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“Berlin Alexanderplatz”-Schauspieler Welket Bungué: “Die Feindseligkeit wächst”

  • Welket Bungué spielt die Hauptrolle in der Neuverfilmung von “Berlin Alexanderplatz” (Kinostart: 16. Juli).
  • Wie er zu der Ausnahmerolle des Flüchtlings Francis kam, ist für den Schauspieler bis heute ein kleines Wunder.
  • Bei der Vorbereitung auf das wuchtige Kinodrama hat er viel von Drogendealern in der Berliner Hasenheide gelernt.
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Herr Bungué, bei der Berlinale haben Sie ein T-Shirt in die Kameras gehalten. Da stand drauf: “We are all Migrants”. Wieso sind wir alle Migranten?

In der Geschichte haben sich alle Menschen irgendwann von einem Platz zum anderen bewegt. Niemand lebt da, wo seine Urahnen geboren wurden. Mir ging es bei dem T-Shirt um einen Aufruf für Toleranz gegenüber Zuwanderern. Und weil unser Film “Berlin Alexanderplatz” von einem Neuankömmling aus Afrika erzählt, der im heutigen Berlin strandet, lag die Aktion für mich ­nahe.

Sie sind sogar noch ein bisschen mehr herumgekommen als viele andere. Sie wurden geboren in Guinea-Bissau, sind aufgewachsen in Portugal, haben dort Ihre Familie und sind inzwischen nach Berlin gezogen. Wie sind Sie in diesen Film geraten – ohne überhaupt Deutsch zu können?

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Das ist eine kuriose Geschichte. Es hat mich eine E-Mail erreicht, ob ich ein Bewerbungsvideo für “Berlin Alexanderplatz” schicken wolle. Anfangs war ich skeptisch: Ich dachte, es handele sich um eine Spammail.

Warum hat man gerade Sie gefragt?

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Regisseur Burhan Qurbani hatte lange nach seinem Francis gesucht, aber keinen gefunden. Mich hatte er 2017 bei der Berlinale in dem brasilianischen Film “Joaquim” von Marcelo Gomes gesehen – und mich dann mit vielen Schwierigkeiten in Brasilien aufgespürt. Tja, und jetzt sitze ich hier vor Ihnen in Berlin. Ein kleines Wunder.

Wie war das, auf Deutsch zu drehen, ohne Deutsch zu sprechen?

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Nach der Rollenzusage habe ich in Portugal drei Monate lang intensiv Deutsch gelernt. In Berlin habe ich mit einem Dialekttrainer geübt. Das war wichtig: Wie drückt sich zum Beispiel das Denken von Deutschen im Satzbau aus? Diese Erfahrung hat mich meiner Filmfigur Francis nähergebracht – schließlich musste auch er den Prozess der Assimilation durchleben.

Was wussten Sie über Alfred Döblin, den Autor von “Berlin Alexanderplatz”?

Leider gar nichts. Teile des Romans habe ich dann auf Portugiesisch gelesen. Es war gar nicht leicht, den Roman aufzutreiben. Auf Portugiesisch finden Sie eher Bertolt Brecht oder Hermann Hesse, auch Friedrich Nietzsche. Ich habe aber bald festgestellt, dass etwas Universelles in der Geschichte steckt.

Ihr Regisseur hat die Geschichte vom Hilfsarbeiter Franz Biberkopf zu den vornehmlich schwarzen Drogendealern im Volkspark Hasenheide verlegt. Haben Sie bei denen recherchiert?

Aber ja! Ich bin da hingegangen und habe mit ihnen gequatscht. Woher kommst du? Wie lange lebst du schon hier? Manche waren von meinem Interesse irritiert. Sie wussten ja nicht, dass ich ein Schauspieler war. Ich habe viel von ihnen gelernt. Die Hasenheide ist ein besonderer Ort.

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Wieso?

Die Abläufe rund um den Drogenverkauf sind perfekt durchorganisiert. Im Film ist das zu sehen: die pfeilschnellen Jungs auf ihren Fahrrädern, die vor der Polizei warnen; oder die Leute, die den Dealern das Mittagessen in einem Kinderwagen bringen, in dem jeder ein Baby vermuten würde. Die Hasenheide ist kein Ort, an dem sich Menschen willkommen fühlen. Sie leben dort gewissermaßen im Transit.

Kennen Sie dieses Gefühl?

Absolut. Deshalb wusste ich, dass ich mit dem Flüchtling Francis gut klarkommen würde. Ich respektiere diesen komplexen, traurigen Charakter.

Wie kommt es, dass Sie jetzt in Berlin wohnen?

Meine deutsche Freundin und ich hatten sechs Jahre in Brasilien gelebt. Aber nach der Wahl des rechtsnationalen Politikers Jair Bolsonaro zum Präsidenten wollten wir weg und zurück nach Europa. Durch den Film lag die Entscheidung für Berlin nahe.

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Fühlen Sie sich hier willkommen?

Ja. Berlin ist anders als der Rest von Deutschland und auch anders als viele andere europäische Hauptstädte. Hier gibt es eine multikulturelle, avantgardistische Grundstimmung. Jeder ist eingeladen, etwas zur Kultur der Stadt beizutragen.

Gibt es Ecken, die Sie lieber meiden?

Bis jetzt wüsste ich keinen solchen Ort. Das feindliche Berlin, das wir in unserem Film durch die Augen von Francis sehen, ist nicht das echte vor meiner Haustür.

Dennoch: Nehmen Sie ein Gefühl wachsender Feindseligkeit gegenüber anders aussehenden Menschen wahr?

Das schon. Ich habe den Verdacht, dass bei vielen Menschen die Fähigkeit abnimmt, eigenständig zu denken. Sie fühlen sich nicht dafür verantwortlich, sich mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen, in der sie leben. Die Folge ist wachsende Feindseligkeit gegenüber anderen. Umso wichtiger ist dieser Film: Er zeigt einen Neuankömmling, der gut sein will und auf eine Umgebung trifft, die ihm dies sehr schwer macht.

Was bedeutet der reale Alexanderplatz für Sie?

Ich würde die Stadt nicht an diesem Platz festmachen. Er hat nichts mit der Diversität und dem Reichtum Berlins zu tun.

Wir sprechen in diesem Interview Englisch: Wie gut ist Ihr Deutsch inzwischen?

Oh, das ist ein bisschen traurig. Wir haben den Film 2018 gedreht. Danach war ich wieder in Portugal und auch Brasilien und habe nur Portugiesisch gesprochen. Und in Berlin braucht man Deutsch nicht wirklich – was gut und schlecht zugleich ist.

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