Das macht uns sentimental: Sängerin und Produzentin Annette Humpe wird 70

  • Mit der Band Ideal wurde Annette Humpe einer der großen Stars der Neuen Deutschen Welle.
  • Mit Adel Tawil machte sie in den Nullerjahren unter dem Projektnamen Ich + Ich Schlagerpop.
  • An diesem Mittwoch wird die Musikerin und Produzentin, die die Prinzen groß machte und für Max Raabe schrieb, 70 Jahre alt.
|
Anzeige
Anzeige

„Pop!“ machte diese Platte damals, und der Sommer 2007 war mit einem Song da und aller Regen dieses verregneten Jahres wurde im Nu zu flüssigem Sonnenschein aufgewertet. Adel Tawil (butterweiche Stimme, manchmal nah an Naidoo) und Annette Humpe (mädchenhafte Melancholie) waren Ich + Ich und kamen trotz Altersdifferenz von einem Vierteljahrhundert „vom selben Stern“ Behaupteten sie damals jedenfalls.

Keine Radiostunde ohne „Vom selben Stern“

Der Titelsong, der auch die erste Single ihres zweiten Albums war, wurde zum Superhit. Gefühlt gab es keinen Radiosender, der es eine Stunde ohne „Vom selben Stern“ aushielt. Gutwetter herrschte in allen Ohren und es wurde klar: Die alte Ideal-Sängerin Humpe kann auch Schlager, jene Musik die einst von der Neuen Deutschen Welle, mit der sie groß wurde, nach Kräften verachtet wurde.

Anzeige

Humpe wurde im nordrhein-westfälischen Hagen geboren, wo zehn Jahre später auch Nena zur Welt kam. Ihre erste popmusikalische Überwältigung kam mit den Beatles, mit ihrer jüngeren Schwester Inga sang sie die Hits der Pilzköpfe. Rock’n’Roll stand damals noch im Gegensatz zum Establishment, wurde von den Alten benasrümpft und versprach den Jüngeren Freiheit und ein wildes Leben.

Ideal wurde eine der stilbildenden NDW-Bands

Berlin wird die Stadt ihres Lebens, damals noch mit Mauer. Eine Amerika-Reise verstärkt den Drang zur Musik. Etwas Neues muss es werden. Noch unterm Radar vieler fliegt sie mit den Neonbabies (mit Schwester Inga), richtig hoch mit ihrer zweiten Band Ideal. Annette Humpe wurde zum Popstar der Gegenkultur, Ideal gehören zu den stilbildenden Bands der aus Punkwurzeln blühenden NDW-Szene. Zu ihrem „Wir stehn auf Berlin“ tanzt 1981 die Jugend der Bundesrepublik, und wer cool sein wollte, musste das Debütalbum haben (Platz 3). Im Jahr darauf schrien auch die Kinder des Mainstreams auf Partys schon ihr „Deine blauen Augen machen mich so sentimental!“ mit.

Anzeige

Nach dem dritten Album war Schluss, man wollte sich nicht kommerzialisieren und verramschen lassen. Die Verschlagerung der Neuen Deutschen Welle besorgten dann andere Künstler und Bands - etwa die Reutlinger Kiz mit ihrer „Sennerin vom Königssee“ oder Stefan Remmler in seiner Post-Trio-Phase. Viele Bands jüngeren Datums beriefen sich noch später auf Humpes Ideal. Der Song „Ist das so?“ von Wir sind Helden klang 2004 wie ein verspäteter Ideal-Hit.

Anzeige

„Bei Ideal, das war natürlich eine Rolle. Diese Mütze auf und immer grimmig gucken. Das war ja auch ein Schutz“, erklärte Humpe einmal in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. „Man konnte nicht sehen, wie ängstlich und verletzt ich in Wirklichkeit bin. Da wurde auch jedes Lied fast geschrien.“ Die eher scheue Humpe war nicht so versessen aufs Rock’n’Roll-Leben on the road.

Humpe verlegte sich aufs Schreiben und Produzieren

Unter dem Bandnamen Deutsch-Österreichisches Feingefühl brachten die Schwestern Humpe mit den österreichischen Musikern Joesi Prokopetz und Manfred Tauchen 1983 das Alien „Codo“ in die Charts. Mit dem supereingängigen Refrain „Und ich düse, düse, düse, düse im Sauseschritt und bring die Liebe mit …“ landete der Song auf Platz eins der Charts. Gesicht des Videos war allerdings Inga. Zwei Alben mit Inga als Humpe & Humpe, dann verlegte Annette Humpe sich aufs Schreiben. Und aufs Produzieren.

Das Stream-Team Was läuft bei den Streamingdiensten? Was lohnt sich wirklich? Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. gibt‘s jetzt im RND-Newsletter „Stream-Team“ – jeden Monat neu.

Die Prinzen verdanken ihr viel. In einem Interview mit der Hannoverschen Neuen Presse skizzierte Sebastian Krumbiegel den Karrierestart der Leipziger A-Cappella-Gruppe kurz nach der Wiedervereinigung: „Glück war das! Wir waren noch nicht so groß, dass wir mit in den Sog des Untergangs kamen. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort und trafen die richtigen Leute: vor allem Annette Humpe, die uns produzierte.“ Rio Reiser bekommt Humpe-Stoff, Udo Lindenberg auch, ein Soloalbum floppt 1990. Lange Zeit herrscht Stille um sie. Dann trifft Humpe 2002 das ehemalige Boygroupmitglied Tawil (The Boyz). Und es geht wieder an die Spitze der Charts.

Auf die Bühne ging Humpe, die an diesem Mittwoch (28. Oktober) 70 Jahre alt wird, mit Tawil nicht mehr. Nur ein Ich stand also in den Hallen der Republik im Rampenlicht, die Musikerin hatte vor ihrem Lampenfieber kapituliert, schrieb nur noch Songs und ließ es sich gut gehen als „non-performing artist“. 2010 riefen Ich + Ich eine anhaltende Kreativpause aus. Seither ist der Persönliches-trifft-Allgemeingültiges-Pop des Duos zur schwer nervigen Formatradio-Hauptklangfarbe geworden.

Auch aus den Zehnerjahren gibt es feinen Humpe-Stoff

Einige hübsche Sachen gibt es auch aus den Zehnerjahren im Oeuvre der praktizierenden Buddhistin Humpe zu entdecken. Mit Annett Louisan hatte sie an deren Album „In meiner Mitte“ gearbeitet. „Annette ist die Schnellste und die Schlauste, sie kommt so schnell auf den Punkt. Große Kunst“, lobte Louisan die Kollegin in einem Interview der „Neuen Presse“.

Hörenswert sind auch Humpes Platten mit Max Raabe: Dem melancholischen Sanftnäsler und seinem raffiniert leisen Humor fügte sie einen verspielten, zeitgemäßen Popappeal bei, der beim akkurat alten Klang pflegenden Palastorchester und seiner Weimar-Nostalgie nicht zu finden war. Traurigschön klingt etwa der Liebesabschiedswalzer „Du weißt nichts von der Liebe“, aber eben nur bis zu Humpes lapidarer Zeile „ich krieg noch Geld von dir zurück – das überweist du“.

Anzeige

Humpe macht sich rar

Zum runden Geburtstag hat Humpe sich rar gemacht. Schon vor zehn Jahren fand sie das Älterwerden nicht so ideal: „60 werden ist natürlich behämmert. Das ist eine Kackzahl, klingt voll scheiße.“ Die Absenz nehmen wir mal so hin, legen Ideals rasende „Eiszeit“ in den Player und tanzen ab zu Humpes Zeilen. „In meinem Film bin ich der Star / ich komm auch nur alleine klar / Panzerschrank aus Diamant / Kombination unbekannt“, singt sie da.

Irgendwie, so scheint’s, war sie offenbar schon immer am liebsten weg, verschwunden, unsichtbar. In unseren Herzen aber ist sie präsent, eine der Großen der deutschen Popmusik. Herzlichen Glückwunsch also dorthin, wo immer sie heute stecken mag.


  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen