Berlinale: Von Aufbruch war wenig zu spüren

  • Die Berlinale neigt sich dem Ende entgegen. Hat die neue Leitung es nun anders als der gescholtene Vorgänger gemacht?
  • Das Filmfestival setzt nach wie vor aufs Prinzip Bauchladen.
  • Aber beeindruckt am Ende mit dem Film des Iraners Mohammad Rasoulof.
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Berlin. Im Kino gewesen. Javier Bardem und Elle Fanning haben geweint. Ihre Filmfiguren haben allen Grund dazu: In „The Roads Not Taken“ spielt Bardem einen demenzkranken Vater, Fanning seine Tochter. Salma Hayek und Laura Linney sind als Ex-Frauen dabei.

So viel Starglitzern wurde einem sonst kaum geboten im melancholiegesättigten 70. Berlinale-Wettbewerb. Und auch in Sally Potters Film steckte eine Geschichte vom Abschied und noch mehr eine von verpassten Chancen, Trauer und Tod. Der gleichförmig niederdrückende Film führt schicksalhaft ins Verstummen. Eine Enttäuschung.

Macht die neue Berlinale-Leitung es nun so viel anders?

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Doch wie so oft stellte sich im Kino die Frage: Macht die neue Berlinale-Leitung es nun so viel anders als der viel gescholtene Vorgänger Dieter Kosslick?

Im Fall von „The Roads Not Taken“ gewiss nicht. Potter hatte 2017 mit ihrer Abrechnung übers linksliberale Bürgertum in „The Party“ für Lachtränen gesorgt. Jeder Festivalchef hätte ihr stargespicktes Team mit Kusshand über den roten Teppich geschickt – und das tat auch der künstlerische Direktor Carlo Chatrian, der mit Geschäftsführerin Mariette Rissenbeek erstmals die Berlinale-Geschicke bestimmte.

Chatrian schätzt das Kino mehr als die Show

Chatrian schätzt das Kino mehr als die Show. Er stand auch schon mal mit verschränkten Armen auf dem roten Teppich. Doch kann er nun mal nur die Filme programmieren, die auf dem Markt sind.

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In Venedig im Herbst zeigt sich Hollywood gern, um in die Oscar-Saison zu starten. Cannes im Mai ist für prominente Autorenfilmer noch immer das Nonplusultra. Dazwischen muss sich die Berlinale positionieren – und setzt nach wie vor aufs Prinzip Bauchladen.

Festival steuert wieder mal auf einen Besucherrekord zu

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Das lässt sich auch ins Positive wenden: Das Festival steuert wieder mal auf einen Besucherrekord zu. Jeder findet hier seinen Wunschfilm.

Und doch: Die von Chatrian neu eingeführte Reihe „Encounters“ mit ästhetisch besonders herausfordernden Filmen sorgte für zusätzliche Verwirrung. Warum der eine Film nun dort läuft und nicht im Forum oder vielleicht doch im Wettbewerb? Das weiß nur der Chef.

Von Aufbruch war wenig zu spüren

Von Aufbruch war wenig zu spüren. Der „Dau.Natasha“-Skandal über eine Art stalinistisches „Big Brother“-Camp, in dem eine Frau Fürchterliches erleiden muss, womöglich nicht nur in der Fiktion, weckte den Wettbewerb kurz aus seinem Trott.

Der Lieblingsfilm zumindest der Kritiker: der eindringliche US-Beitrag „Never Rarely Sometimes Always“. Regisseurin Eliza Hittman erzählt von einem ungewollt schwangeren Teenager in der Provinz, der sich nach New York aufmacht, um das Kind abzutreiben.

Ein Höhepunkt aus deutscher Sicht: „Berlin Alexanderplatz“

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Ein Höhepunkt aus deutscher Sicht: Burhan Qurbanis Aktualisierung von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“. Der Regisseur gönnte Franz Biberkopf eine Wiedergeburt als schwarzer Flüchtling Francis aus Westafrika.

Heftig zur Sache ging es am letzten Wettbewerbstag noch einmal in gleich zwei bedrängenden Filmen: Die Berlinale wagte sich ans Böse. Das ist wörtlich zu verstehen.

Der kambodschanische Regisseur Rithy Panh tauchte im einzigen essayistischen Beitrag „Irradiés“ in das unbegrenzte Bildarchiv der von Menschen gemachten Höllen. Auf der Leinwand, geteilt wie ein Triptychon, regnete es Bomben, ertrugen Menschen Napalm-Wunden, stapelten sich Leichen. Auschwitz, Nagasaki, Kambodscha, Ruanda: Es hört einfach nicht auf. Rithy Panhs Film erschüttert bis ins Mark – und doch hat sich der Regisseur nicht davor gehütet, den Schrecken allzu zu ästhetisieren.

Regisseur Mohammad Rasoulof durfte nicht aus dem Iran ausreisen

Als letzter Kandidat im Bären-Rennen lief „Es gibt kein Böses“ – ohne Regisseur. Mohammad Rasoulof durfte nicht aus dem Iran ausreisen. Sein Film handelt in vier Episoden von Menschen, die um ihre freie Entscheidung in einem totalitären Regime ringen.

Da ist der Scharfrichter, der ein ordentliches bürgerliches Leben führt. Und da sind die Kriegsdienstleistenden, die den Hocker unter dem Todeskandidaten wegschubsen müssen. Dafür gibt es Sonderurlaub. Der Film ist ein dringender Appell an die Verantwortung des Einzelnen.

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Rasoulof und seine Leute haben Kopf und Kragen riskiert

Rasoulof und seine Leute haben Kopf und Kragen riskiert. Ihr Werk schmuggelten sie trickreich an der Zensur vorbei. Sie meldeten es in Einzelstücken an und drehten zeitversetzt. „Es gibt kein Böses“ fehlt folglich die klare Handschrift, aber das ändert nichts am Mut des Regisseurs, der ebenso wie sein Kollege Jafar Panahi zu einer Haftstrafe verurteilt ist, die er bislang nicht antreten musste.

Der 48-Jährige meldete sich am Freitag mit einer Botschaft in Berlin: „Das Recht darauf, selbst über meine An- oder Abwesenheit zu entscheiden, ist mir nicht gegeben. Die Durchsetzung solcher Restriktionen verrät die intolerante und despotische Haltung der Iranischen Regierung nur allzu deutlich.'"

An seinem persönlichen Widerstand gegen das Böse wird die Jury um Präsident Jeremy Irons am Samstagabend nicht herumkommen.

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