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Beatles, Rolling Stones, Janis Joplin: Linda McCartney fotografierte die Stars der Sechziger

  • Paul, Mick und Aretha – Linda McCartney hatte Ende der Sechzigerjahre viele Stars vor der Kamera.
  • Später fotografierte sie oft aus dem Auto heraus.
  • Eine Ausstellung in Oberhausen zeigt das Werk einer besonderen Künstlerin.
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John Lennon steckt sich das Hemd noch einmal richtig in die Hose, Paul McCartney nestelt Ringo Starr am Anzugkragen, George Harrison steht halbverdeckt da und wartet. Gleich geht es los: Die Beatles werden in wenigen Momenten den Londoner Zebrastreifen in der Abbey Road überqueren. Iain MacMillans Cover der gleichnamigen Platte wird weltberühmt werden. Aber Linda McCartney hat mit ihrer Kamera den Moment vor dem historischen Moment festgehalten.

Das Bild vom 8. August 1969 ist nun in einer fantastischen Fotoausstellung in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen. Dort sind mehr als 200 Fotografien der Ehefrau von Paul McCartney ausgestellt, die etliche Musikstars der Sechziger- und Siebzigerjahre wie die Rolling Stones, Aretha Franklin und Neil Young zeigen. Wobei die Formulierung „Ehefrau von Paul McCartney“ suggeriert, dass die 1941 in New York geborene US-Amerikanerin nur durch ihren berühmten Mann an die begehrten Motive gekommen ist. Aber die Geschichte verlief genau andersherum.

Linda McCartney kam durch Zufall auf ein Schiff mit den Rolling Stones

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Ende 1965 nahm die damals 24-jährige Linda Eastman einen Job als Empfangsdame bei der Zeitschrift „Town and Country“ an. Da hatte sie bereits ein abgebrochenes Studium der Kunstgeschichte, eine gescheiterte Ehe und die Geburt ihrer Tochter Heather hinter sich. Eastmans Aufgabe bei „Town and Country“ war es unter anderem, die nicht namentlich adressierte Post zu öffnen. So fiel ihr die Einladung zu einem Presseempfang der Rolling Stones im Sommer 1966 in die Hände.

Die Band hatte für diesen Empfang ein Schiff gemietet, das sich als viel zu klein für all die Reporter und Fotografen erwies, die sich an der Anlegestelle tummelten. Linda Eastman wurde auserkoren, die Fotos für alle zu schießen. Sie habe, so sagte sie es später einmal, gebetet, dass die Bilder etwas werden. Und sie wurden etwas.

Jung und sexy: Linda McCartney fotografierte auch die Rolling Stones. © Quelle: Paul Mc Cartney, Linda McCartney, Courtesy Sammlung

Und wie sie etwas wurden. Ihre Bilder wurden ihr quasi aus den Händen gerissen. Ihr Biograf Danny Fields sagt: „Ihre Aufnahmen gelten bis zum heutigen Tag als die vielleicht besten, die je von den Stones gemacht wurden. Mit Sicherheit sind es die ehrlichsten und wahrscheinlich auch die berühmtesten Fotos, die von den Musikern aus jener Zeit existieren, als sie sich, mit einer geballten Ladung Sexappeal, auf dem Höhepunkt ihrer jugendlichen Attraktivität befanden.“ Danach kann Linda Eastman ihren Job kündigen und als freie Fotografin arbeiten. „Dieser Nachmittag hatte den Kurs meines ganzen weiteren Lebens bestimmt“, sagte Linda McCartney später im Rückblick.

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Der neue Kurs brachte sie mit Stars und werdenden Stars zusammen. Die junge Künstlerin mit der Kamera lichtete Eric Clapton ab und Janis Joplin, Jimi Hendrix und Aretha Franklin, Brian Wilson und Nico. Porträts, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Oft wird dabei ihr kunstgeschichtlich geschultes Auge deutlich. Stephen Stills lichtete sie mit einem abbrennenden Streichholz in der Hand ab, ein Motiv, das an die Memento-Mori-Symbolik in der Kunst erinnert. Ihr Foto „Sunday Best“ könnte genauso gut ein Gemälde von Edward Hopper sein. Auf einem anderen Bild erscheinen die vier Bandmitglieder von The Who in vier verschiedenen Gemütszuständen – die vier Temperamente aus der Antike lassen grüßen. Aber trotz solcher Bezüge wirken die Fotografien niemals schwer, im Gegenteil: Oft scheint es, als hätten die fotografierten Musiker vergessen, dass eine Kamera sie fixiert. Jimi Hendrix gähnt, Brian Jones lümmelt, The Yardbirds mit Jimmy Page blicken einer angewiderten alten Frau hinterher.

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Nach der Heirat mit Paul McCartney stockt die Fotokarriere

1967 lernt Eastman Paul McCartney kennen, die beiden werden ein Paar, am 12. März 1969 heiraten sie. Für Linda McCartney bedeutet dies, dass sie ihre Rolle als selbst ernannte, unauffällige Voyeurin hinter ihrem Fotoapparat aufgeben muss. Als Mrs. McCartney war Linda Eastman nun selbst eine Berühmtheit, das Fotografieren in der Öffentlichkeit wurde für sie immer schwieriger.

In dieser Phase entstanden ihre „Roadworks“. Sie fotografierte einfach aus dem geschützten Raum ihres Autos. Wie auch in anderen Werken spielte sie hier immer wieder mit der Reflexion des Lichts. Auf einem Foto erscheint sie im (wunderbar eckigen) Außenspiegel ihres Wagens, auf einem anderen ist Paul McCartney im Innenspiegel zu sehen, während sich das dritte Kind der McCartneys, James, als Baby in der Windschutzscheibe abzeichnet. Ein Familienbild im goldenen Käfig.

In ihrer Serie „Roadworks“ fotografierte Linda McCartney aus dem Auto heraus. © Quelle: Paul McCartney, Linda McCartney, Courtesy Sammlung

Sehr private und persönliche Fotos von Paul, den gemeinsamen Kindern Mary, Stella, James sowie Heather, die aus Lindas erster Ehe stammt, runden die Ausstellung genauso ab wie die experimentellen Sun Prints – Fotografien, die nur durch den Einsatz von Sonnenlicht entstanden sind. Zudem zeigt das Team um die Museumsdirektorin und Kuratorin der Ausstellung, Christine Vogt, Zeitzeugnisse wie Zeitschriftencover und Kameramodelle. In der oberen Etage sind noch Plattencover aus der Zeit zu sehen.

Die Ausstellung beweist, wie wenig Linda McCartney nur die Ehefrau ihres berühmten Mannes Paul war. Sie war bereits eine berühmte Fotografin, bevor sie ihn traf. Zudem war sie eine engagierte Frau. So setzte sich Linda McCartney schon früh für vegetarische Ernährung ein. „Go veggie“ heißt ein Bild, das an den Beinen aufgehängtes Geflügel zeigt. Mit popkulturellen Folgen: In der Serie „Die Simpsons“ sind es Linda und Paul McCartney, die Lisa davon überzeugen, Vegetarierin zu werden.

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1998 starb Linda McCartney an Krebs. An sie erinnert nicht nur Pauls Song „The Lovely Linda“ und ihr eigener Gesang bei den Wings, sondern auch ihre Fotokunst, die immer mehr Teil des kulturellen Gedächtnisses wird. Zu Recht, wie die Ausstellung „Fotografin unter Musikern“ in Oberhausen beweist.

Die Ausstellung „Fotografin unter Musikern. Linda McCartney – The Sixties and More“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen läuft bis zum 3. Mai. Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 8 Euro.

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