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Berlinale: Gespensterfilmer Petzold holt „Undine“ in die Gegenwart

  • Regisseur Christian Petzold lässt in seinem Wettbewerbsbeitrag eine Sagenfigur wieder auftauchen.
  • Doch „Undine“ entwickelt nicht ganz den Sog früherer Filme.
  • Faszinierend sind aber einzelne Augenblicke.
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Berlin. Wo heute Berlin ist, kriegte man früher nasse Füße. Der Name Berlin bedeutet im Slawischen so viel wie eine Siedlung im Sumpf. Das ist schwer vorstellbar für jemanden, der heute über den zubetonierten Potsdamer Platz spaziert – gerade in diesem Berlinale-Jahr, da ganze Abschnitte wie die renovierungsbedürftigen Arkaden oder das aufgegebene Cinestar-Kino verwaist daliegen. Aber als nach der Wende das Sony Center mit dem DB-Bahntower und all den anderen Hochhäusern hochgezogen wurde, schwammen dort Industrietaucher auf dem Grund eines Wasserbeckens unter der Baustelle.

Christian Petzolds Titelheldin Undine weiß das. Sie ist Museumsführerin und erklärt ihren Gästen in irritierend elaborierten Worten die Geschichte Berlins anhand riesiger Stadtmodelle. Und dann ist da ja noch ihr Name: Undine heißt der rätselhafte und unheilbringende Wassergeist, dem sich Autoren von Paracelsus bis zu Ingeborg Bachmann gewidmet haben.

Petzold lässt Sagenfigur Undine in Gegenwart auftauchen

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Nun lässt Christian Petzold die Sagenfigur im ersten deutschen Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „Undine“ in unserer Gegenwart auftauchen. Petzold ist Spezialist für irrlichternde Wesen. Er hat eine “Gespenster”-Trilogie gedreht (“Die innere Sicherheit”, “Gespenster”, “Yella”), bei der sich die Figuren irgendwo im Zwischenbereich von Leben und Tod bewegten.

Am Anfang sitzt Undine (Paula Beer, gerade noch die karrieristische Investmentbankerin in „Bad Banks“) vor einem lauschigen Café und sagt zu ihrem Freund, der sie gerade verlässt: “Wenn du fortgehst, musst du sterben.” Der Satz hört sich gar nicht so wundersam an, wie er hier klingt. Die Wirklichkeit erscheint bei Petzold immer ein wenig befremdlich.

Jules Verne hätte seine helle Freude daran gehabt

Kurz darauf gerät Undine zwischen die Scherben eines zersplitterten Aquariums und lernt so den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) kennen. Mit ihm schwebt sie bald schon durch sein Unterwasseruniversum – eine Welt mit Riesenwels, überfluteten Stadtruinen und Turbinen. Jules Verne hätte seine helle Freude daran gehabt – auch wenn dieser Tauchgang in einem Stausee und nicht 20.000 Meilen unter dem Meer stattfindet.

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Petzold hat seinen beiden Hauptdarstellern die Liebesgeschichte schenken wollen, die er ihnen in seinem vorigen Film hatte verwehren müssen – das war die ebenfalls in die Gegenwart transferierte Anna-Seghers-Exilroman-Verfilmung “Transit”, vom Fluch des Verlassenwerdens aber kann er Undine nicht befreien.

Mit knappen Strichen erzählt Petzold von dieser verwunschenen Liebe. “Undine” entwickelt aber nicht ganz den Sog früherer Filme. Faszinierend sind einzelne Augenblicke: Wer hat schon jemals gesehen, wie jemand mit einem Wels schwimmt, als wäre es ein Delfin?

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Am Mittwoch folgt eine radikal aktualisierte Kinoversion

Am Mittwoch folgt noch eine radikal aktualisierte Kinoversion: Im zweiten deutschen Wettbewerbsbeitrag hat Regisseur Burhan Qurbani den Roman “Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin verfilmt. Franz Biberkopf heißt hier Francis und ist ein Flüchtling aus Afrika.

Der Berlinale-Wettbewerb unter neuer Leitung hat derweil mit weiteren Filmen Fahrt aufgenommen. Eindrücklich: die Darstellung eines von seinen Mitmenschen Misshandelten, der durch seine Kunst überlebt. Schauspieler Elio Germano verwandelt sich in Giorgio Dirittis Drama “Volevo nascondermi” grandios in den verhaltensgestörten italienischen Maler Antonio Ligabue (1899 – 1965).

Mit geradezu animalischer Leidenschaft kommuniziert Ligabue mit den Tieren, die unter seinem Pinselstrich entstehen. Als er stirbt, ist er berühmt – aber er gehört immer noch nicht dazu. Hauptdarsteller Germano gilt als erster Bären-Kandidat.

Schönster Wettbewerbsfilm bisher: “First Cow”

Der schönste Wettbewerbsfilm bislang ist “First Cow” von Independent-Regisseurin Kelly Reichardt. Die US-Amerikanerin bürstet den Western gegen den Strich und bringt in Oregon um 1820 einen Koch und einen chinesischen Einwanderer in einer Hütten-WG zusammen.

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Da werden Pilze und Nüsse gesammelt, Puschen genäht und Böden gefegt. Und dann beginnen die beiden, auf dem Markt bald schon begehrtes Schmalzgebäck zu verkaufen, fein beraspelt mit Zimt. Der Haken dabei: Die heimlich abgezapfte Milch fürs Gebäck stammt von der einzigen Kuh in der Gegend, und die gehört einem anderen. Das muss Ärger geben.

Es geht in “First Cow” um Freundschaft und um Gier, um den Geschmack der Kindheit und um Blaubeeren im Kuchen. Um hart gesottene Siedler, wie wir sie aus Western kennen, geht es nicht. Regisseurin Reichardt hat uns eine ganz neue Perspektive eröffnet – auch dafür ist das Kino da.

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