Adeles neues Album „30″: ein schmerzhafter Triumph

  • Auf ihrem neuen Album „30″ rekapituliert eine der besten Soulstimmen der Welt ihre Trennung, Scheidung, Mutterschaft und Ruhm.
  • Adeles vierte Gegenwartsbilanz ist die Geschichte einer Befreiung, für die die Sängerin einen hohen Preis gezahlt hat.
  • Die Produzenten- und Songwriterriege reicht von ihrem vertrauten Teammate Greg Kurstin bis hin zu Inflo vom britischen Musikkollektiv Sault.
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Das Haus ist düster, voller alter Möbel, es sieht aufgeräumt aus, auf unheimliche Weise unbewohnt, und draußen schreien heiser die Raben. Eine Frau greift sich einen Koffer und schreitet hinaus, wo die noch belaubten Büsche im Herbststurm rauschen wie der Bambus in chinesischen Gruselfilmen. Viel Liebesendzeitsymbolik. Im Auto schiebt sie eine altmodische Audiokassette ein. Ein Klavier hebt an, die Abschiednehmende – zwei Welten werden eine – wird jetzt zur Sängerin: „Urteile mild über mich, Baby, ich war noch ein Kind“ verlangt sie. Und: „Ich hatte keine Möglichkeit, die Welt um mich herum zu erfühlen.“

Die Frau ist Adele, Popstar, 33. Im Video zum Song „Easy on Me“ fährt sie an fröhlichen, feiernden Menschen vorbei, Notenblätter fliegen aus ihrem Autofenster, werden vom Wind verwirbelt, Songs gehen unrettbar verloren. Zwischendurch hatte die Sängerin und Songwriterin tatsächlich ein neues, anderes Album mit anderen Stücken schreiben wollen, und ihre vierte, ab 19. November vorliegende private Bilanz, die schlicht „30″ heißt, einfach nicht veröffentlichen wollen. Zu nichts war Adele verpflichtet, niemand hätte von diesen Liedern erfahren, in denen sie von ihrem Freiheitsdrang erzählt, von ihrer Trennung und Scheidung von Simon Konecki, dem Vater ihres inzwischen neunjährigen Sohnes Angelo.

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Aber Adele kann nicht anders als Drama. Und so wurde „Easy on Me“ (162 Millionen Aufrufe bei Youtube) Vorbote einer zwölf Songs umfassenden Seelenschau in Pop, Soul, Jazz plus einem schrammelnden Countrypop (dem von Max Martin produzierten „Can I Get It“) der Sorte Fehl-am-Platz. Die Tochter einer musikbesessenen, sehr jungen und alleinerziehenden Mutter hatte schon auf ihrem Debüt „19″ (2008) viel von sich preisgegeben und wurde damit zu einem der wenigen Superstars der Popmusik nach der Millenniumswende. „Chasing Pavements“, „Rolling in The Deep“, „Someone Like You“, „Hello“ und den Bond-Song „Skyfall“ kennt heute jeder, der ein Radio hat. Adele war glamourös und normal zugleich, eine empfindsame Frau mit einer gewaltigen Soulstimme.

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„My Little Love“ ist Adeles Sohn Angelo gewidmet

Die in „To Be Loved“ in vokalistische Gipfelstürmerei à la Whitney Houston und Mariah Carey eskaliert. Schlechte Entscheidungen habe sie getroffen, aber sie bedauere nichts. Dass ihre Ehe gescheitert ist, schiebt sie auch nicht etwa ihrem Ex in die Schuhe. „Ich habe die Wände mit all meinen Geheimnissen bemalt“, erzählt sie, „ich habe die Räume mit all meinen Träumen und Hoffnungen gefüllt.“ Viel Pathos, an dessen Ende ein Geständnis steht: „Ich kann keine Lüge leben – aber wisse, ich habe es versucht.“

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„My Little Love“ ist dem Sohn Angelo gewidmet, dem Verlierer dieser Selbstbefreiung. „Du bist im Grunde ein Geist“, habe der ihr eines Tages gesagt, so verriet Adele jüngst in einem Interview mit Apple Music. „Du könntest genau so gut nicht hier sein. Ich kann dich nicht sehen.“ Im Song will sie sich dem Kind verständlich machen, dass – versöhnlich - „ich deinen Vater liebe, denn er gab mir dich“. Der Song enthält auch echte Gesprächsausschnitte zwischen Mutter und Kind, die nur einem Stein nicht zu Herzen gehen, bei denen man sich aber auch fragt, warum Adele ihre Familie derart ausstellt.

Es ist ihr „Knowhow“ – Adele kann einfache Lyrik ,soulful‘ aufladen

Es ist weniger, was Adele singt – wohl beherrscht sie das Bausatzvokabular der Gefühle, aber sie ist nicht das Originalgenie für unvergesslichen Zeilen und im Persönlichen bleibt sie oft allgemein, nach eigenem Bekunden, damit ihre Songs auch eine Hilfe für andere sein können.

Es ist vielmehr das „know how“, das bei ihr zählt – wie sie ihre Textzeilen moduliert. „Hold on“ stellte sie bei Oprah Winfrey in der Sendung „Adele One Night Only“ vor. Und nie hat man das Wort „gracious“ (barmherzig) so schmerzvoll ausgeweitet gehört wie in dieser Selbstanklage. In der Adele bekundet, „selbst mein schlimmster Feind“ zu sein, in dem sie fürchtet, „die Straße, auf der ich unterwegs bin, könnte mich ganz und gar verschlucken.“ Am Ende findet sie Trost im Verlust. „Manchmal ist Einsamkeit die einzige Ruhe, die wir bekommen.“ Auf der Bühne wirkt Adele dabei versunken, ihr Lächeln am Ende kommt dem Betrachter vor, als erwache sie aus dem Song.

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„30″ ist ganz großes Kino, Adeles bestes Album bisher, realisiert mit einer Produzenten- und Songwriterriege, die von dem vertrauten Teammate Greg Kurstin bis zu Inflo vom britischen Musikkollektiv Sault reicht: Mit dem melodramatischen „Strangers By Nature“ eröffnet Adele hollywoodesk, „Cry Your Heart Out“ verbeugt sich vor dem Soul der Sechzigerjahre, „Oh My God“ ist mächtiger Gospel und „I Drink Wine“ eine Mitternachtsballade, die an den traurigen Frank Sinatra von „In The Wee Small Hours“ erinnert. Die Wurlitzer-Orgel und Streicher von „Love Is A Game“ beschließen „30″ mit Grandezza und Leichtigkeit – als wär‘s ein Stück von Burt Bacharach. Hoffnung in den letzten Zeilen, wie üblich in Be­zie­hungs­be­wäl­ti­gungs­dra­mo­letten: „Ich kann wieder lieben“ und „Ich würde alles wieder so machen.“

Was wir auch beruflich hoffen wollen – für „35″.

Adele – „30″ (Columbia)

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