• Startseite
  • Kultur
  • Beeindruckendes Abtreibungsdrama: “Niemals Selten Manchmal Immer”

Beeindruckendes Abtreibungsdrama: “Niemals Selten Manchmal Immer”

  • Ihr Körper, ihr Leben, ihre Entscheidung - darum geht es im Abtreibungsdrama “Niemals Selten Manchmal Immer”.
  • Eine 17-Jährige in den USA will ihr Kind abtreiben und wird vor beinahe unüberwindbare Hürden gestellt
  • Dies ist eine Perle des US-Independent-Kinos, das in Hollywood beinahe schon zerrieben worden ist.
Martin Schwickert
|
Anzeige
Anzeige

“Und das ist das schönste Geräusch, das du je gehört hast”, sagt die Ärztin zu Autumn (Sidney Flanigan), als sie das Ultraschallgerät lauter stellt. Aber der Herzschlag des Embryos in ihrem Bauch löst bei der 17-jährigen Schülerin nicht den gewünschten Erleuchtungseffekt aus. Kein Lächeln, kein Staunen, keine Rührung. Nur ihre Pupillen wandern hin und her, und dahinter erkennt man die mit aller Kraft gedrosselte Panik.

Autumn lebt in einem kleinen Kaff in Pennsylvania, wo sich die vermeintliche “Testklinik” als Antiabtreibungszentrum entpuppt. Als die freundliche Medizinerin erkennt, dass Autumn einen Schwangerschaftsabbruch erwägt, wirft sie eine VHS-Kassette ein und lässt ein Propagandavideo über den Bildschirm flimmern. In der konservativen Provinz bräuchte die Minderjährige die Erlaubnis der Eltern für einen Abbruch. Aber ein Gespräch mit Mutter oder Stiefvater kommt für Autumn nicht infrage. Nur Skylar (Talia Ryder) vertraut sie sich an. Die patente Cousine steigt mit Autumn in einen Bus nach New York City, wo eine 17-Jährige auch ohne Zustimmung abtreiben lassen kann. Was als Tagesreise geplant war, weitet sich für die Mädchen zu einer mehrtägigen Odyssee.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

In “Niemals Selten Manchmal Immer” zeigt Regisseurin Eliza Hittman die Hürden auf, die eine Minderjährige in den USA auf dem Weg zur Abtreibung überwinden muss. Herz des Filmes ist die Freundschaft der Teenager, die ihre eigenen Erfahrungen mit der männerdominierten Außenwelt haben. Dem gegenüber steht die Betreuung der Mitarbeiterinnen in der New Yorker Abtreibungsklinik, die die Situation der Patientin genau erfassen, ohne ihr zu nahe zu treten. Die professionelle Sensibilität führt zur beeindruckendsten Szene, in der sich die in­tro­vertierte Autumn bei der Beantwortung eines Fragebogens zu ihren sexuellen Erfahrungen erstmals öffnet.

Obwohl das Thema Abtreibung in der Trump-Ära erneut scharf ins Visier genommen wird, verkneift sich Hittman jeden Anflug von Gegenpropaganda. Nüchtern wirkt ihr Stil, präzise beschreibt sie über Bilder, Gesten und Blicke aus der Perspektive einer 17-Jährigen. Autumns Entscheidung wird in keiner Weise begründet, rationalisiert oder emotionalisiert. Sie ist 17. Sie ist schwanger. Es ist ihr Körper, ihr Leben, ihre Entscheidung.

Die Newcomerin Sidney Flanigan erweist sich als Entdeckung. Selten sieht man eine Schauspielerin, die mit ein paar gemurmelten Sätzen so viel mehr erzählen kann, als die Worte preisgeben.

Anzeige

Der Film “Niemals Selten Manchmal Immer”, der bei der Berlinale mit dem “Großen Preis der Jury” ausgezeichnet wurde, ist eine Perle US-Independent-Kinos, das in den Finanzkrisen der vergangenen Jahrzehnten zerrieben wurde. Wie wichtig ein solches Kino, das sich mit gesellschaftlichen Problemen auf Augenhöhe auseinandersetzt, gerade heute ist – das beweist dieser Film mit jedem Atemzug seiner jugendlichen Protagonistin.

“Niemals Selten Manchmal Immer”, Regie: Eliza Hittman, mit Sidney Flanigan, Talia Ryder, 101 Minuten, FSK 6

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen