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Keine ganz normale Liebesgeschichte

Die Verzweiflung der Kannibalen: Timothée Chalamet in „Bones and All“

Zum Fressen gern: Taylor Russell (l.) als Maren und Timothée Chalamet als Lee im Film „Bones and All“.

Zum Fressen gern: Taylor Russell (l.) als Maren und Timothée Chalamet als Lee im Film „Bones and All“.

Wenn jemand geeignet dafür ist, diese schockierende und schauerliche Geschichte in Kino zu verwandeln, dann ist das wohl Luca Guadagnino. Ihm gelingt es kongenial, in der Verfilmung des gleichnamigen Romans von Camille DeAngelis aus dem Jahr 2015 eine romantische Coming-of-Age-Story mit Horror und einer fetten Portion Kannibalismus zu verknüpfen. Seine Protagonisten sind zwei junge, sympathische Menschen, die einen Platz im Leben suchen. Eigentlich ist das nichts Besonderes, aber ihre Lust auf Menschenfleisch macht sie doch etwas „special“.

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Da ist die schüchterne Maren (Taylor Russell), die auf einer Pyjamaparty in der Nachbarschaft unvermittelt einer anderen Schülerin den Finger abbeißt, einer der ersten gruseligen Momente, bei denen man gern die Augen schließt. Als sie aufgelöst nach Hause kommt, hält ihr Vater den Stress nicht mehr aus und verschwindet klammheimlich.

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Sie findet morgens eine besprochene Kassette auf dem Küchentisch über ihre „Untaten“, beginnend mit dem Nagen am Babysitter in sehr jungen Jahren. Allein auf sich gestellt, entscheidet sich die 18-Jährige, ihre unbekannte Mutter zu suchen, die ihr vielleicht helfen kann, den Trieb zu erklären, vielleicht sogar zu beherrschen.

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Das ist der Auftakt zu einer Reise ins Herz der Finsternis. Auf ihrem Weg durch die öde Provinz trifft Maren einen durchgeknallten Typen (Mark Rylance als wunderbarer Bösewicht), der „riecht“, dass auch sie ein „Eater“ (Esser) ist und ohne viel Federlesens mit ihr zum Einstand eine ältere Lady verspeist, die sowieso bald gestorben wäre. Seine „humane“ Variante: Möglichst nur Todgeweihte ins Visier nehmen. Aber so ganz traut sie dem scheinbar väterlichen Freund mit grauem Zopf nicht über den Weg und sucht das Weite.

Lange bleibt sie nicht allein. Im Supermarkt begegnet sie dem charmanten Lee (Timothée Chalamet) mit rot gefärbten Haaren, und die große Liebe bricht aus. Nicht nur große Gefühle verbinden die beiden, sondern auch der Appetit auf Menschenfleisch. Das kann schon mal ein alleinstehender Homosexueller liefern, dem Lee erst sexuell näherkommt, bevor er ihm die Kehle aufschlitzt. Das Duo folgt seiner eigenen Moral und zieht Einzelgänger vor. Man möchte ja keine Familie ins Unglück stürzen.

Leichen pflastern ihren Weg

Der Versuch scheitert, ein normales Leben zu führen, ein Zuhause zu finden, einfach dazuzugehören. Die Vergangenheit holt die beiden immer wieder ein. Sie bleiben Außenseiter. Bald pflastern Leichen(teile) den Weg der beiden Verzweifelten, die nicht aus ihrer Haut können. Sie sind vom Schicksal Verdammte.

Trotz abstoßend-blutiger Szenen ist gleichzeitig eine Reinheit und Sinnlichkeit in diesem Film zu spüren, eine Leidenschaft und Sehnsucht, die sich dann doch wieder in Ungeheuerlichkeit Bahn bricht. Der Roadtrip durch Reagans Amerika der 1980er-Jahre mit sozialen Ungleichheiten wird zum Trip in die eigene Hölle. Man kann in den Film Metaphern für US-Kapitalismus, Drogen oder gesellschaftliche Ausgrenzung interpretieren, aber er funktioniert auch ohne intellektuelles Hilfsbesteck.

Regiepreis in Venedig

Der italienische Regisseur vermeidet bei seiner ersten Arbeit in den USA den Absturz in ein billiges Splattermovie. Er suhlt sich auch nicht in Perversionen. Dafür gab es beim Filmfestival in Venedig im Herbst den Regiepreis.

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Maren und Lee folgen nicht dem Zeitgeist von Egoismus und Gier auf Kosten anderer, sie rasten nicht aus und töten auch nicht aus Spaß, sondern nehmen, was sie brauchen, leiden dabei unter Schuldbewusstsein und inneren Qualen. Über all dem liegt ein zarter Hauch von Poesie.

Wenn sich das jugendliche Paar in die erste Liebe hineintastet, lässt die gemeinsame Zärtlichkeit und Hingabe streckenweise Menschenfleischgelüste, Knochensplitter und Blutfontänen vergessen. Bis sich dann doch der Hunger meldet und milde Romantik dem mörderischen Rausch weicht.

Die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern stimmt. Teenieliebling Chalamet, der in Guadagninos „Call Me By Your Name“ seinen Durchbruch feierte, unterstützt die noch nicht so bekannte Russell in ihrer starken Performance – sie erhielt in Venedig den Preis als beste Nachwuchsschauspielerin. Chalamet hält sich zurück, auch wenn man gefangen ist von seinem jungenhaften Charisma und der Nonchalance seines Spiels.

Kreischalarm erster Güte löste der 26-jährige Chalamet bei der Venedig-Premiere von „Bones and All“ aus, als er im rückenfreien roten Glamouroutfit über den roten Teppich flanierte – als ein lebender Beweis für das moderne genderneutrale Männerbild.

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Man sollte in diesem Film nie vergessen: Es geht hier eben doch nicht um eine übliche Lovestory, sondern um eine ganz besondere zwischen Kannibalen. Da liegen Liebe und Tod nahe beieinander. Der Spruch „Ich habe dich zum Fressen gern“ gewinnt am überraschenden Ende eine neue Bedeutung.

„Bones and All“, Regie: Luca Guadagnino, mit Timothée Chalamet, Taylor Russell, Mark Rylance, 130 Minuten, FSK 16

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