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Althistoriker Stefan Rebenich: „Die Antike ist uns fremder geworden“

  • Die griechisch-römische Antike ist Thema in zahlreichen Netflix-Serien, Kinofilmen und Romanen.
  • Was fasziniert und immer noch an den alten Griechen und Römern?
  • Der Althistoriker Stefan Rebenich spricht im Interview über historische Vergleiche, Asterix im Unterricht - und was die Generation Greta aus dem Altertum lernen kann.
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Prof. Rebenich, welchen Stellenwert spielt die Antike im gesellschaftlichen Diskurs der Gegenwart noch?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass das Altertum, die griechisch-römische Antike, noch in vielerlei Formen gegenwärtig ist. Das Wissen um die Antike ist wahrscheinlich fragmentarischer als in früheren Zeiten. Aber es ist schon beeindruckend, was an Fernsehfilmen, Netflix-Serien, Kinofilmen, auf YouTube, ja überhaupt im Internet über die griechische und römische Antike, aber auch über das alte Ägypten und den Alten Orient, über das alte China und die vorkolumbianischen Hochkulturen in Süd- und Mittelamerika da zu finden ist.

Das heißt, das Interesse an der Antike besteht noch immer?

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Es herrscht zweifellos ein großes Interesse an diesen fernen Zeiten, die heute aber auf ganz unterschiedliche Weise wahrgenommen werden. Die Kanäle der Rezeption haben sich verändert. Das Wissen wird nicht mehr über die klassische Monografie vermittelt, wobei sich Bücher etwa über die Geschichte Roms gar nicht schlecht verkaufen.

Wenn man in die jüngste Vergangenheit schaut, dann hatten wir da Politiker wie Helmut Schmidt, der sich gern auf Marc Aurel bezog. Oder wir können an einen legendären kleinen Dialog zwischen Carlo Schmid und Franz Josef Strauß im Bundestag denken, den sie auf Latein führten. Warum spielt Latein, warum spielt die Antike in der Politik heute nicht mehr so eine große Rolle?

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Das ist natürlich noch eine ganz andere Generation gewesen mit Carlo Schmid und Franz Josef Strauß. Auf dem humanistischen Gymnasium haben viele dieser Generation die alten Sprachen Latein und Griechisch erlernt und mit den Sprachen haben sie dann auch historisches und kulturgeschichtliches Wissen erworben.

Und heute?

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Lernt man Latein zwar in Deutschland immer noch, aber in der Schweiz ist das Fach völlig marginal geworden. In anderen europäischen Ländern sieht es ähnlich aus. In England hat es hingegen gerade wieder eine Renaissance erlebt. Aber diese klassische Form der Ausbildung einer Elite, die in der Frühen Neuzeit aristokratisch, später bürgerlich war und die bestimmte Vorstellungen hatte, was an Bildungsinhalten zu vermitteln sei, die gibt es einfach nicht mehr. Normatives Wissen über die Vergangenheit, über Sprachen, über Literatur, über Kunst, das ist uns in vielen Bereichen abhandengekommen. Das gilt natürlich auch für das Altertum.

„Antike ist in mehrfacher Hinsicht als Bezugsgröße spannend“

Warum ist das denn wichtig? Was können wir denn aus der griechisch-römischen Antike für heute noch lernen?

Zunächst: Wenn Sie einen professionellen Historiker, zu denen ich ja auch gehöre, fragen, ob man aus der Geschichte etwas lernen kann, dann sagen wir immer: Das ist eine gefährliche Sache zu meinen, man könne aus der Geschichte wirklich Lehren ziehen. Aber die Antike ist natürlich in mehrfacher Hinsicht als Bezugsgröße spannend. Gerade in der griechischen Literatur, Philosophie, Geschichtsschreibung, aber auch der Kunst wurden grundlegende anthropologische Fragen und Zusammenhänge dargestellt und reflektiert.

Zum Beispiel?

Etwa Fragen der politischen Organisation: Wer soll eine Bürgerschaft leiten? Wer trägt Verantwortung? Welche Verfassungsform ist besser? Die Monarchie oder die Demokratie? Was bedeutet überhaupt die Freiheit des Individuums? Wie wichtig ist uns Rechtssicherheit? Aber auch: Was ist moralisch korrektes Verhalten? Das sind alles Dinge, die uns auch heute noch beschäftigen. Wenn Sie sich zum Beispiel die Tragödien anschauen, die natürlich auch in bestimmten historischen Situation entstanden sind, finden Sie immer noch aktuelle und sehr existenzielle Fragen – etwa zur Bedeutung der Hybris, der menschlichen Überhebung und Selbstüberschätzung, die in die Katastrophe führen kann.

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Es gibt jene berühmte Formel von Uvo Hölscher, nach der die Antike für uns „das nächste Fremde“ sei. Ist dieses „nächste Fremde“ wirklich noch die klassische Antike? Oder sind es nicht eher andere Weltregionen wie China oder die USA, an denen wir uns orientieren, um die Gegenwart zu verstehen?

Das in den 1960er-Jahren entstandene, großartige Buch von Uvo Hölscher war eine Reaktion auf die damalige Kritik an der Dominanz etwa des altsprachlichen Unterrichts in den deutschen Gymnasien, und er hat versucht, darauf eine Antwort zu geben. Aber heute würde ich sagen, die Antike ist uns eigentlich noch fremder geworden. Und in der Tat sind uns in diesem globalen Markt, an dem wir alle teilhaben, entfernte Regionen näher gekommen.

Sie beginnen ihr neues Buch über das Verhältnis der Deutschen zur Antike mit Wilhelm von Humboldt. Eine Formel von ihm lautet, man müsse das Eigene am Fremden verstehen. Ist nicht genau das etwas, was auch heute wichtig bleibt, sowohl im Verhältnis zur Antike als auch im Verhältnis zu anderen Weltregionen?

Genau das steht auch am Anfang einer bürgerlichen Auseinandersetzung mit der Antike. Die Gewissheit, dass ich mich selbst immer nur im Spiegel des anderen erkennen kann, das scheint mir ganz, ganz wichtig. Was wir durch die Griechen und die Römer an Bildungsinhalten und Wertvorstellungen erlangt haben, halte ich für eine große kulturelle Errungenschaft, an der wir unbedingt festhalten sollten – gerade in einer Zeit, in der intensiv darüber diskutiert wird, in welchem Maße sich das Individuum und die Nation fremden Kulturen gegenüber öffnen solle.

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„Auseinandersetzung mit der Antike ist ein dynamischer Prozess“

Gibt es überhaupt die eine Antike?

Nein, denn mit jeder Form der Auseinandersetzung und der Aneignung, mit jeder Form der Rezeption, der Übertragung und der Übersetzung hat sich die Antike selbst verändert. Sie ist keine statische Größe. Jeder sieht und erkennt in der griechisch-römischen Antike sich selbst und verändert damit auch den Gegenstand – und darum geht es ja auch in meinem neuen Buch „Die Deutschen und die Antike“. Jeder von uns kann diese Erfahrung machen. Wenn man etwa einen antiken Text zum ersten Mal liest, werden bestimmte Wahrnehmungen im Vordergrund stehen, und wenn man den Text dann noch mal liest, wiederum ganz andere. Das gilt letztlich für all das, was wir in der Antike betrachten und auch was wir uns aneignen und anverwandeln. Die Auseinandersetzung mit der Antike ist ein dynamischer Prozess. Deswegen hat die Antike jeder Generation immer wieder etwas Neues gesagt.

Wenn wir uns die jüngere Generation anschauen, also die jungen Menschen, die sehr vom Klimawandel geprägt sein werden und die wir vielleicht die Generation Greta nennen können, was können die aus der Antike für sich mitnehmen?

Das müssen Sie jemanden aus dieser Generation fragen. Aber was ich sehe, ist, dass die Fragen von Freiheit, Verantwortung und auch einem eigenbestimmten Leben unter der ökologischen Krise, in der wir uns befinden, eine ganz neue Dimension bekommen. Das griechisch-römische Altertum bietet hier kaum die Möglichkeit für einen historischen Vergleich. In der Antike können wir lediglich lokale Katastrophen wie einen Vulkanausbruch oder einen Tsunami als Vergleich heranziehen.

Warum lohnt sich für diese Generation dennoch ein Blick in antike Schriften?

Die Fragen des Spannungsverhältnisses zwischen persönlicher Freiheit und kollektiver Verantwortung, die Frage, wie weit die Freiheit des Einzelnen geht, welche Normen er zu berücksichtigen hat, wie das Verhältnis eines übergeordneten Rechts zu einer konkreten gesetzlichen Vorlage ist, das sind alles Fragen, die auch die Generation Greta angeht. Und dazu finden wir in den antiken Texten unendlich viel.

Vor wenigen Tagen ist der neue Asterix erschienen. Sind diese Comics in irgendeiner Weise als Übermittler römischer Geschichte brauchbar?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe die Asterixbände, zumindest die frühen, teilweise auch in den akademischen Unterricht eingebaut. Mit ihnen kann man schon einiges vermitteln. Nicht nur Biographisches über Caesar, sondern auch übergreifende Zusammenhänge wie zum Beispiel die römische Provinzpolitik, soziale und politische Gegebenheiten in den Provinzen und in Rom, politische Konflikte und ökonomische Herausforderungen, und auch kulturelle und religiöse Besonderheiten werden immer wieder thematisiert. Kurzum: in den Comics finden sich viele Fakten und Details, die historische Bezüge haben. Und für Goscinny und Uderzo ist ja längst nachgewiesen, wie präzise sie recherchiert haben. Ich glaube allerdings – das ist aber nur ein Eindruck, den ich nicht statistisch belegen kann – , dass Asterix eher noch die älteren Leser interessiert. Meine Generation, die damit aufgewachsen sind, verbindet mehr mit den Heften als etwa die Generation meiner Studierenden. Ob sich da noch viele Asterix-Fans finden, weiß ich nicht.

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