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Martin Suter zu Schweinsteiger-Roman: „Bastian ist näher an einem Suter-Protagonisten als Ana“

Der Autor Martin Suter (Mitte) steht mit Bastian Schweinsteiger und seiner Ehefrau Ana Ivanovic bei der Präsentation der Biografie „Einer von euch“ von Martin Suter über Bastian Schweinsteiger im Hotel de Rome zusammen auf der Bühne.

Der Schweizer Erfolgsautor Martin Suter (73) hat einen biografischen Roman über Fußballstar Bastian Schweinsteiger (37) geschrieben: „Einer von euch: Bastian Schweinsteiger“ erscheint an diesem Mittwoch, 26. Januar, im Diogenes Verlag. Im RND-Interview spricht der Schriftsteller darüber.

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Herr Suter, wie viel wussten Sie über Bastian Schweinsteiger, als die Anfrage für eine Biografie kam?

Ich wusste über Bastian Schweinsteiger nur so viel wie jemand, der kein passionierter Fußballfan ist. Natürlich kannte ich seinen Namen und ich habe die großen Matches gesehen. Ich wusste, wer er war. Aber mehr nicht. Deswegen haben wir gesagt, wir müssen uns mal treffen und schauen, ob wir einander aushalten.

Ihre Bedingung war, dass es ein biografischer Roman wird, keine klassische Biografie. Was ist Ihr Fazit zu dem Genre: Würden Sie es wieder machen?

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Wenn ich jünger wäre und noch mehr Zeit vor mir hätte, würde ich noch mal einen biografischen Roman schreiben. Aber jetzt sicher nicht mehr. Ich habe ein paar Romane im Kopf und möchte die Zeit noch dafür nutzen. Ich schreibe schon an einem neuen Roman, an dem ich schon saß, als die Anfrage von Schweinsteiger kam, und den ich dafür dann zur Seite gelegt hatte.

Eine Schweinsteiger-Fortsetzung in zehn Jahren ist also ausgeschlossen?

In zehn Jahren bin ich 83. Da weiß ich nicht, ob ich etwas so Arbeitsintensives noch schaffen werde. Ich recherchiere zwar immer, wenn ich einen Roman schreibe, aber ich kann die Geschichte und die Figuren erfinden. Ich muss keine Rücksicht nehmen. In dem Buch über Schweinsteiger gibt es so viele lebende Personen. Ich musste unglaublich aufpassen, dass ich keine Persönlichkeitsrechte verletze.

Es wird immer wieder verdeutlicht im Roman, dass Schweinsteiger ein Jetztmensch ist, der im Moment lebt und nicht seine Zukunft plant. Wie ist das bei Ihnen?

Nein, ich bin einer, der sagt: „Ich möchte heute 500 oder 1000 Wörter schreiben.“ Das sind keine Jetztmenschen. Ich wäre gern einer. Ich bin aber insofern ein Jetztmensch, als ich mir schon lange gesagt habe, dass man nichts verpassen kann im Leben. Wenn man Angst hat, etwas zu verpassen, verpasst man das Jetzt. Als junger Mann hatte ich das Gefühl, etwas zu verpassen – eine Party oder eine schöne Frau. Wenn man eingesehen hat, dass es nicht so ist, ist man viel ruhiger. Nur so kann man 45 Jahre glücklich mit der gleichen Frau zusammen sein wie ich.

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Warum wollten Sie eigentlich explizit einen biografischen Roman schreiben?

Ich sehe mich als Romancier und nicht als Biograf. Ich wollte einen Roman aus Bastis Leben machen. Die Freiheit ist aber viel kleiner, als ich dachte. Ich kann keine Spiele erfinden und Siege in Niederlagen verwandeln. Es muss schon so sein, wie es war. Ich wurde gefragt, warum ich den Freistoß beim Champions-League-Finale nicht einfach reingehen lassen habe. Aber diese Freiheit hatte ich nicht, sonst hätte ich ein anderes Buch geschrieben, was nichts mehr zu tun gehabt hätte mit dem Protagonisten.

Waren Sie enttäuscht, dass Sie sich so sehr an Fakten halten mussten?

Enttäuscht war ich nicht. Es war eine interessante Arbeit, eine Herausforderung. Ich habe doppelt so lange gebraucht, wie ich dachte. Je mehr ich recherchierte, desto mehr Informationen hatten sich angehäuft, und da musste ich auswählen. Wenn ich eine reine Fiktion schreibe, kann man nicht sagen: „Wieso hat er das nicht erwähnt oder wieso ist das so kurz geraten?“ Aber wenn es um wahre Geschehnisse geht, muss ich mich entscheiden, wieviel Platz ich zum Beispiel dem Champions-League-Finale einräumen will.

Spüren Sie einen Rechtfertigungszwang, weil jetzt etwa schon Leute fragen, wieso der verschossene Elfmeter so wenig Raum einnimmt?

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Das ist mir ziemlich egal. Ich merke, dass das Genre nicht nur für mich etwas Neues ist, sondern auch für die Kritik. Wenn die Kritik etwas nicht kennt, ist sie immer kritischer. Der biografische Roman ist eine Gattung, bei der viele fragen, warum dieses oder jenes drin steht oder so wenig Platz einnimmt. Die Antwort ist immer: Der Autor hat es so entschieden.

Ihre Frau liest Ihre Romane immer als Erstes gegen. Was war ihre erste Reaktion auf den Schweinsteiger-Roman?

Meiner Frau hat das Buch am Ende sehr gut gefallen. Sie hat mir auch sehr geholfen. Normalerweise liest sie den fertigen Roman, diesmal war es schon nach etwa der Hälfte. Ich hatte eine Stelle, an der ich sehr zweifelte. Sie hat gesagt: „Du hast zu Recht Zweifel.“ (lacht) Dann habe ich nochmal einen neuen Anlauf genommen.

Schweinsteiger selbst hat gesagt, die Geschichte seiner Frau Ana Ivanovic sei die spannendere. Hätten Sie lieber einen biografischen Roman über sie geschrieben?

Bastian ist schon näher an einem Suter-Protagonisten als Ana. Meine Protagonisten sind nicht so zielbewusst. Es sind immer Leute, denen das Leben ein bisschen widerfährt, wo alles möglich wäre. Ana ist eine sehr zielgerichtete Person. Sie hatte ein Ziel, der Basti hatte das nicht. Es gibt eine Stelle, an der er das mit seinem Bruder Tobi bespricht und sagt: „Ich habe kein Lebensziel, es kommt, wie es kommt.“ Das sind eher Suter-Figuren als solche, die sagen, dass sie die Nummer eins werden wollen und es dann auch werden. Jemand der das sagt, ginge noch als Suter-Figur, aber dann würde die Figur das Ziel nicht erreichen.

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Ana Ivanovic war also zu zielstrebig für eine Suter-Figur?

Ja, Ana hat ein Ziel und einen Lebensplan. Ich könnte sie mir nicht vorstellen als jemanden, der denkt: „Vielleicht werde ich Tennisspielerin oder vielleicht Dressurreiterin.“ So wie der Basti, der gern Skirennfahrer und Fußballprofi werden wollte.

Beim Kennenlernen mit Ivanovic war Schweinsteiger aber auch sehr zielgerichtet, er ist extra nach New York geflogen, um Sie kennenzulernen.

Das ist sehr zielgerichtet, aber es war ein sehr kurzfristiges Ziel. Das ist fast eine Jetztsituation. Er dachte: „Ach, die ist jetzt in New York. Ach, die antwortet auf meine Nachricht. Lass uns nach New York fliegen, ich will sie kennenlernen.“ Das ist etwas sehr Spontanes. Nicht etwas, worüber er lange nachgedacht hat. Er war frei und sie auch und zwei Tage später war er ohne Erlaubnis des Clubs da.

Das war auch etwas aus Schweinsteigers Leben, das im Gegensatz zu vielen anderen Szenen für die meisten neu ist.

Es gibt eigentlich ziemlich viele Stellen im Buch, die man nicht kennt. Der Heiratsantrag ist eine wahre Geschichte, die man noch nicht kannte. Auch der spontane Flug nach New York. Das kann man nicht woanders nachlesen.

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Einen Helden ohne Ecken und Kanten, ohne Schattenseiten, wie Schweinsteiger bei Ihnen dargestellt wird: Wäre das eine Figur, die Sie auch fiktiv erfinden würden?

Ich kann bei Schweinsteiger keine Abgründe erfinden, wenn ich keine finde. Das ist bei fiktiven Figuren anders. Es ist nicht typisch für einen Suter-Charakter, dass er keine Abgründe hat. Aber ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand einen biografischen Roman schreibt mit einem Protagonisten mit Abgründen. Da werden schnell Persönlichkeitsrechte verletzt. Die Kritik, es fehlen die Abgründe bei dieser Figur, ist absurd. Ich glaube aber auch nicht, dass es bei Basti größere Abgründe gibt, als ohne Führerschein Auto zu fahren oder nachts verbotenerweise mit einer jungen Frau in den Jacuzzi des Clubs zu gehen. Als Lausbuben habe ich ihn aber schon beschrieben.

Empfinden Sie es als Abgrund, dass Schweinsteiger kaum Bücher liest?

Nein, das hat mir sehr gefallen. Schon als er mir bei der ersten Begegnung gesagt hat: „Ich lese lieber tausend Spiele als ein Buch.“ Ich hatte nie realisiert, dass man Spiele lesen kann und muss. Das ist eine Kunst, die der Basti unglaublich beherrschte. Er war gar nicht so schnell auf dem Feld, er war eher so mittelschnell. Da gab es viele andere Stürmer und Mittelfeldspieler, die schneller waren als er. Aber sein Timing war sehr gut. Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Basti war und ist schnell im Kopf.

Er will sich nun aber bessern in Sachen Lesen, hat er gesagt. Was würden Sie ihm als erstes Buch empfehlen?

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Er hat mir erzählt, dass in den Boutiquen von Armani überall auf der Welt dasselbe Parfum verwendet wird. Dazu gibt es auch eine Szene im Buch. Daher würde ich ihm „Das Parfum“ empfehlen von Patrick Süskind. Er mag gern Parfums, und das ist wirklich ein unglaublich spannendes und schönes Buch. Es spielt außerdem viel in Paris. Paris hat er auch sehr gemocht.

Was kann denn der Fußball von der Literatur lernen?

Lesen. Und in Büchern kann man überall hinreisen, wo man will, Menschen kennenlernen, die man sonst nie kennenlernen würde. Man kann erfahren, wie Leute denken.

Von welchem Buch haben Sie am meisten gelernt?

„Die Elixiere des Teufels“ von E. T. A. Hoffmann war meine große literarische Offenbarung. Hoffmann konnte eine besondere Spannung aufbauen, und er hat diese ungezwungene Art, wunderschöne Bilder zu schreiben. Ganz romantische Naturbeschreibungen. Mich hat auch immer das Tempo beeindruckt, mit dem er das macht. Das war schon genial. „Elixiere des Teufels“ hat er in ein paar Wochen geschrieben.

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