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Premiere am Berliner Ensemble

Antikriegsstück „Draußen vor der Tür“: Die Inszenierung der Stunde?

Intensives leidvolles Spiel: Kathrin Wehlisch als Beckmann und Der Andere.

Dieses Lichtermeer ist überwältigend. Um die 1000 bunte Glühbirnen hängen von der Decke des Berliner Ensembles, die verschiedenen Farben strahlen Wärme aus, auch Ruhe. Es ist eine trügerische Stille.

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Faszinierend irritierend: Olaf Altmanns Bühnenbild.

Faszinierend irritierend: Olaf Altmanns Bühnenbild.

Denn alles um diese Lichter herum ist laut, erschreckend, aufwühlend. Es herrscht Krieg. Draußen vor der Theatertür in der Ukraine. Und hier auf der Bühne auch. Im Kopf von Beckmann, dem Protagonisten des Abends, in den Resonanzen der anderen Rollen, in den Gedanken der Zuschauer. Im Berliner Ensemble hat am Freitagabend Wolfgang Borcherts Antikriegsstück „Draußen vor der Tür“ Premiere gefeiert. Es war schon seit Monaten geplant. Nun hat die Realität aus dem historischen Stoff ein zeitgenössisches Stück gemacht.

Im Laufe des Abends werden die Lampen verschiedene Stimmungen widerspiegeln, sie werden durch Lichtvariationen Kälte, Distanz und nahezu Dunkelheit erzeugen. Die 1000 Leuchten erinnern an Beckmanns 1000 Tage in Russland, an die 1000 Jahre „Drittes Reich“, von denen die Nationalsozialisten träumten, an die 1000 (oder 2000) Toten, die der Oberst verantworten muss.

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Beckmann wir klarsehen

Ein Mann kommt nach Deutschland. Beckmann, der wie ein Jedermann keinen Vornamen trägt, ist nach drei Jahren Krieg und Kriegsgefangenschaft nach Hamburg zurückgekehrt. Auf der Nase klemmt seine merkwürdige Gasmaskenbrille, ohne die ihm alles verschwommen erscheinen würde. Aber er will klarsehen, wenigstens er. In Beckmanns Kopf hat der Krieg nicht aufgehört zu wüten. „Mir haben sie die Kniescheibe gestohlen. In Russland. Und nun muss ich mit einem steifen Bein durch das Leben hinken. Und ich denke immer, es geht rückwärts statt vorwärts.“ Den jungen Mann lässt die Vergangenheit nicht los, es geht rückwärts statt vorwärts. Er ist ein Suchender, der die Schrecken des Krieges, seine Verantwortung für elf Tote, seine Armut in diesen Nachkriegstagen loswerden will, indem er all dies teilt.

Kathrin Wehlisch spielt sowohl Beckmann als auch „den Anderen“. Den Anderen, der tausend Gesichter hat. „Ich bin der Andere, der immer da ist. Der andere Mensch, der Antworter. Der lacht, wenn du weinst. Der antreibt, wenn du müde wirst, der Antreiber, der Heimliche, Unbequeme bin ich. Ich bin der Optimist, der an den Bösen das Gute sieht und die Lampen in der finstersten Finsternis“, heißt es bei Borchert. Da sind sie wieder, die Lampen.

Beckmann hält sich an Hoffnungen fest

An den Bösen das Gute sieht Beckmann zwar nicht uneingeschränkt, aber nachdem sein erster Selbstmordversuch scheitert, weil die Elbe den Heimkehrer wieder ausspuckt (oder er es zumindest träumt), hält er sich an Hoffnungen fest. An der Hoffnung, mit dem Oberst (neben Kerstin Wehlisch und Olaf Altmanns Bühnenbild der Höhepunkt des Abends: Veit Schubert) die Kriegserinnerungen und die Verantwortung für die Toten teilen zu können. An der Hoffnung, beim Direktor (auf Rollschuhen seine unbeirrten Kreise drehend: Tilo Nest) eine Anstellung beim Kabarett zu finden. An der Hoffnung, bei den Eltern in der heimischen Wohnung unterzukommen, um Müdigkeit wie Kälte zu besiegen.

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Beide überragend: Kathrin Wehlisch als Beckmann und Veit Schubert als Oberst.

Beide überragend: Kathrin Wehlisch als Beckmann und Veit Schubert als Oberst.

Doch der Oberst lacht ihn aus, der Direktor stellt die Größe der Kunst über die Größe der Menschlichkeit. Und die Eltern haben sich umgebracht, haben den Gasherd aufgedreht. „So was Dummes, sagt mein Alter, von dem Gas hätten wir einen ganzen Monat kochen können“, plappert kühl die Nachmieterin der Eltern (Bettina Hoppe). Ein Satz, in dem die ganze Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit, auf die Beckmann bei seiner Rückkehr nach Deutschland trifft, kulminiert.

Das Schweigen ist dieser Tage nicht das Problem

Teile des Stücks, das der Kriegsheimkehrer Borchert 1946/1947 innerhalb kürzester Zeit schrieb, einzelne Sätze und Absätze treffen an diesem Abend ins Mark, den Krieg in der Ukraine im Kopf. Aber ist es wirklich „das Stück der Stunde“, zu dem manche Beobachter „Draußen vor der Tür“ im Vorfeld ausgerufen haben? Wir haben hier ja kein Stück, das während eines Krieges spielt, sondern einen Heimkehrerstoff, ein Stück über die Unmöglichkeit – aber eben auch über die durch den Oberst, den Direktor, den Bestattungsunternehmer (mit absurden, künstlichen Wohlstandsfettschichten: Jonathan Kempf) gespiegelte Möglichkeit –, einen Krieg zu verarbeiten, zu verschweigen, zu vergessen und seine eigene Verantwortung zu verleugnen. Wir haben ein Stück über die unfassbare Verdrängungsfähigkeit der Deutschen nach dem Massenmorden. „Warum schweigt ihr denn? Warum? Gibt denn keiner Antwort? Gibt denn keiner – keiner – Antwort?“, so heißt es am Ende bei Borchert.

Aber das Schweigen ist doch momentan nicht das Problem. Nahezu jeder redet über den Krieg in der Ukraine, keiner verschließt die Augen, niemand will die Wahrheit nicht hören. Im Gegenteil. Und selbst Putin schweigt nicht. Er lügt, ja, aber auch das ist eine Form des Sprechens, kein Schweigen. Das Verdrängen, das Schweigen, das Desinteresse ob an Kriegsverbrechen oder an ukrainischen Flüchtlingen oder einfach an dem, was war, wird erst noch kommen. So steht jedenfalls zu befürchten. „Draußen vor der Tür“ ist daher eher das Stück der Zukunft als das Stück der Stunde.

Ein bisschen weniger Lautstärke wäre gut gewesen

Zudem lässt Michael Thalheimer Kathrin Wehlisch viel zu oft viel zu laut sprechen, ja, schreien. Klar, das Wüten im Kopf, der Irrsinn, der Wahnsinn, der Schmerz, die Angst, die Wut müssen raus. Aber so oft, so lange in Überlautstärke? In Szenen wie dem Monolog kurz vor Beckmanns Selbstmord wird sichtbar, was dieser Text und Wehlischs Spiel mit ein paar Dezibel weniger zu bewirken vermocht hätte. In jenen Szenen können sich Borcherts Kraft der Worte und Wehlischs berührendes Spiel ihren größtmöglichen Zugang zu den Herzen und Köpfen der Zuschauer bahnen. Wenn die Zumutungen des Krieges durch Lautstärke auf das Publikum übertragen werden sollten, bremst der Lärm eher dieses Ziel. Doch laut oder leise: Wehlisch verkörpert (im wahrsten Sinne des Wortes) an diesem Abend so viel Leid, sie lässt sich dermaßen körperlich, seelisch, gedanklich auf die Verlorenheit ihrer Figur ein, dass sie beim frenetischen Schlussapplaus weinend auf der Bühne steht.

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Eine Mahnung, nicht zu vergessen

Trotz der übermäßigen Lautstärke bieten diese knapp mehr als 100 Minuten einen intensiven Theaterabend. Einen Abend, an dem man auch nunmehr in der fünften Woche nicht begreifen kann, dass Krieg, Bomben, Flucht, Mord, Panzerabwehr und vieles mehr Begriffe aus der europäischen Gegenwart sein sollen. Er zeigt, wohin all das Kämpfen, wohin das Wandeln zwischen dem täglichen Morden und Ermordetwerden, das auch Borchert thematisiert, führen muss. Letztlich ist das Stück auch eine Mahnung, dass uns der Krieg in der Ukraine immer wieder und immer weiter interessieren muss. Dass nicht irgendwann das Vergessen überhandnimmt. Dass nicht irgendwann, wie es bei Borchert heißt, „die Menschen“ – also wir – am Tod vorbeigehen, „achtlos, resigniert, blasiert, angeekelt und gleichgültig, gleichgültig, so gleichgültig“.

Am Ende leuchten wieder bunt die Lampen, es ertönt langanhaltender Applaus für das Ensemble (wiederholt tosend für Kathrin Wehlisch) und für das Regieteam um Michael Thalheimer. Dann fällt der Vorhang. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine hat das BE wieder Brechts Vorhang aufgehängt, den dieser Anfang der Fünfzigerjahre mit Picassos gerade erst frisch erdachter Friedenstaube bemalen ließ. Er erinnert an den Krieg, dort draußen vor der Tür.

Weitere Vorstellungen am 26. und 27. März sowie am 11., 12. und 30. April.

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