Als Berlin zu Babylon wurde

  • Überteuerte Wohnungen, Kinofilme, Morde, Kultur, Sport, Alltag – hier findet sich alles.
  • Die „Plauderbriefe“ von Alfred Kerr erzählen Berliner Geschichte(n) aus den Jahren 1897 bis 1922.
  • Sogar Fernsehen und Handys kommen vor.
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Schon wieder die Steuererklärung. Sich schon wieder durch das Dickicht der juristisch-bürokratischen Sprache der Formulare schlagen. Ist denn wirklich schon wieder ein Jahr um? Wer kennt diese Jahr für Jahr nervenden Gedanken und Gefühle nicht?

Dass sich heutige Zeitgenossen mit dieser Steuer­erklärungs­not nicht allein fühlen müssen, dass schon vor mehr als 100 Jahren Menschen mit den Augen rollten, als das Finanzamt seine Finanzamts­prosa verschickte, zeigt der Schriftsteller und berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr. „Wie kann man so schwere Strafen auf die Nichterfüllung der Steuerpflicht setzen, wenn der Inhalt dieser Pflicht gewissermaßen hieroglyphisch in einer Geheimsprache ausgedrückt ist?“, fragt Kerr in seinen „Plauderbriefen“ für die „Königsberger Zeitung“ im Oktober 1920. „Wer weiß, wieviel Steuern mehr man aus den Leuten herausholen könnte, wenn sie nicht bald, des Tüftelns müde, sich hochherzig entschlössen, auf die Erfüllung so vertrackt ausgedrückter Wünsche lieber zu verzichten.“

Sport und Kultur, Prozesse und Mord, Klatsch und Tratsch, Reisen und Speisen

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1897 hatte der 29-jährige Kerr zunächst als Urlaubs­vertretung begonnen, seine „Plauderbriefe“-Kolumne aus der Reichs­hauptstadt ins 700 Kilometer entfernte Königsberg zu schicken. 27 Jahre lang berichtete er in diesem Blatt aus Politik, Stadt­gesellschaft, Sport und Kultur, schrieb über Prozesse und Mord, Klatsch und Tratsch, Warenhäuser und Kongresse, Reisen und Speisen. So wie Walter Benjamin, Franz Hessel oder Marcel Proust, sich selbst reflektierend, durch ihre Städte spazierten, wurde Alfred Kerr zum Flaneur durch den Alltag.

Mit „spitzer Feder“, wie man damals fast schon kokett sagte, mit Beobachtungs­gabe und Ironie, unbestechlich im Urteil und lustvoll im Stil, schrieb er Woche für Woche über Berlin und die Berliner (und Berlinerinnen auch, wenn auch manchmal in heute schwer zu ertragendem altherrenhaften Ton).

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„Ein Chronist hat das Amt, Veränderungen im Bilde Berlins darzustellen, auch wenn sich’s nicht um weltgeschichtliche Dinge, sondern um die Entfaltung heiteren Prunks handelt. Shakespeare hat Dramen zur Feier fürstlicher Hochzeiten geschrieben; sie haben sich erhalten. Was wir sagen, darf aber morgen schon vergessen sein. Also los!“, heißt es im Oktober 1907. Und damit hatte Kerr recht wie zugleich auch unrecht.

Schriftsteller und Theaterkritiker: Die digital kolorierte Fotografie von 1927 zeigt Alfred Kerr. © Quelle: akg-images/dpa
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Denn seine Plauder­briefe waren tatsächlich vergessen – bis jetzt. Dass sie heute in einer wunderbaren vierbändigen Ausgabe auf knapp 3000 Seiten vor uns liegen, ist eine editorische Herkules­aufgabe gewesen. Auf ihre Schultern genommen hat sie die Herausgeberin der Bände, Deborah Vietor-Engländer. Die britische Literatur­wissenschaftlerin und Kerr-Biografin hatte zunächst versucht, im heutigen Kaliningrad nach Spuren der Königsberger „Plauderbriefe“ zu suchen. Als sie von dort keine Unterstützung bekam, wurde sie in Polen fündig.

Die Ausgabe ist ein überbordendes Vermächtnis. „Es kommen Dinge vor, die keine Kultur­geschichte verzeichnet, aber die zu wissen die Leute in hundert Jahren doch interessieren könnte“, schreibt Kerr im März 1917. O ja! Sie interessieren noch heute. Allein schon, weil die historische Spanne von Kerrs kolumnistischer Tätigkeit von 1897 bis 1922 reicht. Was da nicht alles in Berlin und in Deutschland geschah.

Als der Erste Weltkrieg beginnt, wird der Ton ernster

Als Kerr mit dem Schreiben seiner wöchentlichen Zeilen begann, lebte Bismarck noch und Deutschland hatte noch mehr als 20 Jahre Kaiserreich vor sich. Als der Erste Weltkrieg ausbricht, wird der Ton ernster. „An anderes als den Krieg denkt man doch nicht. So müssen diese Briefe auch immer von ihm sprechen“, schreibt Kerr, der wie viele seiner Zeitgenossen anfangs im nationalistischen Wind dieser Zeit stand, im September 1914.

Auch das Ende des Krieges und die jungen Jahre der Republik decken diese essayistisch-journalistisch-poetischen Schriften ab. So findet sich der berühmte Tanz auf dem Vulkan wieder und damit die Zeit, in der aus Berlin Babylon wurde. „Der Magen des berlinischen Volkes knurrt zwar, jetzt immer mehr, aber die Kinos, trotz hohen Preisen, sind knüppeldick voll. Auch wenn der Schmachtriemen enger geschnallt wird, widerstehn die Spreestadtbürger dem Reiz einer ‚Charlie-Chaplin-Woche‘ keineswegs.“ Janz Berlin war eene Wolke – und suchte das Vergnügen.

Ganz und gar faszinierend aus heutiger Sicht sind die prophetischen Fähigkeiten des 1867 in Breslau geborenen und 1948 in Hamburg gestorbenen Geistes­arbeiters, die in den Bänden aufflackern. So schreibt Kerr, dessen Tochter Judith mit ihrem Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ berühmt wurde, im Oktober 1905 über einen neuen Wunder­apparat, mit dem man „tatsächlich eine Photographie von Berlin nach München telegraphieren kann“. Er spinnt diese Entwicklung im Kopf weiter und kommt zu dem Schluss: „An ihrem Ende steht das Fernsehen.“ Wenn das Fernfotografieren so vollendet sei, dass „es mit schwindliger, glatter spielender Schnelligkeit erledigt werden kann, so ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum kinemato­graphischen Reproduzieren eines Menschen oder eines Vorgangs auf drahtlichem Wege“.

Was wir sagen, darf aber morgen schon vergessen sein. Also los!

Alfred Kerr , Schriftsteller und Kritiker

Aber nicht nur das Fernsehen dachte Kerr 1905 voraus, auch eine Funktion des Handys schwirrte schon durch seinen Kopf: „Die Fachleute malen bereits aus, wie beim Telephonieren dann zugleich das Bild des Sprechenden mit allen seinen Bewegungen am Telephon sichtbar werden wird.“ Skype und Zoom und das Smartphone lassen grüßen. 1905!

Schon damals war der Wohnungs­markt überteuert

Auch andere Phänomene der Vergangenheit kommen uns heute bekannt vor. So beschreibt Kerr eine Wohnungs­suche draußen auf dem Land, wo es noch bezahlbaren Wohnraum gibt. Doch das Telefonat mit der Wohnungs­besitzerin, die verkaufen will, verläuft unbefriedigend. Die vier Wände sind zu teuer. „Man merkt bald, daß es kein so ungeheuerlicher Ausnahmefall ist. Die Dame wird ihre Wohnung sicher los! Fast jeder Preis wird verlangt – und jeder verlangte bezahlt.“ Das kennt Berlin heute wieder.

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Die allerbeste Kerr-Seite Berlins

Und auch die globale Vernetzung ist kein reines Phänomen unserer Gegenwart (auch wenn die technischen Voraussetzungen natürlich andere sind als damals). „Was heut irgendwo in Europa passiert, das wird sehr rasch die Angelegenheit aller auf dieser Erde zerstreuten Ortschaften. Neulich konnte jemand berichten, wie der Tod von Josef Kainz in Japan aufgenommen worden ist.“

In den vier Bänden können Berlin-Freundinnen und -Freunde, Alltagshistorikerinnen und -historiker, Kulturwissenschaftler und - wissenschaftlerinnen, stilsuchende Autoren und Autorinnen und viele mehr einen stilistisch funkelnden Schatz heben. Hier findet sich die allerbeste Kerr-Seite Berlins.

© Quelle: Wallstein

Alfred Kerr: „Berlin wird Berlin. Briefe aus der Reichshauptstadt 1897–1922“. Herausgegeben von Deborah Vietor-Engländer. Vier Bände im Schuber. Wallstein-Verlag. 2984 Seiten, 128 Euro.

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