Berlinale-Wettbewerb: Alles, was Kunst ist

  • Der Wettbewerb der 70. Internationalen Filmfestspiele Berlin ist komplett.
  • Die deutschen Filme „Berlin Alexanderplatz“ und „Undine“ gehen ins Bären-Rennen.
  • Dunkle Geschichten über menschliche Dämonen bestimmen das Programm.
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Berlin. Spannender als bei ihrem Vorgänger war die Programmvorstellung der neuen Berlinale-Spitze auf jeden Fall. Dieter Kosslick hatte in seinen 18 Dienstjahren immer schon vorab verraten, welche Filme es in den illustren Wettbewerb geschafft hatten. Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek – er für die Kunst zuständig, sie für die Finanzen – ließen erst gestern die Katze aus dem Sack, wer am 20. Februar ins Rennen um den Goldenen Bären 2020 geht.

Dem deutschsprachigen Film hält Chatrian genauso wie Kosslick die Treue: Gemeldet ist Christian Petzolds „Undine“ mit Paula Beer und Franz Rogowski, angekündigt als modernes Märchen. In der Schweizer Produktion „Schwesterlein“ (Regie: Stéphanie Chuat and Véronique Reymond) spielen Nina Hoss und Lars Eidinger Geschwister. Und dann ist da noch die mit Spannung erwartete Neuinterpretation von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ des deutsch-afghanischen Regisseurs Burhan Qurbani. In den Hauptrollen: Welket Bungué, Albrecht Schuch, Jella Haase.

Wenig Hollywood-Flair, dafür dennoch renommierte Regisseure

Für ihn habe es allein ein Kriterium bei der Auswahl der insgesamt 18 Wettbewerbsfilme gegeben: „die künstlerische Qualität“, so Chatrian gestern. „Ich wollte die Filme, die am besten das heutige Kino repräsentieren.“ Kosslick war wiederholt vorgeworfen worden, sich zu sehr für Weltverbesserungswerke zu engagieren.

Hollywood scheint nach der Oscarvergabe Anfang Februar allerdings keine rechte Lust mehr aufs winterkalte Berlin zu haben – es macht sich rar. Renommierte Regisseure sind aber einige zu finden, etwa die Britin Sally Potter und ihr Film „The Roads Not Taken“ mit Javier Bardem, Laura Linney und Salma Hayek sowie Siberia“ von US-Altmeister Abel Ferrara mit Willem Dafoe oder auch „Es gibt kein Böses“ des Iraners Mohammad Rasoulof, der in Hamburg lebt, aber im Iran festsitzt.

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Sechs Wettbewerbsfilme von Frauen inszeniert

Vorwiegend dunkle Geschichten über gegenwärtige menschliche Dämonen bestimmen nach Worten von Chatrian das Programm – was beinahe nach O-Ton Kosslick klingt. Das Festival will er lieber mit der wohl fröhlicher gestimmten Romanverfilmung „My Salinger Year“ mit Sigourney Weaver eröffnen, die rein gar nichts mit dem den Bären zu tun hat.

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Immerhin sechs Wettbewerbsfilme haben Frauen inszeniert, ein ordentlicher Schnitt – verglichen mit den noch deutlich männerlastigeren Festivals Cannes oder Venedig. Dem Endlosstreit, ob Netflix-Produktionen in den Wettbewerb gehören, ist Chatrian elegant ausgewichen: Er hat überhaupt keinen Streamingdienstfilm nominiert.

Kurz nach Amtsantritt schien es, als würde das neue Spitzenduo wenig Wert auf Stars legen. Chatrian, zuvor Chef beim Festival in Locarno, und Rissenbeek, zuständig für die Vermarktung des deutschen Films im Ausland, sehen sich nicht unbedingt als Rote-Teppich-Zampanos.

340 Filme im Rennen um den Bären

Glänzen soll die Berlinale aber doch. Gesetzt ist die britische Schauspielerin Helen Mirren, die mit dem Ehrenbären gewürdigt wird. Johnny Depp ist im Film „Minamata“ in der Reihe „Special Gala“ zu sehen. Dort laufen auch die Dokuserie „Hillary“ um die US-Politikerin Hillary Clinton sowie eine „Pinocchio“-Neuverfilmung mit Roberto Benigni. Cate Blanchett steht auf der Gästeliste für die Crimeserie „Mistery Road“. Der Starzauber, der dem Wettbewerb fehlen mag, könnte so wieder reinkommen.

340 Filme sind insgesamt im Angebot, im Vorjahr waren es rund 400. Doch sei die Verschlankung des Programms keinesfalls das Ziel gewesen, so Chatrian. Er hat zwar Kosslicks Lieblingsreihen „Kulinarisches Kino“ und „Native“ geschlachtet, aber gleich wieder einen weiteren Wettbewerb aufgelegt: In „Encounters“ soll ungewöhnlichen jungen Filmemachern eine Stimme gegeben werden. Und dann ist da noch das Extra-Programm „On Transmission“ zum 70. Berlinale-Geburtstag.

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Berlinale ist mehr als ein Marketingspruch

Die Erwartungen sind hoch. Das neue Führungsduo hat bereits zu spüren bekommen, welchen schweren Tanker es zu steuern gilt. Erst brach eine wichtige Spielstätte am Potsdamer Platz weg (Ersatz fand sich am Alexanderplatz), dann geriet ausgerechnet Jurychef Jeremy Irons mit früheren zweifelhaften Äußerungen über Frauen in den Dunst der #MeToo-Debatte.

Ob er auch ein zünftiges Festivalmotto wie sein Vorgänger in all den Jahren parat habe, wurde Chatrian gestern gefragt. Er antwortete: Die Berlinale sei mehr als ein Marketingspruch, der in eine kurze Twittermeldung passe.

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