so vieles gewesen in dieser Zeit, die schönste Überraschung, ein beklemmender Zuspruch und zuletzt noch Trost nach den argen Kritiken, die dieses Stück bekommen hat.“ Und sie fragt gleich in ihrem ersten Brief nach einem Treffen: „So will ich den Brief rasch abschicken mit der Frage, ob ich Sie, wenn ich Sonntag (diesen kommenden Sonntag) nach Zürich komme, sehen darf.“

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Das Treffen fand nicht statt, erst Anfang Juli lernen sich beide in Paris kennen – und lieben. Am 6. Juli schreibt Frisch: „Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein lang gefürchteter Engel, der da fragt Ja oder Nein. Und ich bin glücklich und ratlos und zu feig, um über die Stunde hinaus zu denken.“

Hier finden sich schon ganz zu Anfang Motive und Fragestellungen, die viele Briefe der beiden prägen werden: Wie eng wollen sich beide aneinander binden? Wollen beide zusammenziehen, oder benötigen sie ihre Freiheit, die sich auch in eigenen Wohnungen widerspiegelt? Wer spielt in der Beziehung welche Rolle, welche Hierarchien, Abhängigkeiten, Wünsche herrschen? „Im Grund habe ich doch Sehnsucht nach dem Einfürallemal, nach dem Wagnis, dem ich ausweiche ins Abenteuerliche“, schreibt Frisch im Juli 1958. Sich binden? Oder doch noch nicht?

Ingeborg Bachmann und Max Frisch führten eine moderne Beziehung

Die Eckdaten der Beziehung sind klar: Vier Jahre, zwischen 1958 und 1962, bleiben beide ein Paar. Sie leben in Rom zusammen und in Uetikon am Zürichsee. Beide führen eine sehr moderne Beziehung, wie der Briefwechsel zeigt. Im „Venedig-Vertrag“ aus dem Jahr 1960 vereinbaren beide, dass sexuelle Verhältnisse außerhalb ihrer Beziehung möglich sind – sofern diese Affären nicht ihre Liebe gefährden.

Die Beziehung der beiden Literaten, die zurzeit von Margarethe von Trotta verfilmt wird, spiegelt sich auch in ihren Romanen und Erzählungen wider. In Bachmanns „Malina“ etwa, in Frischs „Montauk“. Und natürlich in seinem berühmten Roman „Mein Name sei Gantenbein“. Ingeborg Bachmann hat die Lila im „Gantenbein“ als eine Vernichtung ihrer Person empfunden.

Auch hier bringt der Briefwechsel neue Klarheit. Denn es wird deutlich, dass Bachmann an Frischs „Gantenbein“ mitarbeitete. Sie redigierte, arbeitete Korrekturen ein, kannte den Roman also bereits deutlich vor dem Erscheinen und nicht erst, wie lange behauptet, als der Autor ihr die Druckfahne des Buches vorlegte. Am 24. Dezember 1963 schreibt Bachmann anerkennend: „Ich wünsche Dir alles Gute für das Buch und die Zukunft – auch, dass Du schon gute Nachrichten hättest und eine wirkliche und dauernde Anerkennung für Deine Arbeit findest. Du musst nicht fürchten um das Buch. Es ist wirklich ein Buch.“ Auch das zeigt die Korrespondenz: wie sehr beide Antreiber, Mitleser und Fürsprecher im literarischen Arbeiten des anderen waren.

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Literaturgeschichte muss umgeschrieben werden

Im Briefwechsel findet sich Alltägliches („Ist eigentlich mein Tenniszeug in Rom?“), Politisches wie die Kuba-Krise, Emotionales, Privates. Und Schmerzhaftes. Es tut beim Lesen weh, wie Ingeborg Bachmann versucht, Frisch einerseits für die neue Beziehung zu Marianne Oellers freizugeben, auf der anderen Seite aber ein Teil seines Lebens zu bleiben. „Ich liebe Dich und ich liebe Dich jetzt verzweifelt und kann in dieser Verzweiflung nur weggehen und Dich bitten, dann ‚normal‘ zu leben und zu arbeiten, wie ich es tun werde“, schreibt sie am 14. August 1962. Sie sehnt sich nach ihm – aber Frischs Liebe ist bereits bei einer anderen Frau. Die Tür ist zu. Es geht nahe, dies lesend mitzuerleben.

Auch wenn der Briefwechsel Lücken hat, schließt er Löcher – in der Betrachtung des Lebens und Liebens der beiden Schriftsteller. So müssen Teile der deutschsprachigen Literaturgeschichte – so weit kann man gehen – nach dieser Veröffentlichung umgeschrieben werden.

Ingeborg Bachmann, Max Frisch: „Wir haben es nicht gut gemacht.“ Der Briefwechsel. Piper. Suhrkamp. 1039 Seiten, 40 Euro.

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