• Startseite
  • Kultur
  • Beatles-Abschied: Vor 50 Jahren erschien das schwarze Album “Let It Be”

Beatles-Abschied: Vor 50 Jahren erschien das schwarze Album “Let It Be”

  • Am 8. Mai 1970, vor genau 50 Jahren, erschien das letzte Beatles-Album “Let It Be”.
  • Die Platte, die zunächst als Neubeginn gedacht war, wurde einen Monat nach der Trennung der Überband der Sechzigerjahre veröffentlicht.
  • Und das Schwarz ihres Covers erschien vielen trauernden Fans wie ein Grabstein.
|
Anzeige
Anzeige

Die Rückkehr zum Einfachen, die Abwendung vom Verschnörkelten, Komplexen, das war es, was die Beatles, die Anführer der Popmusik der Sechzigerjahre, vorhatten, als sie am 2. Januar 1969, kurz nach Erscheinen des “Weißen Albums” wieder ins Studio gingen. Bob Dylan hatte sich in die Grube des alten US-Folk begeben, die Rolling Stones hatten mit “Beggar’s Banquet” das Psychedelische abgestreift, sich wieder dem Blues verschrieben. Warum sollten nicht auch die Beatles “back to the roots”, zurück zur Einfachheit?

Das Album sollte “Get Back” heißen – zurück zum schlichten Rock’n’Roll

Schon das gut einen Monat zuvor veröffentlichte Doppelalbum hatte folkige Stücke wie “Blackbird” und “I Will” aufgewiesen, Rock’n’Roll wie “Birthday” und “Back in the U.S.S.R.” und simplen Pop wie “Don’t Pass Me By” oder “Ob-la-di, Ob-la-da” – alles Stücke, die man auch gut live spielen konnte. “Get Back” sollte das nächste Album entsprechend heißen – “Geh zurück” –, und es sollte im Frühjahr 1969 erscheinen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Es kam dann doch erst am 8. Mai 1970 in die Läden, knapp einen Monat nachdem Paul McCartney das Ende der Beatles verkündet hatte, und hieß nun “Let It Be”, nach McCartneys Klavierballade über seine Mutter, die ihm im Traum erschienen war. Statt Neubeginn war das Album jetzt der Schlussstrich.

Anzeige

Und die Rückkehr zum Schlichten hatte ihnen der amerikanische Produzent Phil Spector verhagelt, der das verlorene Beatlesalbum mit dem Pomp-Pop seiner “Wall of Sound” verkleisterte. Orchester, Chöre, großes Gedöns. Dem Beatles-Produzenten George Martin wäre solcher Kitsch nie passiert. Wie reduziert alles eigentlich hätte klingen sollen, zeigt der Rekonstruktionsversuch “Let It Be … Naked” von 2003.

Die Kinodoku “Let It Be” zeichnete ein allzu deprimierendes Bild

Anzeige

Wer den im Lauf der Siebzigerjahre regelmäßig in den Sommermatineen kursierenden Film “Let It Be”, der nur fünf Tage nach dem Albumrelease Premiere hatte, im Kino sah, glaubte, einer zerbrochenen Band zusehen zu können, die den Kitt für die Scherben nicht fand. Die Sessions erscheinen darin zäh, die Musiker gereizt und ratlos, John Lennons Freundin Yoko Ono wirkt im Studio wie ein permanenter Störsender.


Wer indes die auf dem Schwarzmarkt gehandelten “Let It Be”-Studiobootlegs besitzt, wundert sich, womit die Beatles hier alles Zeit totschlugen, sie klimpern sogar Anton Karas‘ “Harry Lime”-Melodie aus Carol Reeds Thriller “Der dritte Mann”. Und man hört sie lachen, angeregt plaudern, vier Freunde sein wie früher. Die lustigen Bootlegs passen nicht zur Depri-Doku von Michael Lindsay-Hogg, der inzwischen auch im Beatles-Giftschrank verschwunden ist.

Auf die “Let It Be”-Sessions folgte das Meisterwerk “Abbey Road”

“Let It Be” bedeutete denn auch “Lass es sein”, nicht im Sinn von “Lass es bleiben”, sondern von “Lass es zu”. Auch wenn viele Fans das Schwarz des Albumcovers wie den Beatles-Grabstein anschauten, auch wenn es während der Aufnahmen tatsächlich Streitigkeiten und kurzzeitige Bandausstiege gab, den Wunsch nach Ausruhen, Privatleben der seit 1963 unentwegt emsigen Fab Four, so schwangen sich die vier nach dem vorläufigen Scheitern des “Get Back”-Projekts schon im April 1969 noch einmal zu der musikalischen Großtat “Abbey Road” auf und skizzierten sogar ein Nachfolgealbum dazu.

Anzeige

Ein Liveauftritt am 30. Januar 1969 auf dem Dach ihres Hauptquartiers in der Londoner Savile Row hatte den Beatles überdies gezeigt, wie gut sie nach mehr als zwei Jahren Konzertpause noch immer auf der Bühne waren. Alle vier waren begeistert am Konzerttag des 30. Januar 1969, sogar der dem Plan von neuen Beatles-Tourneen strikt abgeneigte George Harrison.

Beatles forever – Es hätte auch endlos weitergehen können

Aber Harrison wollte nicht mehr Juniorpartner und Sidekick von Lennon und McCartney sein, John Lennon hatte seine Plastic Ono Band, Ringo Starr hatte den Film für sich entdeckt, und das Schicksal des verlorenen und verschandelten “Let It Be” zeigte Paul McCartney das bislang Unvorstellbare – den kreativen Kontrollverlust über ein Beatles-Album. Aus dieser Erkenntnis der Ohnmacht heraus verabschiedete er sich am 10. April 1970 von den Beatles. Der Neubeginn “Let It Be” wurde zum Schwanengesang.

Im Herbst 2020 wird, wenn der Stand der Corona-Pandemie es zulässt, eine neue Doku über die “Let It Be”-Sessions ins Kino kommen. “Herr der Ringe”-Regisseur Peter Jackson wird in seinem Film “Get Back”, das deutet sich an, aus dem alten Bild- und Tonmaterial ein freundlicheres Bild der von Harrison “Winter des Unmuts” genannten Phase zeichnen als Lindsay-Hogg – das Bild einer Band, deren Geschichte genauso gut hätte weitergehen können wie die der Stones, der Kinks, der Who, der drei anderen großen Mitbewerber aus den Jahren der British Invasion. Trennung war eine Option, nicht aber eine Zwangsläufigkeit.

Anzeige

Aufhören war die Antwort für die Beatles

Wichtig war sie trotzdem, und Aufhören war die Antwort für die Beatles auf die Frage, was nach dem Meisterwerk “Abbey Road” noch kommen konnte. Statt noch viele Alben aufzunehmen und über die Jahrzehnte ins Mittelmaß abzurutschen wie so viele andere, sind die Beatles stattdessen zur einflussreichsten Band aller Zeiten geworden. Vielleicht hat McCartney ja auch seine Beatles gemeint, wenn er im Song “Let It Be” von den “broken hearted people” sang: “Denn wenn sie auch getrennt sein mögen, ist da immer noch die Chance, dass sie erkennen, dass darin eine Antwort liegt.”

RND

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen