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Beseelt und besessen vom Kino: Quentin Tarantinos Romandebüt

  • Quentin Tarantino liefert mit „Es war einmal in Hollywood" sein Romandebüt.
  • Das Buch ist weit mehr als nur die Begleitlektüre mehr zum gleichnamigen Film.
  • Der Ausnahmeregisseur liefert eine Art alternative Kinogeschichtsschreibung.
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Kleine Kinoquizfrage: Wie hieß der kläffende Yorkshireterrier von US-Schauspielerin Sharon Tate? In einem handelsüblichen Filmhandbuch dürfte man diese Information wohl vergeblich suchen. In Quentin Tarantinos Debütroman „Es war einmal in Hollywood“ erfahren wir es ganz genau: Er hieß Dr. Sapir­stein, benannt nach dem von Ralph Bellamy so mysteriös gespielten Kinderarzt in Roman Polanskis Kinothriller „Rosemaries Baby“.

Das lässt sich überprüfen: Dr. Sapirstein schob sich ganz gern in den Vordergrund auf Fotos mit der Schauspielerin, die später von der Manson-Bande mit 23 Messerstichen bestialisch ermordet wurde. In Tarantinos gleichnamigem Film, das wissen die Fans des US-Ausnahmeregisseurs, nimmt die Historie einen etwas anderen Verlauf.

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Wer nun Tarantinos Buch liest, erwartet selbstredend dasselbe haarsträubend herbeiinszenierte Finale. Und wird, so viel darf verraten werden, wieder genauso überrascht wie in Tarantinos Film von 2019. Es handelt sich bei „Es war einmal in Hollywood“ um mehr als um ein nachgeliefertes Begleitbuch zum Film. Mansons Bande macht aber auch hier die Straßen in Los Angeles sowie die Ranch des beinahe blinden George Spahn unsicher.

Verraten werden darf das traurige Ende des geliebten Vierbeiners. Im Roman überfährt Polanskis Freund Voytek Frykowski den armen Dr. Sapirstein beim Zurücksetzen auf dessen Grundstück am Cielo Drive. Seiner bitterlich weinenden Frau, unterwegs bei Dreharbeiten, tischt Polanski die Version auf, der Hund sei wohl einem Kojoten zum Opfer gefallen.

Wie starb Dr. Sapirstein?

Auch den polnischen Schauspieler Frykowski hat es gegeben. Er starb ebenfalls bei dem Anschlag der sogenannten Manson-Family auf Polanskis Haus.

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Ob aber Dr. Sapir­stein auf so unglückselige Weise gestorben ist? Nach der Lektüre von „Es war einmal in Hollywood“ hält man vieles für möglich. Man kann beinahe jeden Namen in diesem Roman nachschlagen – und trifft auf ein Vorbild aus der Realität.

Ein Glossar wäre erkenntnisfördernd gewesen für all jene, die nicht wie Tarantino als wandelndes Filmlexikon herumlaufen. Notwendig ist es allerdings nicht, um Spaß an der lässigen Story um den abgehalfterten TV-Serienstar Rick Dalton und dessen langjähriges Stuntdouble Cliff Booth zu haben.

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Der Babysitter für den Ex-Star

Der coole Booth ist Daltons bester Freund und Mädchen für alles. Man könnte auch sagen: Er wirkt als Babysitter für den genauso trinkfreudigen wie weinerlichen Ex-Star, der verpassten Karrierechancen hinterhertrauert und sein Leben nur noch durch den ausgiebigen Zuspruch von Whiskey Sour ertragen kann.

Der noch nie durch Bescheidenheit aufgefallene Tarantino liebäugelte immer schon mit seinem schriftstellerischen Talent: „Es soll Literatur sein. Ich schreibe Sachen, die niemals in den Film eingehen, und Sachen, von denen ich weiß, dass sie sich gar nicht für den Film eignen, aber ich nehme sie trotzdem ins Drehbuch auf. Wenn ich mit dem Skript fertig bin, soll es so gut sein, dass ich am liebsten aufhören möchte“, hat er der „Welt am Sonntag“ mal gesagt.

Seine beiden Oscars hat Tarantino für seine Drehbücher zu „Pulp Fiction“ und „Django Unchained“ erhalten. Er ist nicht nur berühmt-berüchtigt für die Gewaltexzesse in seinen Filmen, sondern auch für die ausufernden Dialoge darin. Nun stellt er seine Fertigkeiten unter Beweis – und gibt tiefen Einblick darin, wie beseelt und gleichzeitig besessen er vom Kino ist. „Es war einmal in Hollywood“ liefert quasi nebenbei eine Art alternative Kinogeschichtsschreibung.

Mitarbeiter im Pornokino

Der hochintelligente Schulabbrecher Tarantino hat seine cineastische Grundausbildung einst als Mitarbeiter einer Videothek und eines Pornokinos genossen. Er wurde durch Kung-Fu-, Horror- und Blaxploitationfilme sozialisiert – und behauptet, dass es keinen Film gebe, den er nicht kenne.

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Das Hollywoodkino hat Tarantino mit seinen Filmen tüchtig aufgemischt und erneuert: Welcher Regisseur sonst wäre auf die Idee gekommen, Adolf Hitler von einer Truppe jüdisch-amerikanischer Soldaten erschießen zu lassen („Inglourious Basterds“)? Trieb jemals zuvor im Wilden Westen ein Zahnarzt aus Düsseldorf sein Unwesen („Django Unchained“ mit Christopher Waltz)? Würde sonst irgendjemand Agatha Christie in einem Western zitieren („The Hateful 8“)?

Als Autor mag Tarantino es weniger drastisch, legt seinem Personal aber immer noch jede Menge Kraftausdrücke in den Mund. Clever lässt er seine Figuren Verbindungen zwischen (Spaghetti-)Western und Shakespeare ziehen. Den Aufstieg Bruce Lees versieht er mit einer Prügelszene, die noch viel schöner ausgeschmückt ist als diejenige, die wir schon aus dem Film kennen. Aber auch die Leistung von europäischen Regisseuren wie Ingmar Bergman, Federico Fellini und François Truffaut wird mal eben vom Cineasten Booth bewertet (sie kommen eher schlecht weg).

Lex Barker und „Winnetou“

Sogar ein kleiner Exkurs darüber, wie es Lex Barker in die deutschen „Winnetou“-Western verschlug, gehört zum Leseprogramm. Und wer schon immer mal wissen wollte, wie es eine gewiefte Filmcrew anstellt, einen ungeliebten Schauspieler oder gar Regisseur (Otto Preminger!) vor laufender Kamera verprügeln zu lassen, ohne Folgen befürchten zu müssen: In diesem Buch ist die Antwort zu finden.

Der polnisch-französische Autorenfilmer Polanski wird als Romanfigur selbstredend besonders gewürdigt. Er habe es durch die Satanistengeschichte „Rosemaries Baby“ zum Status eines Rockstars in Hollywood gebracht.

Dabei wollte Polanski den Film zunächst gar nicht drehen. Schließlich sei er Atheist und glaubte weder an Gott noch den Teufel, heißt es hier. Ein Einwand, den Paramount-Chef Robert Evans nicht gelten lässt: „Na und? Es ist doch nur ein Film. Man muss auch nicht an Riesenaffen glauben, um King Kong zu drehen.“ Nach dem Sensationserfolg des Horrorfilms stieg der Paramount-Aktienkurs zur Freude von Evans um drei Punkte.

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Die Protagonisten Rick Dalton und Cliff Booth sind Tarantinos Türöffner zu dieser langsam verblassenden Hollywoodwelt Ende der Sechzigerjahre. Im Kino wurden die beiden von Leonardo DiCaprio und Brad Pitt gespielt, beide mit einem entspannten Schuss Selbstironie. Ausgiebig cruisten wir mit ihnen im sanft blubbernden Cadillac durch das von Tarantino geliebte Los Angeles.

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Die Bilder von DiCaprio und Pitt bekommt man bei der Lektüre nur schwer aus dem Kopf. Das ist schade, ihre Figuren würden auch so zum Leben erweckt. Andererseits lernt man die beiden jetzt ein bisschen besser kennen.

Da ist Booth’ Vergangenheit als Held im Zweiten Weltkrieg (inklusive Flucht aus der Kriegsgefangenschaft!), und da ist Daltons persönliche Tragödie als Serienstar, dem es nicht gelingt, im Kino Fuß zu fassen. Könnte gut sein, dass es viele wie ihn in Hollywood gab und immer noch gibt, die eher an den Rollen gemessen werden, die sie nicht bekamen, als an jenen, durch die man sie kennt.

Am Ende steht Dalton als trauriger Tropf in einem roten japanischen Seidenkimono vor seiner Villa am Cielo Drive und hält „einen Bierkrug, einen Kassettenrekorder und einen Wasserschlauch in Händen“, während Steve McQueen vor ihm in einem Porsche Cabrio sitzt und bessere Pläne für die Nacht hat. Aber keine Sorge: Der Romanautor Tarantino hat noch eine tröstliche Volte für Dalton parat dank einer Achtjährigen, die überzeugte Method-Acting-Darstellerin ist. So viel Mitgefühl würde man dem Regisseur Tarantino gar nicht zutrauen.

Einen einzigen Film will Quentin Tarantino noch drehen. Das wäre nach seiner Rechnung dann der zehnte (das Doublefeature „Kill Bill“ wertet er als ein Werk). Vielleicht verlegt er sich danach ja ganz und gar aufs Romanschreiben. Nach der Lektüre dieses Debüts wäre das zu begrüßen.

Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Thomas Melle. Kiepenheuer & Witsch, 411 Seiten, 25 Euro

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