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Aus „nie wieder“ wird das Überraschungs-Comeback! Jeremy Days sind wieder da

  • Der Indie-Pop-Held Dirk Darmstaedter kehrt mit seiner alten Band The Jeremy Days zurück auf die Bühne.
  • Sie treten fast in Originalbesetzung auf.
  • Ein neues Soloalbum hat der Hamburger Singer-Songwriter auch.
Mathias Begalke
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„Diese Band wird es nie wieder geben“, hat Dirk Darmstaedter immer gesagt. Doch der Sänger und Songwriter hat sich geirrt. Die Jeremy Days sind zurück. Nach einem umjubelten Comeback-Konzert im Januar in Hamburg gehen sie Ende November auf eine Acht-Städte-Tournee. Warum eigentlich? Sind die Musiker und ihre Fans nun im nostalgiefähigen Alter? „Ich glaube“, antwortet der 54-jährige Darmstaedter beim Telefoninterview, „ich war schon vor 30 Jahren im nostalgiefähigen Alter.“

1989 hatten die Jeremy Days einen Hit, den man bis heute gern hört: „Brand New Toy“. Britischer als sie klang kaum eine andere deutsche Band. Man hörte die Einflüsse. Die Band perlte wie The Smiths, Aztec Camera oder Orange Juice. Nach fünf Alben lösten sie sich auf. „Nicht groß im Streit“, sagt Darmstaedter, auch nicht aus Erfolglosigkeit, sondern einfach so. „Irgendwann muss man etwas anderes machen.“

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„Wir wollten die nächsten Beatles sein“, erinnert sich der Hamburger. Dieser Traum erfüllte sich nicht. Die Jeremy Days galten als aus der Zeit gefallen, weil Darmstaedter auf Englisch sang, während deutschsprachige Bands wie Blumfeld, Tocotronic, Selig oder Echt Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger schwer in Mode kamen. Englisch ist für ihn eine zweite Muttersprache; fast seine komplette Kindheit hatte er in den USA verbracht.

Das Undenkbare wurde wahr - ein gemeinsames Konzert

Die Idee für die Jeremy-Days-Reunion hatte ihr langjähriger Konzertveranstalter Frank Richter im vergangenen Jahr. „Frankie“ schaffte, was andere zuvor vergeblich versucht hatten. Er brachte die Band wieder zusammen. Darmstaedter, Jörn Heilbut (Gitarre), Louis C. Oberlander (Keyboard) und Stefan Rager (Schlagzeug) trafen sich in einem Café in Hamburg-Ottensen und beschlossen das bisher Undenkbare: ein gemeinsames Konzert zu geben. „Irre!“, sagt der Sänger. Nur Originalbassist Christoph Kaiser lehnte ab, er wurde durch Stephan Gade ersetzt.

Vom ersten Auftritt seit 23 Jahren gibt es ein Video. Die Band hat den Kurzfilm „The Unlikely Return“ genannt: die unwahrscheinliche Rückkehr. Zu sehen sind die weihnachtlich leuchtenden Gesichter der Fans – und der Musiker. „Wir freuen uns über unsere wiedergefundene Freundschaft“, erzählt Darmstaedter. „Dass diese Typen wieder Teil meines Lebens sind, das ist das Wichtigste. Was für ein Glück.“

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Sie müssen nicht mehr die nächsten Beatles sein

Man meint ihnen ansehen zu können, dass der Druck von damals weg ist. Jetzt, mit Mitte 50, müssen sie nicht mehr die nächsten Beatles werden. Sie sind einfach die Jeremy Days.

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Zwei Wochen nach der Wiedervereinigung trafen sie sich in einem Café in Blankenese und beschlossen weiterzumachen: „Why the fuck not?“ Warum auch nicht.

Die „New York Times“ nannte Darmstaedter mal „one of Germany‘s Underground Pop Heros“, weil er sich nicht beirren lässt und einer ganz eigenen Idee von Popmusik nachgeht. Frustriert von der Musikindustrie gründete er mit einem Partner sogar eine unabhängige Plattenfirma: Tapete Records. Gerade erst ist sein 15. Soloalbum „Strange Companions“ erschienen.

Darmstaedters Retro-Sound und die detailverliebte Instrumentierung, mal mit Banjo, mal mit Beatles-Reminiszenzen, reißen keine Wunden auf, sondern geben das Pop-Versprechen, dass alles gut wird.

Protestsong gegen die eigene Generation

Auch wenn seine Songs wie etwas Gutes von früher klingen: In seinen Texten erörtert er die großen, komplexen Themen unserer Zeit. Der Song „Wilhelmsburg“ etwa spielt in Lissabon, wo sein 25-jähriger Sohn studiert hat. Bei einem Besuch sei ihm aufgefallen, dass die ganze Stadt nur noch aus Touristen oder Menschen, die für die Touristen arbeiten, besteht. Rollkoffer poltern über Kopfsteinpflaster. „Das zerstört die Magie“, erzählt er. Er habe sich auf einmal nach Normalität gesehnt und sich wieder weggewünscht – nach Hamburg-Wilhelmsburg, dort, wo sich sein Stammcafé befindet. „Setz das Wasser auf und triff mich an der Haustür, meine Liebe.“

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Singt das ein 54-Jähriger, der sich in der Kompliziertheit des Jahres 2019 verloren vorkommt – oder hätte er so ein Lied auch mit Anfang 20 geschrieben? „Das kann ich nicht sagen“, antwortet er. „Auch junge Leute fangen an, darüber nachzudenken, ob es spannend ist, mit vier Millionen anderen in Venedig rumzulaufen.“ In den Freundeskreisen seines Sohnes und seiner 28-jährigen Tochter sei es inzwischen eher uncool, nach Thailand in den Urlaub zu fliegen. „Sie campen lieber an der Ostsee.“

„You can do anything“ wirkt wie ein Protestsong gegen die eigene Generation, gegen giftige Gleichgültigkeit und Zeitgenossen, die den Klimawandel oder die Bootsflüchtlinge einfach ignorieren. „You can work the room – or you can let it burn / you’re living out a lie – but when will you learn?“, reimt er. Darmstaedter fragt mit dem Lied: Wann hören wir auf, uns selbst zu belügen? Wann fangen wir an, unser Verhalten zu verändern? Wie lange lassen wir die Welt noch brennen?

Darmstaedter - der Ein-Euro-Shop-Troubadour

„Ich würde nicht sagen, dass meine Generation eine große Enttäuschung ist“, sagt er, „eine große Offenbarung aber ist sie auch nicht.“ Ganz abgesehen von den Kriegen und Krisen: „Ich hätte nie gedacht, dass einmal im Jahr Zehntausende zu Jürgen-Drews-Songs durch die Hamburger Innenstadt ziehen.“

Der „Dime Store Troubadour“ im Song „Deborah“, der Typ mit Gitarre, ist Darmstaedter selbst. Er steht vor einem Ein-Euro-Shop, den es heutzutage in jeder Fußgängerzone gibt, und beobachtet den Lauf der Dinge. Er denkt an Deborah, eine Rebellin ohne Grund, die das Auto ihrer Mutter gegen eine Mauer setzt, einfach nur so. Manche Menschen gehen an ihm vorbei, manche bleiben stehen. „Ich sehe die Leute auf dem Weg ins Elend“, sagt Darmstaedter. Und für jeden hat er ein Lied.

Jeremy Days live: Auf ihrer „The Unlikely Return“-Tour gastieren die Jeremy Days in Berlin (23.11.), Hamburg (24.11.), Hannover (26.11.) Bochum (27.11.), Köln (29.11.) Frankfurt (30.11.) und Stuttgart (1.12.).

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