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Nachdenklich im Lockdown: Annen May Kantereit besingen das blanke Jetzt

  • Jahrelang waren Annen May Kantereit die Überflieger im deutschen Pop – dann warf Corona viele Pläne über den Haufen.
  • Aus dem Lockdown meldet sich das Trio nun sehr nachdenklich zurück.
  • Das Album „12“ ist ab Freitag (27. November) erhältlich.
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Hannover. „Weißt du noch, wie es ist, wenn tausend Stimmen singen und die Funken überspringen? Du warst geborgen, und dir war angenehm kühl, das ist das ozeanische Gefühl.“

Wie lange ist es her, dass wir zu Konzerten gingen, einfach so, dass wir Bus und Bahn fuhren, ohne uns über Ansteckungsgefahren Gedanken zu machen, dass wir uns umarmten, dass wir uns nach allem Möglichen sehnten – nur nicht nach einem Impfstoff?

Christopher Annen (30), Henning May (28) und Severin Kantereit (28), die ihre Band Annen May Kantereit nennen, besingen auf ihrem neuen Album „12“ den Wirklichkeitsschock, den vermutlich viele von uns erlebten, als die Covid-19-Pandemie ausbrach. So wie hier klingt Isolation, wie es ist, wenn es kaum noch oder gar keine sozialen Kontakte mehr gibt, keine Ablenkung, keine andere Möglichkeit, als mit sich allein zu sein.

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Man hört: Wenn Lockdown ist, wird das Klavier zum Kriechtier. Das lebensgefährliche Virus hat so manchen Illusionen, die man sich bisher gemacht hat, die Maske heruntergerissen. „Der Traum ist immer nur geliehen“, singt May. Die bittere, gern verdrängte und gar nicht neue Wahrheit: Es wird nicht immer alles gut. Das Leben ist zerbrechlich. „Alles getrunken und alle geküsst“, der hemmungslose, jugendlich unbeschwerte Rausch, ist vorbei.

Für Annen fühlte sich Einsamkeit im ersten Lockdown weniger bedrohlich an

„12“ entstand im ersten Lockdown. Die Musiker hielten sich beim Songschreiben an die Abstandsregeln. Annen war im Proberaum, Kantereit zu Hause und May saß irgendwo anders an einem desinfizierten Klavier. Ideen tauschten sie per Whatsapp aus. Man hört, dass die Lieder nicht nachträglich im Studio poliert wurden. Die Band wollte, so scheint es, nicht bloß ein weiteres neues Album aufnehmen, sondern die echte Tristesse dokumentieren, zum Beispiel den Augenblick, als Kantereit Gitarre spielend aus dem Fenster auf die menschenleere Straße blickte. Die Sprachmemo-App seines Handys lief mit. Dieses Gefühl würde man später so nicht noch mal hinbekommen, sagt er.

Auch früher schon hat die Kölner Band über Einsamkeit gesungen. „Die Vögel scheißen vom Himmel, und ich schau dabei zu, und ich bin hier und alleine, Marie, wo bist du?“, heißt es in „Marie“ von 2018. Fühlte sich Einsamkeit damals weniger bedrohlich an? „Ja“, antwortet Annen, „weil man sich die Einsamkeit jetzt nicht aussuchen kann.“

November 2020. Wieder ist Lockdown. Annen und Kantereit beantworten die Fragen zu „12“ in einer Videoschalte. Sie seien in einer „krass privilegierten Position“, sagt Annen. „Wir sind sehr gut abgesichert. Andere mussten sich einen Nebenjob suchen, wir konnten an dem Album arbeiten. Das ist ein großes Glück.“ Die Kölner landeten 2016 mit „Alles nix Konkretes“, ihrem ersten richtigen, von einer großen Plattenfirma veröffentlichten Album, auf Anhieb auf Platz eins der Charts. Innerhalb weniger Jahre schafften sie es danach bis in die großen Multifunktionsarenen.

Scooter verabschiedet dieses Seuchenjahr mit einer Großraum-Disconummer namens „Fuck 2020“. „First we save the rave, then we save the world.“ So eine prollige Schlichtheit würde Annen, May und Kantereit nicht einfallen. Ihre Lieder spielen in der inneren Zurückgezogenheit – sie tanzen mit sich selbst.

„Ich glaube, Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen“

Sie grübeln auf „12“ über die Gegenwart, die es zu bewältigen gibt, wenn Teile der Zukunftsplanung ausfallen, wenn es erst mal keine künftigen Konzerte, keine künftigen Reisen, keine Vorfreude gibt, sondern nur das blanke Jetzt. „Ich glaube sogar, ich habe schon was gelernt, über Liebe, Zweifel, Einsamkeit, aber wenn ich etwas nicht verstehe, ist das Zeit.“ In mehreren Songs spiegelt sich die Zukunftsangst wider – nicht nur die der jungen Leute.

„Ich glaube, Corona ist berühmter als der Mauerfall und Jesus zusammen“, singt John-Lennon-Fan May. „Wenn in Moria die Zelte brennen, dann sieht das niemand mehr.“ Man denkt an die Komplexität unserer Zeit, an das allgegenwärtige Virus und die anderen, in den Hintergrund gerückten Krisen wie den Klimawandel und die Flüchtlinge, die weiter im Mittelmeer ertrinken. Vor Kurzem erst hat die Band ein online übertragenes Benefizkonzert für die Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée gegeben.

Ihre Tour konnten Annen, May und Kantereit im März nicht zu Ende spielen. Auch zwei bereits ausverkaufte Konzerte in Moskau fielen aus, wo sie vor jeweils 4000 Fans hätten auftreten sollen. Für diese singen sie nun das Lied „Warte auf mich (Padaschdi)“.

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Einen Auftritt vor mehreren Tausend Menschen in der realen Welt hatten sie aber trotz Covid-19. Beim Fridays-for-Future-Protest Ende September vor dem Brandenburger Tor in Berlin spielte die Band drei der neuen Lieder, darunter „So laut so leer“. Gesang, zwei Gitarren, fast wie damals nach dem Abitur, als sie als Straßenmusiker anfingen.

„Phrasen, Versprechen, Parolen, so laut, so leer, Phrasen, Versprechen, Parolеn, ich will mehr, ich will mehr, ich will mehr“, singt May. Was verhindert echte Veränderungen? Bedenken, Ausreden, Zaudern, Tatenlosigkeit. „Wenn ich mich selbst verändere, fühlt es sich so an, als würde ich mich selbst besiegen, weil ich merke, was ich tun kann, anstatt mich selber zu belügen.“

Mit kleinen Punkten aus Mehl hatten die Klimaaktivisten die korrekten Sicherheitsabstände auf der Straße des 17. Juni markiert. Die Menschen standen bis zur Siegessäule, erinnert sich Kantereit: „Das war sehr berührend.“ Wenigstens ein bisschen ozeanisches Gefühl.

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