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Kleiner Zauberer, was nun?

Als alles begann: Vor 25 Jahren erschien „Harry Potter und der Stein der Weisen“

Heute ein Schatz: Auktionator Jim Spencer hält eine makellose Erstausgabe von Joanne K. Rowlings Harry-Potter-Band „Harry Potter and the Philosopher’s Stone“ in der Hand, eines von nur 500 Exemplaren der ersten Auflage von 1997. Drei Jahre später war der Globus in Potter-Mania.

Nichts wies am 26. Juni des Jahres 1997 – also heute vor 25 Jahren – darauf hin, dass dies der Tag sein sollte, an dem das Lesen wiedergeboren wurde. Das Vertrauen des Verlags in den Jungen mit der Blitznarbe auf der Stirn war nicht sonderlich groß. Mit gerade mal 500 Exemplaren bekam das Buch „Harry Potter and the Philosopher‘s Stone“ (“Harry Potter und der Stein der Weisen“) eine vorsichtige Startauflage zu Hause in Großbritannien. Nur ungefähr jede achte Buchhandlung im Königreich hätte damals ein einziges Exemplar in ihre Regale stellen können.

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Ein kleiner Junge mit dem Herz am rechten Fleck

Vielleicht war’s der Allerweltsname: Harry Potter – Harald Töpfer – der dem Bloomsbury-Verlag zur Vorsicht riet. Vielleicht auch, dass damals gefühlt jeder zweite Autor, jede zweite Autorin das Feld der Fantasy beackerte, das zum freien und längst nicht immer hochfeinen „Nebel von Avalon“-Fabulieren einlud. Wer damals in den „Stein der Weisen“ reinlas, fand aber schnell heraus: Das war ordentlich geschrieben.

Der Held war ein moderner Merlin, der Gandalf unserer Zeit, nur eben nicht spitzhütig, langbärtig, zwielichtig. Jene Zauberer aus Artus-Sage und „Herr der Ringe“ waren mächtige Verbündete und fürchterliche Feinde, ältliche, noch recht agile Herren, die immer ein eigenes Süppchen kochten. Stattdessen war da jetzt ein kleiner Junge mit dem Herz am rechten Fleck. Harry Potter und die anderen Zauberschüler, die nicht in einer mittelalterlichen Sagenwelt lebten, sondern in unserer Gegenwart, lockten zudem mit der alten Menschheitsvorstellung, auch unsere nüchterne Welt könne von Wundersamem durchwirkt sein.

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Joanne K. Rowling hatte Harry Potter 1990 auf einer Zugfahrt von Manchester nach London erfunden, so geht die Legende, viel davon in Edinburgh geschrieben (das Café ist heute eine Touristenattraktion). Veröffentlicht wurde unter den Initialen J. K., denn man glaubte damals auf Verlagsseite, dass Jungen keine Bücher von Frauen lesen. Sexismus wieder mal als große Straße des Irrtums.

Baby Harry hatte den Herrn der Finsternis besiegt

So ging das los im „Stein der Weisen“: Albus Dumbledore, Chef der Zauberschule Hogwarts, Zauberprofessorin Minerva McGonagall und der gewaltige Wildhüter und Schlüsselmeister Rubeus Hagrid legen Baby Harry seinen Verwandten, den gänzlich nonmagischen Dursleys, vor die Haustür. Das Kindchen hatte gerade als Einziger den Anschlag des bösen Lord Voldemort auf seine Familie überlebt. Und auf unerklärliche Weise den Herrn der Finsternis in ein bibberndes Nichts verwandelt. Ein bisschen Gras soll über die Sache wachsen, bis Harry eines Tages seiner Bestimmung folgen und in Hogwarts zu einem großen Zauberer ausgebildet werden soll.

Harry wächst dann bei seiner biestigen Stieffamilie heran, kommt über das andersweltige Gleis neundreiviertel und mit der ochsenblutroten Eisenbahn von London nach Hogwarts und gerät dort in die neuen Machenschaften Voldemorts, der seine Herrschaft mittels des Unsterblichkeit versprechenden Steins der Weisen wieder errichten will. Das Böse steht noch einmal auf und wird stärker und stärker.

Und am Ende blitzten die Zauberstäbe des Teenagers Harry Potter und Lord Voldemort aufeinander wie die Lichtschwerter von Obi-Wan Kenobi und Darth Vader. Über sieben immer dickere Bücher (und acht Filme) schlug uns Rowling in den Bann.

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Die Verfilmungen machten den Verstand mit Bildern besoffen: Kerzen schwebten da ohne Halter im Großen Saal von Hogwarts, Fratzen drängten aus Buchseiten heraus, Zentauren brachen aus dem Unterholz, tausend Tischlein deckten sich wie von selbst, monströse Schachfiguren ließen ihre Krummschwerter klirren. Lässig senkte der Hippogreif in „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ seine Klaue in den Hogwarts-See.

Harry Potters Zauber wirkte in der wirklichen Welt

Viele Zauber wirkte Harry Potter über die Buchseiten in die Wirklichkeit hinein. Dass er es tatsächlich schaffte, Millionen Kinder vom Computer weg ans Buch zu bringen, war einer. Dass er auch zahllose Große für die Geschichte seiner Kindheit und Jugend gewinnen konnte, war ein anderer. Dass er seine literarische Mutter, eine mittellose Alleinerziehende mit unendlicher Erfindungsgabe – Simsalabim – in eine reiche Frau verwandelte, deren Vermögen 2021 von der „Sunday Times“ auf 820 Millionen Pfund (953 Millionen Euro) geschätzt wurde, ein weiterer.

Und zu guter Letzt zauberte er auch noch mit seiner strebsamen Freundin Hermine in die Köpfe der Schülerinnen und Schüler, dass alle Meisterschaft das Ergebnis von guten Aufpassens im Unterricht ist. Der Zauber springt nicht einfach so aus dem Stab, weder aus dem Stechpalmenholz noch aus dem Phönixfederkern. Von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß.

Als Briefträger nächtens Potter-Bücher zustellten

Drei Jahre nach der Veröffentlichung des „Steins der Weisen“ war schon „Potter-Mania“ auf der ganzen Welt. Die Bestsellerlisten wurden im Herbst 2000 von gleich vier Potteriaden geblockt. Ist das alles schon wieder so lange her? Dass man sich kurz vor der Geisterstunde vor Buchhandlungen einfand, um zu Sonderöffnungszeiten den neuen Potter-Band zu kaufen (die erste erlaubte Verkaufssekunde der englischen Version von „Harry Potter und der Orden des Phönix“ in Deutschland war am 21. Juni 2003 00.00.01 Uhr britischer Sommerzeit)?

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Ist es so lange her, dass sich sonst eines jeden Mummenschanzes unverdächtige Zeitgenossen in Kostümen im Kinosaal einfanden? Dass ganz normale Briefträger zu ganz unnormalen Zeiten – allein 50 in der Region Hannover – das Buch „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes“ im Zeitfenster zwischen 0 und 2 Uhr nachts zustellten? Dass Tausende besser wissende Hilfsautoren das Internet mit eigenen Potteriaden vollschrieben? Und jeder Jugendliche eine Eule wollte, wie Harry sie hatte. Zum zweiten Potter-Film wurden 2002 in England die Eulen knapp, wurden die Eulenpreise pfundig. Schwer zu halten seien die Schneeeulen, so sagten Tierschützer über die zum Haustier beförderten Vögel, die dann alle fantasielos Hedwig genannt wurden. Gut für englische Eltern: dass die Post in Hogwarts nicht von Gänsegeiern, Alligatoren oder Geparden gebracht wurde.

1999 schrieben junge Leser Briefe an Harry Potter

Unwirklich, was damals so alles passierte in der Harry-Potter-Zeit. Und so gar nicht vorherzusehen damals, als die ersten 500 Exemplare der Magerauflage auf den Markt kamen. Indes: Schon 1999 konnte man merken, dass etwas anders lief als bei anderen Büchern: Junge Leser schickten auf der Homepage www.harrypotter.de Briefe an eine Romanfigur: „Lieber Harry …“

Eine endlose Liste mit Briefen und Wunschzetteln fand sich dort. Da wollte eine Catherine wissen, wie man an ein Drachenei kommt. Da forderte ein Oliver Harry ganz unbescheiden auf, ihm bitte schön eine Liste mit allen Zaubersprüchen zu schicken – inklusive Zauberstab. Und da wurde der Held von einer Elisabeth gebeten, doch auch seine Schriftstellerin lieb von ihr zu grüßen.

Bis heute macht jede Nachricht aus der Hogwarts-Welt Furore

Bis heute macht jede Nachricht aus dem Hogwarts-Universum Furore, ob es sich nun um ein Theaterstück über den erwachsenen Harry Potter handelt oder die Kinostarts der drei „Phantastische Tierwesen“-Filme über die Abenteuer des Magizoologen Newt Scamander. Manche glauben, es sei damals allein der Wechsel des Originaltitels vom langweiligen „Philosopher‘s Stone“ (Stein des Philosophen) zum spannenderen „Sorcerer‘s Stone“ (Stein des Zauberers) gewesen, der Schwung in die Potterei brachte.

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Möglicherweise aber hat Joanne K. Rowling in Wahrheit ihren eigenen Zauberstab geschwungen und mit einem „Lumos!“, dem simplen „Es werde Licht!“-Zauber, die Muggel der Welt bereit gemacht, sich von ihr magisch erleuchten zu lassen. Wie auch immer – bis heute hat sich der schmale Starter „Harry Potter und der Stein der Weisen“ weltweit mehr als 100 Millionen Mal verkauft.

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