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“Auf der Couch in Tunis”: Wohlfühlfilm über geplatzte Träume

  • Die Komödie „Auf der Couch in Tunis“ erzählt von einer Heimkehrerin in Nordafrika.
  • Protagonistin Selma eröffnet auf einem Hausdach eine Psychotherapiepraxis.
  • Vom Schmerz eines Landes spürt man zu wenig in diesem Wohlfühlfilm.
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Warum sie zurückgekommen sei, fragt die neugierige Nachbarstochter, und dann hört sie gar nicht mehr auf zu nerven mit ihren irrwitzigen Spekulationen. Hat Selma etwa einen Patienten ermordet? Eine Bank überfallen? Drogenprobleme? Oder ist Selma schwanger und deshalb nach Tunis zurückgekehrt?

Rückkehren scheint jedenfalls keine Option zu sein, wenn man es wie Selma (Golshifteh Farahani, eine Iranerin, die eine Tunesierin spielt) nach Paris geschafft hat. Selma ging mit ihrer Familie nach Frankreich, als sie gerade zehn Jahre alt war. Ihr Vater war ins Exil geflüchtet.

Selma hat etwas Verrücktes vor

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Aber jetzt ist Selma wieder da, und sie hat nach Meinung aller anderen etwas Verrücktes vor: Sie hievt ein Sofa nach oben in die Dachgeschosswohnung und bietet Psychotherapiestunden an.

So ziemlich jeder hat Einwände gegen die Praxis auf dem Dach. Selmas Onkel zum Beispiel hält das Projekt für hirnrissig: “Wir haben Gott, wir brauchen diesen Quatsch nicht”, sagt er und nippt an der Coladose, in der wie immer Hochprozentiges schwappt. Selmas Tante fürchtet, dass sich von nun an “Irre im Haus” breitmachen. Die resolute Chefin des Beautysalons verweist auf den Hamam und ihr eigenes Geschäft als geselligen Zufluchtsort: Araber redeten ohnehin überall miteinander. Warum sollten sie jetzt dafür bezahlen?

Doch als Selmas Praxis behelfsmäßig öffnet, ist der Gesprächsbedarf enorm: Wie aus dem Nichts bilden sich lange Schlangen auf der Außentreppe. Alle wollen auf die Couch – übrigens auch die Chefin des Friseursalons. Gut, anfangs gibt es Missverständnisse, gerade bei männlichen Patienten: Wenn eine Frau auf eine Couch einlädt, muss es sich dann nicht zwangsläufig um eine Prostituierte handeln?

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In dieser Ausgangssituation der Komödie “Auf der Couch in Tunis” von Regisseurin Manele Labidi steckt Sprengstoff – oder könnte zumindest darin stecken: Eine ganze Gesellschaft will Labidi dazu bringen, Seele und Herz zu öffnen.

Jahrzehnte der Diktatur

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Tunesien hat sechs Jahrzehnte Diktatur hinter sich. Erst mit der Revolution 2011, ausgelöst durch die Selbstverbrennung eines vom Regime seines Geschäfts beraubten Gemüsehändlers, setzten sich zaghaft demokratische Strukturen durch. Diktator Ben Ali verließ damals fluchtartig das Land.

Daran gemessen verläuft hier manches Therapiegespräch harmlos, aber davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Es ist dem Wohlfühlkonzept der Regisseurin geschuldet, dass man schon sehr genau zuhören muss, um herauszufiltern, wie viel Schmerz und Leid in den Menschen steckt.

Da ist der Transsexuelle, der nicht zugeben darf, im falschen Körper zu stecken. Da ist der liberale Imam, dem die Salafisten ankreiden, dass er nicht einmal einen richtigen Bart hat und dass ihm die Frau davongelaufen ist. Und da ist der Mann, der Jahre im Gefängnis saß, weil er einmal zu laut die Wahrheit gesagt hatte.

Eine Gesellschaft in Angst

Wehtun soll der Film jedoch keinesfalls, und das ist ein echtes Manko. Immer wieder verspielt die Regisseurin das Tragische im nur halbwegs Komischen. Manche bittere Szene plätschert allzu wohltemperiert dahin.

Und doch nimmt hier eine Gesellschaft in Angst Platz auf dem Sofa. Die Träume der Revolution sind geplatzt, Tunesiens Zukunft scheint düster. “Wir sitzen auf einem Pulverfass”, heißt es einmal mit überraschendem Ernst. Der Einzige, der den noch gar nicht existierenden Rechtsstaat verteidigt, ist der Polizist Naim (Majd Mastoura), der sich in Selma verguckt hat.

Wer kann, will weg. Kein Wunder, dass niemand versteht, wieso sich Selma mit ihrem französischen Pass nicht sogleich ins nächste Flugzeug nach Europa setzt. Aber das würde sie als Niederlage sehen.

Vorurteile von der anderen Seite

Wer hier wirklich mit sich ins Reine kommen muss, sind folglich nicht nur Selmas Patienten: Auch die Protagonistin selbst hadert schwer mit sich. Als “postkoloniale Angeberin” und “intellektuelle Pariserin” wird sie beschimpft, die es auf der anderen Seite des Mittelmeeres nicht geschafft habe. Endlich hören wir Zuschauer mal Vorurteile der Nordafrikaner über Europäer – und nicht immer nur umgekehrt.

Man darf getrost vermuten, dass die 1982 geborene Regisseurin Labidi in ihrem Spielfilmdebüt eigene Erlebnisse verarbeitet hat. Auch sie hat tunesische Wurzeln und ist in Paris aufgewachsen.

Lange lässt sich Selma nicht beeindrucken von all den Knüppeln, die ihr zwischen die Beine geschmissen werden. Auch die fehlende Genehmigung für ihre Praxis sitzt sie im Wortsinn so lange wie möglich aus. Mit stoischer Gelassenheit raucht sie Zigarette um Zigarette, wie dies früher nur Männer in Filmen taten (und heute sonst niemand mehr tut).

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Die sympathische Golshifteh Farahani hat Charme, aber es gelingt ihr nicht wirklich, Dramatik in die Geschichte zu bringen. Das Happy End, das hier reichlich uninspiriert über sämtliche Beteiligten hereinbricht, gönnt man Selma aber auf jeden Fall.

“Auf der Couch in Tunis”, Regie: Manele Labidi, mit Golshifteh Farahani, Majd Mastoura, 89 Minuten, FSK 6

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