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Blondie-Sängerin Debbie Harry: “Ich glaube, wir haben einen Kriminellen als Präsident”

  • Blondie-Sängerin Debbie Harry kommt im März mit ihrer Autobiografie „Face it“ nach Deutschland.
  • Im Gespräch erzählt die New-Wave-Legende vom gefährlichen New York der 70er-Jahre und von amerikanischen Enttäuschungen der Gegenwart.
  • Über Trump sagt sie: "Ich habe keinen Respekt vor Frauen, die Trump wählen"
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„Es gibt schon Momente, in denen ich an die Vergangenheit denke, und wie viel Spaß wir hatten“, sagt Blondie-Sängerin Debbie Harry durchs Telefon. „Aber ich romantisiere das nicht allzu sehr. Ich erfreute mich an dem Abenteuer, als es stattfand. Und ich freue mich heute darüber, dass das Abenteuer gut ausging.“ Zuletzt freilich hat die New Yorker Sängerin und Songwriterin dem großen Abenteuer ihres Lebens viel Zeit gewidmet. Fünf Jahre lang hat sie an ihrer jüngst erschienenen Autobiografie „Face It“ gearbeitet, mit der sie im März eine Lesereise durch Deutschland antritt.

Für das Buch hatte die 74-Jährige nur ihren Kopf zur Verfügung – es gab keine Stützen wie Tagebücher oder sonstige Aufzeichnungen. Und doch wird das düstermagische Rock’n’Roll-Früher der Sechziger- und Siebzigerjahre lebendig wie in einem Film. Harry beschreibt den Weg einer behüteten Adoptivtochter in ein wildes New York voller Möglichkeiten. „Face It“ ist eine Geschichte von Aufstieg, Fall und Neubeginn. Es ist zuvörderst die Geschichte von Blondie – der Band von Debbie Harry und Gitarrist Chris Stein.

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Debbie Harrys Buch ist eine ziegelsteindicke Liebeserklärung an New York

New York war Harrys Stadt seit sie als Kleinstadtkind zum ersten Mal den Weihnachtsbaum am Rockefeller-Center sah. „Es war die ganze Spannung dort – der Lärm, die Geschäfte, die wunderschönen Gebäude. Das alles stieß meine Fantasie an. Ich wusste sofort, hier würde ich interessante Menschen kennenlernen.“ Harry blieb New Yorkerin bis heute. Ihr Buch ist eine ziegelsteindicke Liebeserklärung an die Stadt, die nie schläft.

Der Leser trifft im Buch indes nicht auf das saubersonnige New York unserer Tage, sondern auf die unregierbare Krisenstadt der Seventies, die dem Gotham City des derzeitigen Multi-Oscar-Anwärters „Joker“ ähnelte: Müll in den Straßen, Heroinjunkies an der Ecke. Es gab keine Polizeistreifen mehr in den U-Bahnhöfen und es wurde davor gewarnt, den Central Park bei Dunkelheit zu betreten. 1975 gab es die Band Blondie zwar schon, doch außerhalb New Yorks kannte sie noch niemand.

Ein Überfall endete mit Debbie Harrys Vergewaltigung

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Debbie und Chris, die in Manhattans Lower East Side lebten und Konzerte im Punk-Urschuppen CBGB gaben, wurden eines Tages zuhause überfallen. Der Angreifer wollte Geld, seine Opfer aber waren pleite. So fesselte der Mann Stein an den Bettpfosten, vergewaltigte Harry und verschwand mit den Gitarren. Und Harry schreibt dazu in „Face It“ den unglaublichen Satz: „Letztlich waren die gestohlenen Gitarren für mich schlimmer als die Vergewaltigung.“

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„Das ist meine Art von Humor“, relativiert sie im Gespräch. „Es war mein Weg zu sagen: Zur Hölle, das wird mich nicht unterkriegen! Aber ich hätte erwähnen müssen, wie sehr Chris danach für mich da war. Er stand immer an meiner Seite. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich da durchkam und weiter machen konnte.“ Das Buch ist also auch eine Liebeserklärung an Stein. 13 Jahre dauerte beider Beziehung, bis heute sind sie einander die besten Freunde.

Debbie Harry: “Wir wollten mit Blondie ins Radio”

Die Erfolgsgeschichte ist bekannt. Blondie waren Punks, aber nicht die Drei-Akkorde-sind-zwei-zuviel-Schrabbler, die sich gegen Hits, Charts und Radio verwahrten. Sie waren von Beginn an melodiebetont und experimentierfreudig. Ihr „Heart of Glass“ war der Überhit von 1979, aus Blondie wurde die rangerste Band des New Wave – so hieß die stilistische Öffnung des Punk zum Pop. „Dreaming“, „Atomic“, „Call Me“, „Union City Blue“ waren Hits die wie Sehnsucht auf Neonlicht klangen, Harrys Stimme dazu war melancholisch und verführerisch zugleich.

„Wir wollten ins Radio“, gesteht Harry heute. „Punk war eine Haltung, musikalisch setzte er sich aber zumindest in New York aus vielen Bands mit vielen Sounds zusammen, die sich zusammen gegen den langweiligen Rock mit seinen ausufernden Soli auflehnten. Erst über die Jahre wurde Punkrock simpler, einheitlicher.“

Optisch erinnerten Blondie an eine englische Band der Mittsechzigerjahre, die von einer Göttin des alten Hollywood angeführt wurde. „Die Modklamotten gab’s billig in den Secondhandshops“, erklärt Harry den Britlook. „Und ich selbst war immer schon an den Traumbildern des Kinos interessiert.“

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Debbie Harry hat keinen Respekt vor Frauen, die Trump wählen

Auf dem jüngsten Album „Pollinator“ klingen Blondie songweise wieder ruppig und punkig wie einst im CBGB. Und sogar politisch. „Doom or Destiny“ heißt die bislang letzte Single der Band. Im zugehörigen Videoclip verlesen Harry und ihre Duettpartnerin Joan Jett Nachrichten, während eine orangefarbene Trump-Puppe permanent „Fake News!“ dazwischenruft. „Um es vorsichtig zu sagen, ich denke nicht, dass er ein guter Präsident ist“, sagt Harry. „Wenn sie es derber hören wollen – ich könnte jetzt ziemlich derb werden.“ Wird sie aber erstmal nicht.

Im Film attackiert zur Schlagzeile „Pussy grabs back“ eine Katze den Plüsch-Trump. Harry, eine ausgewiesene Feministin, kann bis heute nicht nachvollziehen, wie auch nur eine einzige amerikanische Frau einen Mann als Präsident wählen konnte, der grobe sexuelle Übergriffe für angemessen hält. „Viele werden natürlich auch bis heute von ihren Ehemännern kontrolliert“, versucht sie sich an einer Erklärung. „Ich habe keinen Respekt vor diesen Frauen, ehrlich. Ich habe keine einzige Freundin, die sowas brächte. Die sind wachsam, haben Selbstachtung. Aber diese Welt ist natürlich immer noch eine Männerwelt, in der seit Ewigkeiten eine Art Gehirnwäsche läuft. Es ist immer noch schwer für Frauen. Sehr schwer.“

Deutschland macht Harry Hoffnung in Sachen Klima

Deshalb ist Harry pro #MeToo. „Sehr sinnvoll und sehr mächtig“ sei diese Bewegung. „Sie ermöglicht es sexuell missbrauchten Frauen, aufzustehen und für sich selbst einzutreten.“ Die Ansicht französischen Schauspielerin Cathérine Deneuve, die bezüglich #MeToo von einem Klima der Denunziation sprach, teilt sie nicht. „Wenn ich beim Film arbeite, sehe ich zwar schon, dass die Leute vorsichtig geworden sind. Aber das wird sich regeln, das ist nur ein Lernprozess.“

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Der Slogan „Stop fucking the planet“ taucht sowohl im Buch als auch im „Doom“-Video auf. Ob der Klimawandel rechtzeitig gestoppt wird? „Es ist schon sehr traurig, dass wir die Technologie und die Leute haben und so wenig tun“, sagt Harry. „Wenn ich aber über Deutschland fliege, und die vielen Windräder sehe, die Elektrizität erzeugen, habe ich doch Hoffnung.“ Die Popikone Harry hat denn auch ein Idol. „Greta ist eine Heilige“, sagt sie, „ein heiliges Kind.“

Harry: “Ich glaube, wir haben einen Kriminellen als Präsident”

Und dass Trump die 17-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg mit seinem „Chill, Greta, chill“-Tweet verspottet hat, findet sie zutiefst empörend. Sie seufzt: „Ich kann mir kaum vorstellen, dass die alte Phrase von den USA als ,world leader‘ noch verwendet werden wird, nachdem wir Mister Trump losgeworden sind.“

Eine weitere Amtsperiode Trumps wäre ein Albtraum für Harry. „Ich hoffe wirklich sehr, dass die politische Situation in den USA bald wieder ins Lot kommt. Dass dieser Nationalismus aufhört, mit dem alle wichtigen Einflüsse von außerhalb unseres Landes eliminiert wurden. Ich finde das alles extrem verstörend, ich halte das sogar für kriminell. Wenn sie also was Harsches von mir hören wollen: Ich glaube, wir haben einen Kriminellen als Präsident.“ Ihre Prognose für die Wahl am 3. November. Sie seufzt. „Das ist beim besten Willen nicht vorauszusagen.“

Könnte also sein, dass das nächste Blondie-Album politischer wird. 2020 soll es erscheinen. Das Abenteuer Debbie Harrys– es ist noch nicht vorbei.

Debbie Harry: „Face It“, Heyne Hardcore, 430 Seiten, 25 Euro

Tourdaten der Lesereise „Debbie Harry & Chris Stein in Conversation" 7. März, 20 Uhr: Kampnagel – Hamburg; 9. März, 20 Uhr: Funkhaus Berlin Saal 1 – Berlin; 11. März, 21 Uhr: Theater am Tanzbrunnen - Köln

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