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  • Bob Dylan: Neues Album “Rough and Rowdy Ways” erscheint heute

Des alten Knaben Wunderhorn: Neues Album von Bob Dylan

  • Am Freitag erscheint ein musikalisches Schatzkästlein voller Figuren, Zitate und Rätsel.
  • Bob Dylan besingt auf seinem neuen Album “Rough and Rowdy Ways“ in zehn Songs sich selbst, die Liebe, den Tod und den Stand der Dinge.
  • Nach dem Verhallen des letzten Tracks “Murder Most Foul” bleibt nur ein Urteil möglich: Es ist ein Meisterwerk.
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Bob Dylan sagt uns, wo Pete Seegers Blumen wirklich sind und er sagt es uns zu den trauten, traurigen Tönen einer Gitarre. “Heute, morgen und auch gestern / sind die Blumen gestorben – wie alles“, lauten die ersten Zeilen seines neuen Albums “Rough and Rowdy Ways“. Und dann bittet Dylan seinen Zuhörer um unbedingte Gefolgschaft und gibt ihm eine kleine Führung durch sich selbst.

Er erzählt ihm, ein “verräterisches Herz“ zu besitzen wie Edgar Allan Poe, Landschaften und Akte zu malen und einen Preis auf den Kopf des bösen Wolfs auszusetzen. Er zitiert Popgeschichte, die “young dudes“ von Mott the Hoople und den “red Cadillac“ und den “black Moustache“ von Rockabillysänger Warren Smith, vergleicht sich in einem Satz und ohne jede Vertiefung dieser Dreifaltigkeit mit Anne Frank, Indiana Jones und den Rolling Stones. Nachdem er uns in den vergangenen fünf Jahren ausschließlich Lieder der Swingära gekräht hat, verspricht er seinem Publikum für die Zukunft, auch noch Beethoven-Sonaten und Chopin-Präludien spielen zu wollen.

Eine Art rätselhafte Lösung des Rätsels Mensch

Um seine Umsetzung von E-Musik später auf diesem Album mit Jacques Offenbach zu beginnen. Der erste Song heißt “I Contain Multitudes“, was sich mit “Ich beinhalte Welten“ oder “Ich bin viele“ übersetzen lässt. Der Song, eine Art rätselhafte Lösung des Rätsels Mensch ist ein praller Sack voller Verweise, Bezüge, Mysterien – ein viereinhalbminütiger Zeitfresser für Dylanologen, die noch jedes “and“ in Dylan-Texten auf Bedeutung abklopfen.

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Dieses Album ist ein gefundenes Fressen für die Examinierer. Shakespeare-Gestalten wie Cäsar und Macbeth streifen in Kohorten durch die Songs, Martin Luther King, Marlon Brando und Ricky Nelsons Mary Lou bevölkern sie. Und die Beatles rufen Amerika Anfang 1964 “I Want to Hold Your Hand“ zu, als das ganze Land eine Hand brauchen kann wie nie zuvor in seiner Geschichte.

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Gangster, Hobos, Apostel, Pianisten und verrückte Wissenschaftler treiben sich auf diesen Melodien herum. Und im twangenden “My Own Version of You“ mordet der Erzähler, um sich in Frankenstein-Manier einen Menschen nach Maß zu erschaffen. Ein gruftschwarzes Antiliebeslied darüber, dass ein Mensch es schwer hat gegen die Vorstellung, die sich andere von ihm machen. Und dass diese Vorstellungen zu Monstern werden können. Das hat Dylan selbst erfahren in den Sechzigerjahren.

Die Stimme – verwittert, aber zärtlich

Die Stimme des Raben Bob ist hier abgerieben und verwittert, aber sie ist auch zärtlicher als sonst zu den eigenen Worten, ein sanftes, modulierendes Sehnen und Seufzen, wenn er etwa im getragenen “Mother of Muses“ die Lieferantinnen seiner Kunst anruft. Dylan singt – wenn auch mit seiner Altersstimme – schön wie 1969 auf “Nashville Skyline“. Die Sinatra-Jahre haben ihm gut getan. Und was er an Chicago Blues-, Rock-’n’-Roll- und Folk-gewobenem Americana vorträgt, trägt noch in der dunkelsten Dunkelheit das Licht seines Humors.

Die Liebe, der Urantrieb allen Singens, ist allerdings auch noch da – die zur Menschin und die zur Musik. Mit “I’ve Made up My Mind to Give Myself to You“ gelingt Dylan ein Balladenklassiker-to-be, was auch seiner Untermalung mit Offenbachs unwiderstehlicher “Barcarole” aus der Oper “Hoffmanns Erzählungen” geschuldet ist. Und im nicht minder berückenden, Akkordeon-geschmückten “Key West“ (harmonisch wie ein Dire-Straits-Epos) zieht ein alter Romeo nach Florida, um letzte Klarheit zu erhalten und bekommt sie schließlich - durch einen Song.

Corona als Bote von etwas Schlimmerem

Dylan ist nicht aus der Zeit gefallen, kein Nostalgiker, der hier mit knapp 80 noch mal seine Taschen leert, in denen er sein staubiges Gestern gesammelt hat. Die “rauen und gewalttätigen Wege“ sind für ihn die unserer Tage. In einem Interview hat der Sänger aus Minnesota den Tod von George Floyd bedauert und sieht Corona in einem mythischen Raunen gegenüber der “New York Times“ als Boten von etwas Schlimmerem, das noch bevorsteht. Kein Wort über eine Fortsetzung seiner “neverending tour“ nächstes Jahr. Stattdessen der Satz eines Letzten aller Barden: “Vielleicht stehen wir am Vorabend der Zerstörung.“

Mumpitz sagen die einen, oh weh die anderen. Schließlich resigniert hier nicht irgendwer, sondern Dylan, der Weise, der Literaturnobelpreisträger, der vielleicht wichtigste Barde der letzten 100 Jahre. Aus seinem Stomper “False Prophet“ scheint dann – obzwar nie namentlich erwähnt – Trump zu sprechen, der Protz-und-Proll-Präsident und einer der derzeit emsigsten Weltuntergangsbetreiber: Der feiste Protagonist des Liedes rühmt sich selbst über Gebühr, nennt sich den Herrscher des Landes und will seine vermeintlich ruchlosen Vorgänger in Ketten werfen. Hatte Trump Ähnliches nicht mit Barack Obama vor?

Der amerikanische Niedergang begann, so geht der Mythos, als sie an einem “dark day in Dallas“ 1963 Präsident John F. Kennedy erschossen, und mit ihm die Vision einer besseren Welt zerstörten. Den 17-Minuten-Song “Murder Most Foul“, seinen längsten überhaupt, eine assoziationsgeflutete, gebetsartige Halluzination über jenen “unseligsten aller Morde“ hatte Dylan bereits im April veröffentlicht, entsprechend viel wurde bereits über ihn geschrieben. Es ist ein dichtes Gewebe über die Hybris des verbitterten Südens, in dem noch immer zu viele das als Symbol des Rassismus geltende “Blood-stained Banner“ wehen lassen.

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Verschwörungstheorien verweigert sich Dylan

Dylan spricht gegen den Hass, Verschwörungstheorien indes meidet er: Wer die Wahrheit über JFKs Tod wissen möchte, der möge den vermeintlichen Attentäter Lee Harvey Oswald fragen und dessen Mörder Jack Ruby. Beide sind lange tot.

“Mach mich unsichtbar wie den Wind“ bittet Dylan die Musen. Auch ihm naht der Tod in Gestalt des “Black Rider“, und Dylan (oder sein lyrisches Ich) spricht mit ihm zu verwunschen wehenden Gitarrenklängen. Impulsiv will er fliehen, der Reiter indes besteht auf Akzeptanz. So beschließt der Besuchte, sich mit einem persönlichen Lied zu retten, einem mit (Mit-)Gefühl für den Tod: “Du machst den Job schon zu lange.“

Ein Meisterwerk nach 60 Jahren im Business

Möge Dylan ihm noch viele Schnippchen schlagen. Denn zwar macht er seinen Job auch schon seit annähernd 60 Jahren, aber er ist auch 57 Jahre nach “The Freewheelin‘“, 54 nach “Blonde on Blonde“ und 45 nach “Blood on The Tracks“ noch kein bisschen zu müde für musikalische Großartigkeiten, für ein erzählerisches Wunderhorn wie es “Rough and Rowdy Ways“ geworden ist.

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