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Neue Alben von Philipp Poisel, Peter Maffay, Kacey Musgraves und dem Musical „Ku’damm 56“

  • Philipp Poisel kann das – Ermutigen durch Traurigkeit. Und Peter Maffay liefert das rauste und rock ‘n‘ rolligste Album seiner Karriere.
  • Kacey Musgraves singt auf „Star-Crossed“ vom Scheitern ihrer Ehe und versieht ihre aufrichtige Analyse mit mehr Pop denn je.
  • Und es können Schätze aus den Archiven von Bob Dylan und des Buena Vista Social Club gehoben werden.
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Der Herbst ist nur noch eine Woche weg, Pop rüstet sich auch 2021 fürs Weihnachtsgeschäft, die Veröffentlichungen legen zahlenmäßig zu. Darunter findet sich auch das Musical zum TV-Hit „Ku’damm 56“ über die Wirtschaftswunderrepublik Deutschland und ihre rebellische Jugend. Und auf dem Geburtstagsalbum des Labels Dualtone kann man sich in viele großartige Americana-Künstler verlieben.

Ex-Fleetwood-Mac-Mann Lindsey Buckingham versteht sich auf süße Westcoast-Kostbarkeiten

Stevie Nicks beschreibt den Abschied von Gitarrist und Sänger Lindsey Buckingham von Fleetwood Mac im Fachmagazin „Rolling Stone“ als unausweichlich. Offenbar hat man sich nicht mehr verstanden. Musikalisch fehlt er der Band. Denn was Buckingham auf seiner schlicht „Lindsey Buckingham“ betitelten Lockdownplatte anbietet, wäre problemlos mit allenfalls geringfügigen Änderungen auf die erfolgreichsten Alben Fleetwood Macs von 1975 („Fleetwood Mac“) bis 1987 („Tango in the Night“) verteilbar.

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Der Mann, der für seine Ex-Band Klassiker wie „Go Your Own Way“, „Monday Morning“ und „The Chain“ schrieb, versteht sich bei „Scream“, „Santa Rosa“, „Blind Love“ oder „I Don‘t Mind“ immer noch darauf, kleine poppige Westcoast-Kostbarkeiten zu schreiben – mit einem Melodie- und Harmoniegespür, wie es auch sein Vorbild, Beach-Boys-Mastermind Brian Wilson, auszeichnet. „Swan Song“ und „Power Down“ klingen dann wie gemacht für das experimentellere Doppelalbum „Tusk“ (1980). Nach diesem Liederbüchlein dürften Nicks ihren 2018 ausgestiegenen Kollegen vielleicht doch ein wenig vermissen.

Lindsey Buckingham – „Lindsey Buckingham“ (Reprise/Warner)

Kacey Musgraves auf dem guten Weg zum Pop

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Country ist traditionell die Musik des katastrophalen privaten Leids, Kacey Musgraves zählt zu den jungen Königinnen des Genres – dementsprechend erzählt ihr Album „Star-Crossed“ vom Weh, vom Ach und vom Wiederheilwerden nach ihrer Scheidung 2020. Es ist das dunklere (bessere) Gegenalbum zum Vorgänger „Golden Heart“, auf dem Musgraves das Hohelied der Liebe und Zweisamkeit sang. Es geht indes nicht um das Waschen „schmutziger Wäsche“, sondern um eine aufrichtige Analyse.

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Die 33-jährige Texanerin wendet sich allerdings zur klassischen thematischen Countrytapete auf ihrem fünften Werk (ein Weihnachtsalbum inklusive) noch klarer als zuletzt anderen Stilen zu – Soul, Disco, Westcoast, Jazz, Latin, Psychedelik, Indierock und – in der sphärischen Ballade „Easier Said“ – auch Electro. Songs wie „Breadwinner“, „Cherry Blossom“ und „Justified“ wollen den Hörer auf der Tanzfläche haben. „Star-Crossed“ liefert Pop für die Massen, nur noch gelegentlich sind Country und Folk in Reinkultur zu hören – in „Hookup Scene“ etwa, in „Angel“ oder in „If This Was a Movie“, wo Musgraves davon singt, dass ihrer gescheiterten Liebe in den rosaroten Landen des Kinos wohl ein Happy End beschieden gewesen wäre. „There‘s a Light“ ist dann (fast) am Albumende der mit einer jubilierenden Querflöte geschmückte Ausblick ins Weiterleben am Ende der Traurigkeit. Ohne Zweifel ist das Mainstream, aber im Gegensatz zu den Outputs vieler ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger ist hier kein gezwungenes „Jetzt aber nix wie rauf auf die Billboard-Spitze“ zu erkennen.

Kacey Musgraves – „Star-Crossed“ (Interscope)

Philipp Poisel und die ermutigende Traurigkeit

Nein, wir rechnen Philipp Poisel nicht zu den üblichen, betrüblichen Befindlichkeitspoppern, zu diesen unermüdlichen Lieferanten von Jammerpop, die die Radioprogramme seit mehr als einer Dekade mit Instantgefühl fluten und dabei im Grunde nicht viel mehr zeigen als die andere Seite des Schlagers. Poisel ist der emotionsreichste unter den ernsthaften Liedermachern, keiner seiner vielen Seufzer mutet kalkuliert an. Er nuschelt vertuschender selbst als der Hamburger „Tatort“-Starkommissar, seine Phrasierung ähnelt der Grönemeyers, auf dessen Grönland-Label er weiterhin veröffentlicht. Aber gerade davon ist man angerührt, wenn er mit dieser schönen, seltsam ermatteten Stimme, die banalste Worte mit Bedeutung auflädt, sein neues Dutzend an Balladen und Midtemposongs vorträgt. „Neon“ heißt das vierte Album, das weckt erst mal Assoziationen zu Kraftwerk oder New Wave, aber das Leidinstrument ist das Pianoforte, der große schwarze Kasten der Melancholie. Und die Lieder, das taumelnde „Wie viele Sommer“, das fließende „10 Gründe“ sind nie glatt und poliert – es sind immer Risse und Staub im Spiel.

„Ich hätt‘ nie gedacht, dass es so wehtut, den Boden wieder zu spür‘n“, singt er im Walzer „Immer wenn einer (von zwei Liebenden geht)“ so waidwund vom Verlassenwordensein, dass einen beim Zuhören fröstelt. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, weiß doch jedes Kind“, holt Poisel hoffnungsvoll den Hesse raus. Lieder für eine unwägbare Zeit. Poisels „Neon“ ist akustisches Kerzenlicht. Traurigsein kann so ermutigend sein.

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Philipp Poisel – „Neon“ (Grönland)

Imagine Dragons sind mehr als nur Plastikdrachen

Worauf sich Imagine Dragons seit je verstanden: Hits. „Radioactive“, „Believer“, das mächtige „Thunder“ (mit den allerdings schlimmen Mickymausstimmen im Refrain) und viele, viele mehr. Weil diesmal Großmeister Rick Rubin im Studio Regie führte, der Mann, der zumeist das Innerste einer Band findet und in Musik verwandelt, hat man sich vorab ein wenig mehr von „Mercury – Act 1“ erwartet als ein neues Paket von Stadionhymnen.

Und man bekommt: ein neues Paket von Stadionhymnen. Schon der Opener „My Life“ ist eine bombastische Walze und Daniel Wayne Sermons Flimmergitarre (auf die The-Edge-Weise gespielt, die schon in den Achtzigern die großen U2-Hits illuminierte) gibt dem Drama Zunder. Für das simple „lalala“ von „Follow You“ gab es Hunderte Millionen Streams bei Spotify. „It‘s Okay“, „Lonely“, „#1“ – wo immer man hinhört: Hits, Hits, Hits. Auf Melodien und Sounds verstehen sich die vier Radiodancepoprocker aus Las Vegas, sie vermengen versiert viele Genres, verbeugen sich in „Monday“ vor Prince, bleiben mit alldem aber weiterhin unfassbar. Wer sind Imagine Dragons?

Man bekommt denn aber doch ein wenig mehr: Die Stimme von Dan Reynolds klingt diesmal zuweilen in Songs wie „Dull Knives“ oder „Cutthroat“ so Rock-‘n‘-Roll-rau wie nie. Aus dem sonstigen textlichen Mittelmaß ragt „My Life“ heraus, ein Lied über Innehalten, Selbstbetrachtung, die Unmöglichkeit, sich selbst zu entkommen. Am deutlichsten ist der textliche Fortschritt in den Balladen „Wrecked“ und „Easy Come Easy Go“ zu hören, in denen Reynolds persönliche Erfahrungen mit Krankheit, Tod und Trauer aufarbeitet. Die Band fühlt sich da mal nicht mehr wie ein Plastikdrachen an. Und hiervon wünschen wir uns mehr, wenn Merkur, der Gott der Händler und Diebe, demnächst seinen zweiten Akt bekommt.

Imagine Dragons – „Mercury – Act 1“ (Universal)

Chris Jagger pfeift und lässt die Hähne krähen

„Hey Brother“ ist eine hübsche kleine bluesige Klavierballade. Da fragt ein kleiner Bruder seinen großen nach einer Minute seiner Zeit. Er säße da, bereit für ein kleines Gespräch unter vier Augen. Lange sei es her, dass man sich gesehen habe. Keine Angst – Chris Jagger, kleiner Bruder von Mick Jagger, hat kein Soloalbum-langes familiäres Lamento vorgelegt. Ganz im Gegenteil: Jagger junior ist gut drauf, pfeift und lässt sogar Hähne krähen auf „Making up the Medicine“. Die Ziehharmonika jubiliert, die Mundharmonika fruttet, Bläser hüpfen mal auf der Melodie, mal streichen sie über sie hinweg. „Mixing up the Medicine“ heißt Chris Jaggers neues Album.

Angerührt ist die Arznei gegen schlechte Zeiten und Stimmung aus Ska (im Opener „Anyone Seen My Heart“), twangendem Shanty („Love‘s Horn“), R ‘n‘ B („Wee Wee Tailor“) und dem polkahaften Zydeco aus Louisiana („Too Many Cockerels“). Und natürlich ist Blues drin. Chris Jagger lehnt sich wie der große Bruder – völlig lässig und ohne auch nur einen Hauch von Exaltiertheit – an die großen Gestalten des Genres an. Und dann jazzt er auch noch – „Talking to Myself“ ist beste Fingerschnippmusik. Alles verschieden, alles geeint durch Haltung und Stimme. Vielleicht hätte der große Bruder ja doch mal ein paar Minuten übrig, um an ein paar Brothers-Jagger-Songs mitzuschreiben.

Chris Jagger – „Mixing up the Medicine“ (BMG/Warner)

„Ku’damm 56“ – das Musicalalbum zum TV-Erfolg

Am Ende rannte Monika den Kurfürstendamm runter, der Pferdeschwanz flog nach allen Seiten, und aus der grauen Maus war die allerschönste Prinzessin geworden. Sie sprang hinein in eine Freiheit, die davor wieder und wieder mit Songs des Rock-‘n‘-Roll-Taifuns Little Richard eingeblasen worden war. „Ku‘damm 56“ war ein stimmungsvoller, kulissenschöner TV-Dreiteiler über den Aufbruch der deutschen Jugend in den mittigen Fünfzigerjahren, über den Rock ‘n‘ Roll und über das „Schwamm drüber!“ der Entnazifizierten, die sich ihr Wirtschaftswunder doch bitte nicht von Schuld vermiesen lassen wollten. Die Geschichte von Monika, Eva und Helga, die drei Schöllack-Mädels von der Tanzschule Galant, und ihrer Mutter Caterina gibt‘s jetzt auch als Musical (ab 28. November auch live im Berliner Theater des Westens).

Gedankt ist der Umstand der Begeisterung von Peter Plate und Ulf-Leo Sommer, seit Rosenstolz-Zeiten versierte Partner im Songwriting. Sie haben aber nicht etwa einfach ein nostalgisches Buddy-Holly-Elvis-Ding daraus gemacht, auch wenn sie mit „Mutter Brause“ ein Stück Düsentrieb-Rock-‘n‘-Roll für unsere „Ku‘damm 56“-Lieblingsmännerfigur Freddy (gesungen von „Glöckner von Notre Dame“-Star David Jakobs) verfasst haben. Viel stimmiger lässt es sich mit Chansons, Balladen und viel Popoperette über die einstige Gendermoral („Zügellos“), Abgrenzung zur Kriegsgeneration („Ich will nicht werden wie mein Vater“), das Beschweigen von Beschämendem („Ich lass nicht zu, lässt du dich geh‘n“) und überhaupt die ganze Schöllack-Geschichte erzählen. Die Musikmacher und ihr bestechender Cast errichten eine versunkene Zeit und lassen uns spüren, dass aus ihr unser Heute hervorgegangen ist. Und am Ende singt Sandra Leitner als Monika: „Ich habe mich gerade in mich selbst verliebt.“ Unsere allerschönste Prinzessin!

Diverse – „Ku‘damm 56 – Das Musical“ (Pop-Out / BMG)

Ronnie Wood verbeugt sich vor Blueslegende Jimmy Reed

Der Blues kann so eine dampfende, schwitzende, mitreißende Sache sein, auch dann, wenn Weiße ihn spielen, so sie nur die nötige Leidenschaft aufbringen. Rolling-Stones-Gitarrist Ronnie Wood ist hörbar ein Enthusiast. Das Livealbum „Mr. Luck“ enthält – mit umgestellter Songreihenfolge und unter Aussparung zweier Aufnahmen – ein fast acht Jahre zurückliegendes Konzert, mit dem die Ronnie Wood Band 2013 das Londoner Blues-Fest in der ehrwürdigen Royal Albert Hall beschlossen hatte. Und im Gegensatz zu seinem arg knappen Chuck-Berry-Tribute von 2019 ist Woods Hommage an Jimmy Reed, den 1976 verstorbenen Pionier des elektrischen Blues, inspiriert und überzeugend. Der Blues rockt und rollt hier, zischt und dampft. Reed, Sänger, Gitarrist und Mundharmonikaspieler aus Mississippi, ist einer der Haupteinflüsse der Stones, nachzuhören nicht nur in Bandaufnahmen von Reed-Klassikern wie „Honest I Do“ oder „Bright Lights, Big City“.

Das schnelle „Let‘s Get Together“ gibt früh das Motto der 18 hier versammelten Nummern aus. Zusammen wird der traurige Blues ein wahres Fest der Lebensfreude. Auf dem Album wird Wood von dem 2014 verstorbenen Soulmann Bobby Womack (singt bei „Bright Lights, Big City“ und „Big Boss Mann“) begleitet, von Simply-Red-Chef Mick Hucknall (singt bei „Got No Where to Go), von Popgenius Paul Weller (singt bei – fast schon Rock ‘n‘ Roll – „Shame Shame Shame“) und von seinem Vorgänger bei den Stones Mick Taylor, der – siehe den Titelsong – seiner Sologitarre in den Songs weidlich Auslauf gewährt.

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Der Blues der Ronnie Wood Band groovt und er tut das über fast 70 Minuten, wobei es fast unmöglich ist, sich (etwa zu „I‘m Going Upside Your Head“) der Tanzfläche zu entziehen. Mit „Ghost of a Man“ hat Ronnie Jimmy Reed noch einen folkigen Nachruf geschrieben: „Als Junge hast du mich schwindlig gemacht!“ Die Geschichte der Rolling Stones, die sich auf ihrem jüngsten Album „Blue & Lonesome“ 2016 auch wieder dem Blues verschrieben hatten, geht weiter – knapp einen Monat nach dem Tod von Schlagzeuger Charlie Watts.

Ronnie Wood Band – „Mr. Luck – A Tribute to Jimmy Reed Live at the Royal Albert Hall“ (BMG/Ada/Warner)

Paul Thorns schimmernde Liedschönheiten

Immer, wenn die Bürde der Welt seine Schultern niederdrückt, geht der Held der Akustikgitarre-trifft-Piano-Ballade „Two Tears of Joy“ fischen. Und irgendwie, mit süßem Tee in der Thermoskanne und der frischen Morgenluft, erfüllt ihn der Glaube, dass da draußen ein Gott sein muss – auch wenn er nichts fängt. Und ähnlich geht es dem Hörer, der dieses Werk von sieben Jahren Entstehungszeit mit seinen Ohren durchwandert. Thorn hat schlichte traute Melodien und schöne, umarmende Lyrics, wenn die Protagonistin etwa im Titelsong „It‘s Never Too Late to Call“ dem Sänger, der sich wie mit Betonschuhen auf dem Grund des Sees fühlt, der nicht noch einen weiteren Herzensbruch vertragen kann, versichert, immer für ihn da zu sein (die Frau, die Thorn immer anrufen konnte, war seine Schwester, die 2018 an Krebs starb).

Folk, Country, Blues sind die Ingredienzen, mal eher spartanisch, mal mit Band und im bluesigen Groover „Sapalo“ beschwört Thorn die Magie herauf, wenn Rock ‘n‘ Roll eine Halle auf die Beine bekommt. Und wenn sein Tom-Petty-artiger Midtemporocker „Here We Go“ aus den Boxen rauscht, möchte man stante pede ein Thorn-Konzert erleben.

Aufgewachsen in Elvis Presleys Geburtsstadt Tupelo, Mississippi, hat Thorn sein Album in Memphis aufgenommen und feiert in schimmernden Liedschönheiten wie „Apple Pie Moonshine“, „Goodbye Is the Last Word“ und „What Could I Do“ die Sogkraft des Südens, die Liebe, das Leben, die Menschen. Familie ist das große Thema des Sohnes eines Gottesmannes, der sich schon als Boxer und in einer Möbelfabrik durchschlug, bevor er sich der Musik verschrieb. Seine Ehefrau Heather singt in der Ballade „Breaking Up for Good Again“ mit Thorn über das Gute in langen Ehen und mit Tochter Kitty Jones fällt er in den surrealen „Sapphire Dream“. Man kann mal durchdrehen („You Mess Around & Get a Buzz“), aber man sollte seinen Träumen treu bleiben und nie zu stolz sein für das Glück. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Paul Thorn – „Never Too Late to Call“ (Perpetual Obscurity Records/Thirty Tigers)

Label Dualtone feiert 20 Jahre mit „Sing meinen Song“-Album

Ein Tornado hatte den Hauptsitz des Indielabels Dualtone 2020 verwüstet und alles schien vorbei. Dann besannen sich die Firmenchefs Scott Robinson und Paul Roper darauf, dass der eigentliche Kern des Unternehmens immateriell war. „Das Herz von Dualtone“ war denn doch die Musik. Und so feiert man dieser Tage in East Nashville das 20-jährige Bestehen mit einem Paket wunderbarer Musik. Ein wenig nach dem Showmotto „Sing meinen Song“ wurde „Amerikinda“ zusammengestellt, eine Kompilation mit Labelbands und -Künstlern, die Lieder ihrer Labelmates interpretieren. Auch von denen, die leider nicht mehr da sind. Kelsey Wilson von der texanischen Band Wild Child singt Guy Clarks zartbittere Liebesrückschau „My Favourite Picture of You“. Und das Folkduo Drew und Ellie Holcomb aus Tennessee nimmt sich das fröhliche „Keep on the Sunny Side“ von Dualtones wohl größtem „Star“ vor – Johnny Cashs 2003 verstorbener Frau June Carter Cash.

Die Wild Reeds singen Brett Dennen, Brett Dennen singt Langhorne Slim, Langhorne Slim singt die Lumineers und die Hitband Lumineers – Ho Hey! – singt Gregory Alan Isakov, der dann einen weiteren Song der Lumineers auf der Zunge hat. Gemein ist all den 15 Songs aus Folk, Country, Indierock, dass kein Füllmaterial dabei ist. The Lone Bellow aus New York lassen „O Be Joyful“ vom Folkduo Shovels & Rope aus South Carolina zu einem Rockgospel wachsen, der einem wohl für immer im Ohr bleibt. Der Texaner Shakey Graves beginnt „Cheers“ von den Wild Reeds aus L. A., als wär’s eine sanfte Heuballade vom Weißen Album der Beatles, bevor er dann in John-Lennon-hafte Ekstase ausbricht. Man liebt das betrunkene Klavier von „Dearly Departed“ (Shovels & Rope) und erst recht die Kirchenorgel von „Younger Days“ (The Wild Reeds). Sie kennen jenseits von Frau Cash und den Lumineers niemand von den hier Genannten? Ändern Sie das bitte!

Diverse – „Amerikinda – 20 Years of Dualtone“ (Dualtone Music Group)

So weit, so toll - Staubpartikel tanzen in Peter Maffays Songs

Peter Maffay goes Americana. Der Rock ‘n‘ Roller wird im Lockdown zum Liedermacher und vertraut auf seinem neuen Album „So weit“ notgedrungen erstmals auf das eigene Kompositionstalent. Zur Unterstützung hat er sich noch Johannes Oerding an Bord geholt, wie er im Interview kürzlich verriet. Wer wagt, gewinnt: Schon der Eröffnungstrack „Jedes Ende wird ein Anfang sein“ zeigt eine neue, karge Klasse. Ein akustischer Countryblues, auf dem die immer noch soulige und markante Stimme Maffays ein leicht angewittertes Timbre hat. Gut steht ihm das Alter, gut steht ihm auch der reduzierte Sound, das Fehlen der sonst so mächtigen und polierten Maffayband. Dieser Sound ist wie Sonnenlicht, das durch ein morgendliches Kneipenfenster dringt und in dessen Strahlen Staubpartikel tanzen. So sollte Maffay schon länger und vor allem ab jetzt immer klingen.

Mit dem niederländischen Multiinstrumentalisten J. B. Meiers hat Maffay sein bestes Album so far im Lockdown eingespielt, die Texte haben ihm Johannes Oerding und Benni Dernhoff auf den Leib geschrieben. Der Titelsong ist ein folkiges „Weg ist Ziel“-Schwesterchen von „Sieben Brücken“. „Weiter“ und rockt rau und rumpelig, die Gitarren grollen, „Wir“ liest allen Unverbesserlichen die Leviten. „Keinen Bock mehr auf diesen Lockdownblues“, singt Maffay, ein wild wogender Rock ‘n‘ Roll, in dem Sänger und Mundharmonika sich nach der Bühne sehnen, ohne je quer zu denken. Bei „Wann immer“ steigt Maffay ins Falsett wie Springsteen. So weit, so (sehr, sehr) gut!

Peter Maffay – „So weit“ (RCA/Sony)

25 Jahre Son-Revival – Der Buena Vista Social Club feiert Jubiläum

24 Jahre ist es her, da verzauberte ein Sound die Welt, brachte den Musiker Ry Cooder als Produzenten groß heraus, bescherte dem deutschen Autorenfilmmeister Wim Wenders einen zweiten Frühling als Dokuregisseur und begründete überhaupt die Erfolgsgeschichte des zuvor randständigen Dokumentarfilms. Die Geschichte zur Musik war die der Musiker – alter, längst vergessener Hasen aus der goldenen Ära der kubanischen Populärmusik der Vierziger- und Fünfzigerjahre, die in den Areito-Studios von Havana 1996 erneut den Son Cubana erklingen ließen. Skeptisch waren sie zunächst, dann enthusiastisch, weltumarmend – alles gipfelte in der Carnegie Hall, wo der Buena Vista Social Club gefeiert wurde wie eine große Rockband. Und der Song „Chan Chan“ und der Soundtrack zum Film eroberten 1997 die ganze Welt, und machten zusammen mit dem Film Künstlerinnen und Künstler wie Omara Portuondo, Ibrahim Ferrer, Rubén Gonzalez und Compay Segundo für eine Weile zu Weltstars.

Zum Jubiläum kommt eine neu gemasterte „25th Anniversary Edition“ des Albums heraus. Und erneut erobert einen der Son im Handumdrehen, in dessen weiche Perkussivität, dessen schmiegsamen Rhythmus, die schmeichelnden Gitarren man sich sofort fallen lässt. Zum remasterten Originalalbum gesellt sich eine zweite CD. Neben vier alternativen Versionen der Songs „Chan Chan“, „El Carretero“, „Dos Gardenias“ und „Orgullecida“ finden sich acht weitere Stücke, die die Anmut und Eleganz dieser Musik unterstreichen – zweiminütige skizzenhafte Pianoinstrumentals wie „Siboney“ und „Madinga“, aber auch voll ausgearbeitete Lieder wie „La Cleptómana“ „Vicenta“ und „La Pluma“. Als neue Latin-Spielarten hochkamen, schneller, lauter, moderner, war es mit dem zweiten Frühling des zärtlichen Son vorbei. Jetzt steht er bereit für einen dritten.

Buena Vista Social Club – „Buena Vista Social Club – Edición 25 Aniversario“ (World Circuit/BMG)

Bob Dylans Schätze aus den frühen Achtzigerjahren

Oberflächlich betrachtet, sind die Achtzigerjahre, Songs betreffend, nicht Bob Dylans bestes Jahrzehnt. Man mochte ihn als Bandmitglied bei den lustigen Traveling Wilburys – die wohl superste aller Supergroups, in der er ab 1988 an der Seite von George Harrison, Tom Petty, Roy Orbison und Jeff Lynne den Spaß seines Lebens zu haben schien. Es war zugleich ein Abtauchen – zuvor hatte Dylan weiter seine Legende dekonstruiert. Der Songwriter, Sohn aus jüdischem Hause, hatte mit „Saved“ (1980) und „Shot of Love“ (1981) seine Albentrilogie des wiedergeborenen Christen vollendet, an das sich „Infidels“ (1983) und „Empire Burlesque“ (1985) anschlossen – Werke allesamt, die man bei Erscheinen eher mit einem Stirnrunzeln bedachte. Warum bloß blieb der Meister so notorisch im Mittelmaß? Hört man die neueste Folge von Dylans „Bootleg Series“ mit dem Titel „Springtime in New York“, die sich mit der ersten Hälfte seiner Achtzigerjahre beschäftigt, kommt man zu neuen Ergebnissen.

54 der 57 Aufnahmen hier sind unveröffentlicht. Nur die B-Seite „Let It Be Me“, der Soundtrack-Beitrag „Don‘t Ever Take Yourself Away“ und das später auf „Down in the Groove“ enthaltene „Death Is Not the End“ gab es schon „offiziell“. Und so wird der „Bootleg“-Afficionado, der Hörer des 5-CD-Sets reich mit Preziosen aus Dylans Schatzkammer bedacht, die einen ganz neuen Blick auf seine Outtake-Politik in jener Zeit werfen – mit Proberaumversionen, Liveaufnahmen, akustischen und elektrifizierten Varianten von Eigenkompositionen, Folktraditionals, Covers.

Das Stream-Team Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. ‒ jeden Monat neu.

Mit Ringo Starr zusammen zelebriert Dylan Junior Parkers „Mystery Train“, das durch Elvis Presley berühmt wurde, als Blueswalze mit Grollgitarren und rollendem Piano, besingt Neil Diamonds „Sweet Caroline“ zum Piano so zärtlich wie seine „Angelina“ (mit Schmurgelorgel). Bei nicht wenigen der Outtakes von „Shot of Love“, „Infidels“, „Empire Burlesque“ fragt man sich, warum um Himmels willen Dylan sie nicht auf das jeweilige Album gepackt hat. Eine Antwort gibt’s nicht, die ist bekanntermaßen „blowin‘ in the wind“.

Bob Dylan – „Springtime in New York – The Bootleg Series Volume 16, 1980–1985 (Columbia)

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