Besetzte Theater in Frankreich: Ein Hauch von Revolution

  • Seit Beginn der Pandemie gab es in Frankreich, dem Land der ständigen Demonstrationen, überraschend wenig Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen.
  • Nun jedoch besetzen Künstler und Freischaffende immer mehr Theater im ganzen Land.
  • Sie wehren sich gegen eine Politik, die Tausende in die Misere treibe.
Lisa Louis
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Paris. Durch das Odéon-Theater im sechsten Arrondissement im Zentrum von Paris weht ein Hauch von Revolution. Rund vier Dutzend Menschen besetzen seit drei Wochen einen Teil des staatlichen Schauspielhauses, das schon im Mai 1968, zusammen mit der Universität Sorbonne, eine Hochburg des Aufstands war. Sie organisieren täglich eine Generalversammlung – Journalisten ist der Zugang dazu strikt verwehrt –, Gremien zur Organisation und eine „Agora“ (griechisch für Marktplatz), eine öffentliche Versammlung vor dem Theater.

Ihre Aktion hat andere Künstler, Studierende und Freischaffende dazu inspiriert, fast 70 weitere Theater im ganzen Land zu besetzen. Die Protestierenden wollen die Regierung dazu bringen, mehr für diejenigen zu tun, die wegen der Corona-Beschränkungen kaum noch über die Runden kommen. Doch nicht alle ihre Forderungen könnten so leicht durchsetzbar sein.

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Ortstermin. Seit etwa einer halben Stunde spielt auf dem Place de l’Odéon beschwingt eine Jazzgruppe. Immer mehr Menschen bleiben stehen, um sich in die Sonne zu setzen und zuzuhören oder auch zu tanzen. Plötzlich hört die Musik auf. Ein Mann begrüßt die Menge.

Dann schallt eine weibliche, vorher aufgezeichnete Stimme aus den Boxen: „Seit einem Jahr dürfen wir nicht arbeiten, um unseren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Regierung hat sich dafür entschieden, die Orte des Konsums und nicht die der Geselligkeit zu fördern.“ Die Menge klatscht, einige nicken zustimmend. Kurze Zeit später tritt eine junge Frau ans Mikrofon: „Gemeinsam sind wir stark – wir werden unseren Kampf gewinnen“, ruft sie. Da jubeln alle, klatschen minutenlang.

„Wir sind hier, weil Tausende wegen der Covid-19-Einschränkungen am Hungertuch nagen“

Oben, vom Balkon des Theaters aus schaut eine kleine Gruppe zu. Unter ihnen ist die 59-jährige Marie-Noëlle Thomas. Am 7. März, drei Tage nach der Besetzung des Theaters, stieß sie zum ersten Mal zu den Protestierenden dazu. Seit acht Tagen hält sie sich nun ständig hier auf, schläft in dem Theater, isst dort und überlegt sich gemeinsam mit den anderen, wie es mit der Bewegung weitergehen soll. „Wir sind hier, weil Tausende wegen der Covid-19-Einschränkungen am Hungertuch nagen“, sagt sie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Dabei ginge es nicht darum, Covid-19 zu leugnen. Die Besetzer würden streng Abstand halten, Desinfektionsgel benutzen, Masken tragen, und ihre Anzahl im Theater sei strikt auf 42 begrenzt.

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Die Fremdenführerin Marie-Noëlle Thomas. © Quelle: Lisa Louis

Thomas ist freie Fremdenführerin und arbeitet sich seit 25 Jahren von einem zum nächsten befristeten Vertrag. Doch seit Beginn der Krise kommen kaum noch Touristen. Recht auf Arbeitslosengeld hat sie nicht. So musste sie einen Teilzeitjob als Pförtnerin in einem Park annehmen, bei dem sie etwa 1000 Euro pro Monat verdient – weniger als die Hälfte von dem, was sie vorher bekam. „Ich habe Glück – meine Wohnung ist bereits abgezahlt, und das Geld reicht gerade so für mich und meine 21-jährige Tochter, die noch bei mir wohnt“, sagt sie. „Aber ich kenne viele, die ihre Wohnung verkaufen oder bei Freunden auf dem Sofa schlafen und ihre Kinder vorübergehend an die Großeltern abgeben mussten, weil sie einfach nicht genug Geld zum Leben haben.“

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Kulturministerin nennt Besetzungen „nutzlos“ und „gefährlich“

Diese Leute fielen wie sie durch eine Lücke im System: Sie hätten weder unbefristete Verträge und so Recht auf Arbeitslosengeld, noch gehörten sie zu den sogenannten Intermittents du Spectacle, die in Frankreich trotz befristeter Verträge Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Durch diese besondere Rechtsform bekommen unter anderem Künstler und Schauspieler staatliche Zuschüsse, wenn sie innerhalb der vergangenen zwölf Monate eine Mindestanzahl an Stunden gearbeitet haben.

Doch selbst für die Intermittents könnte es jetzt brenzlig werden, weil viele im vergangenen Corona-Jahr ja kaum Stunden ansammeln konnten. „Wir fordern deswegen, dass alle mit befristeten Verträgen Recht auf Arbeitslosengeld bekommen, und dass das Recht der Intermittents auf Arbeitslosengeld automatisch um ein Jahr verlängert wird – so wie das auch schon 2020 geschehen ist“, erklärt die Fremdenführerin. Doch die zentrale Forderung der Besetzer bezieht sich auf eine diesen Juli anstehende Reform der Arbeitslosenversicherung, die die Arbeitslosengeldsätze kürzen und die Bedingungen für die Unterstützung weiter verschärfen soll. „Erst, wenn Präsident Macron diese Reform einstampft, werden wir die Theater wieder freigeben“, so Thomas.

Bisher jedoch scheinen die Verhandlungen mit der Regierung eher schleppend voranzugehen. Kulturministerin Roselyne Bachelot nannte die Besetzungen „nutzlos“ und „gefährlich“ – auch, weil dadurch die Gebäude beschädigt werden könnten. Ein jährliches Treffen der Ministerin mit den Vertretern des Kultursektors musste zudem verschoben werden. Bachelot liegt nämlich mit Covid-19 im Krankenhaus.

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