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Aus den Gräbern der Vergangenheit: Spaniens „große unerledigte Angelegenheit“

  • 85 Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs und 46 Jahre nach dem Tod Francos liegen immer noch Zehntausende seiner Mordopfer irgendwo in spanischer Erde verscharrt.
  • Sie sind Spaniens „große unerledigte Angelegenheit“, sagt Regisseur Pedro Almodóvar.
  • Darum geht es auch in seinem neuesten Film „Madres paralelas“.
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Madrid. Als Pedro Almodóvar 1980 seinen ersten, wilden Film drehte, „Pepi, Luci, Bom y otras chicas del montón“, tauchte darin „noch nicht einmal der Schatten“ der Franco-Diktatur auf. „Sie zu leugnen war meine Art, mich an ihr zu rächen“, erzählt der Regisseur im Gespräch mit „El País“. An diesem Mittwoch während der Pressekonferenz in Venedig zu seinem jüngsten Film „Madres paralelas“ sprach er über kaum etwas anderes als den Franquismus. Was an seinem Film liegt, auf dem dunkel der Schattender Franco-Diktatur liegt, und an den Journalisten aus aller Welt, die sich gerade für diesen Aspekt des Almodóvar-Werkes interessierten. Eine der Protagonistinnen, gespielt von Penélope Cruz, ist die Urenkelin eines Franco-Mordopfers, eines Verschwundenen. Das sei „die große unerledigte Angelegenheit“ Spaniens, sagte Almodóvar in Venedig, „wir stehen in enormer moralischer Schuld gegenüber den Angehörigen der Verschwundenen“.

Die „Verschwundenen“ ist ein Begriff, der einmal für die Opfer der südamerikanischen Militär­diktaturen geprägt wurde: ermordet, verscharrt, ins Meer geworfen, unauffindbar für ihre Angehörigen. In Spanien war es der Journalist Emilio Silva, der im Jahr 2000 in einer Lokalzeitung einen Artikel mit dem Titel „Auch mein Großvater war ein Verschwundener“ schrieb. Das war eine neue Sprache. Ja, der Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 hatte viel Opfer gefordert, daran zweifelte niemand. Damals hatten sich die Spanier gegenseitig umgebracht, was nie wieder passieren sollte; und auf den Krieg folgte eine jahrzehntelange Diktatur, die aber mit dem Tod des Diktators 1975 zum Glück endete. So weit ging etwa die Einigkeit unter den Spanierinnen und Spaniern. Emilio Silva erinnerte seine Landsleute daran, dass es da aber noch „unerledigte Angelegenheiten“ gab.

Wahrscheinlich über 100.000 Franco-Opfer in spanischer Erde

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Seit Silvas Artikel sind 21 Jahre vergangen. Seit dem Tod Francos 46 Jahre. Seit dem Beginn des Bürgerkriegs 85 Jahre. Und noch immer liegen Zehntausende, wahrscheinlich weit über 100.000 Franco-Mordopfer irgendwo in spanischer Erde verscharrt. Pedro Almodóvar ist nicht der Einzige, der manchmal an seinen Landsleuten verzweifelt.

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Skandal um Abstimmung zu Exhumierung

Vor einer Woche, am 27. August, fand in Villadangos del Páramo in der nordwest­spanischen Provinz León abends um zehn eine Dorfversammlung statt. Von den rund 700 Einwohnerinnen und Einwohnern kamen um die 100 zusammen. Sie waren eingeladen, über einen Antrag des Vereins für die Wieder­erlangung des historischen Gedächtnisses (ARMH) zu diskutieren und abzustimmen: Der Verein wollte 71 Franco-Opfer exhumieren, die 1936 auf dem Friedhof von Villadangos verscharrt, aber nicht bestattet worden waren, siebzig Männer und eine Frau ohne Grabstätte und ohne Identität. An der Abstimmung am späten Abend nahmen schließlich 36 Personen teil. 22 stimmten gegen die Exhumierung, zwölf dafür, zwei enthielten sich. Es war ein kleiner nationaler Skandal, was den Bürgermeister des Ortes, Alejandro Barrera, besonders ärgerte: Der „Medien­krawall“ habe nun „Hass und Galle“ geweckt.

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Hass und Galle sind nichts Ungewöhnliches, wenn Spanier über die Exhumation der Verschwundenen diskutieren. Was den einen ein selbstverständlicher Akt der Humanität ist, halten die anderen für einen Revancheakt der Unterlegenen des Bürgerkriegs. Das ist schwer zu verstehen. Dahinter steckten „politische Mentalitäten“, sagt Emilio Silva. Als würde der Bürgerkrieg in den Köpfen noch immer weiter ausgetragen.

Politik bringt „Erinnerungs­gesetz“ auf den Weg

Die spanische Schande der mehr als 100.000 Verschwundenen ist aber an erster Stelle kein gesellschaftliches, sondern ein politisches Versagen. Bis zum Beginn dieses Jahrhunderts waren sich alle Regierenden einig, sich mit den Toten nicht befassen zu wollen. Erst die Initiative Emilio Silvas, im Herbst 2000 seinen Großvater und zwölf weitere Franco-Opfer im Dorfe Priaranza del Bierzo zu exhumieren und dazu den Verein für die Wieder­erlangung des historischen Gedächtnisses zu gründen, brachte einige Politiker in Bewegung. Die sozialistische Zapatero-Regierung initiierte 2007 ein „Erinnerungs­gesetz“, das voller guter Absichten war, aber das Wesentliche vergaß: die Suche nach den Verschwundenen zu übernehmen. Das mussten weiter Vereine wie der ARMH tun, denen im besten Falle staatliche Beihilfen gewährt wurden. Insgesamt sind in den vergangenen 21 Jahren gut 10.000 Franco-Opfer exhumiert worden, sagt Silva. Also ein Bruchteil der Verscharrten. Als auf Zapatero der Konservative Mariano Rajoy folgte, erklärte jener in einem Fernseh­interview mit gewissem Stolz, dass er für die Erinnerungs­politik und also auch die Exhumierungen „null Euro“ in seinem Haushalt vorbehalten habe. Pedro Almodóvar gönnt sich das Vergnügen, im Vorspann seines neuen Films an „diese Niederträchtigkeit“ Rajoys zu erinnern.

Eine Administration gibt es doch, die „ihre Hausaufgaben gemacht hat“, wie Silva sagt: die baskische. Die dortige Regional­regierung richtete ein Büro für die Angehörigen von Verschwundenen ein, das sich um das Auffinden und Ausgraben der Überreste kümmerte, ohne dass die Betroffenen um Genehmigungen oder Subventionen betteln mussten. Vor drei Wochen erklärte das Büro seine Arbeit für – zumindest vorläufig – beendet: Alle Franco-Opfer, von denen man wisse, seien exhumiert. Diesem Beispiel möge die spanische Regierung folgen, fordert Silva, ist aber skeptisch, ob sie es tun wird. Die links-linke Koalitions­regierung von Pedro Sánchez hat gerade im Kabinett den Gesetzentwurf für ein neues „Gesetz über das demokratische Gedächtnis“ beschlossen, das zum ersten Mal einen nationalen Zensus aller Franco-Opfer schaffen und die Exhumierung der Toten vorantreiben will. Das Gesetz spreche von der „Verantwortung des Staates“ für die Ausgrabungen, erklärt Silva, beinhalte aber keinen dazugehörigen Finanzplan. Er fürchtet, dass alles beim alten System der Zuschüsse bleiben wird. So geht es nicht, findet er. „Grundrechte werden nicht subventioniert“ – sondern vom Staat durchgesetzt. Das bleibt Spaniens große unerledigte Angelegenheit.

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