„Voyage“: Abba zaubern auf ihrem neuen Album wie früher

  • Am Freitag (5. November) erscheint das erste Abba-Album seit 40 Jahren.
  • Auf „Voyage“ beweisen sich Anni-Frid, Agnetha, Björn und Benny in vielen Stilen noch einmal als wahre Meister des zeitlosen Popsongs.
  • Es ist das Abschiedswerk der physischen Musikgruppe, ab Mai 2022 übernehmen auf der Bühne Abba-Avatare.
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Wann das Abba-Comeback begann? Als 1988 die Australier Björn Again mit ihrer Abba-Parodie auf den Plan traten? Oder 1992, als U2 in Stockholm Björn und Benny zu „Dancing Queen“ auf die Bühne baten und die Oldie-Compilation „Gold“ erschien? Die Gemeinde bekam 1999 ein Musical, später zwei Filme. Das höchste Fanglück aber blieb ihnen verwehrt: eine Wiedervereinigung ihrer Band – leibhaftig. Noch so astronomische Angebote wurden verworfen. Man fand Abbas Absagen ehrenwert und sehnte doch ein Comeback herbei: „If you change your mind, I‘m the first in line“ – die Zeile aus „Take a Chance on Me“ war das Credo von zig Millionen Anhängern weltweit seit 1982.

Dann passierte es. Einfach so. Nach Jahren des Raunens über zwei neue Lieder verkündeten Björn Ulvaeus und Benny Andersson (ohne die am Medienwirbel nicht interessierten Abba-Frauen Anni-Frid Lyngstad und Agnetha Fältskog) Anfang September neue Songs, ein neues Album, eine Show in einem eigens errichteten Konzertbau in London. Und so erscheint nun „Voyage“. „I Still Have Faith in You“ war der Song vorab, der alles erklärte – ein gesungenes Resümee, in dem vom Erbe und der Einheit die Rede war, von den guten Zeiten und den bittersüßen. Eine zeitlose Ballade in bester Abba-Qualität.

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Abba wie immer

„Voyage“ ist definitiv kein Anschlusswerk an den lyrischen, introspektiven Vorgänger „The Visitors“ (1981), sondern ganz bewusst eine Art Best of aus Ungehörtem, ein buntes Pop-Tuttifrutti, das sich bei allen Schaffensphasen der Band bedient. Die Kunst, Lieder zu erschaffen, auf die alle Welt zu singen anhebt, darauf verstand sich kaum je jemand so gut wie die vier Schweden. Zehnmal beweisen sie das hier erneut und ganz zeitlos. Nirgends lehnt man sich dabei an aktuelle Sounds oder Beats an. Man ist nur Abba – wie immer.

Da sind sie mit Folkanleihen – mal eher gälisch wie im stampfenden „When You Danced With Me“ und mal mit „Fernando“-Flöten in „Bumblebee“. „Just a Notion“ erinnert an Abbas süffige Fünfzigerjahrehommagen „I do Ido Ido Ido I do“ und „Why Did It Have to Be Me“. „No Doubt about It“ ist ein vorwärtstürmender Mitsingsong, wie sie das Quartett mit „Ring Ring“, „Waterloo“ und „So long“ vornehmlich in seinen frühen Tagen lieferte. Und da sind auch wieder die Disco-Abba: in „Don‘t Shut Me Down“, das unter anderem Bezüge zum Überhit „Dancing Queen“ aufweist, und in „Keep Your Eyes on Dan“, das sich seine letzten Klavierakkorde gleich direkt von „S.O.S.“ borgt.

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Melancholie, Euphorie und ein kitschiges Weihnachtslied

Die Melancholie, die Benny Andersson 2017 auf seiner instrumentalen „Piano“-Scheibe ausstellte und in einem RND-Interview vor vier Jahren als Unterton sämtlicher, auch vordergründig frohgemuter Abba-Songs angab, findet sich auch hier. Es wird zu Mollklängen von getrennten Familien und Wochenendkindern erzählt, von Blicken in ein erleuchtetes Fenster, in eine Wohnung, in die man gern zurückkehren würde und nicht kann. Aber Abba können auch anders: Die walzernde „Ode to Freedom“ zeigt Abba, begleitet vom Stockholm Concert Orchestra, euphorisch im Giuseppe-Verdi-Modus. Und beim Weihnachtssong „Little Things“ überschreitet man mit Glockenspiel und Kinderchor glatt die Grenze zum Kitsch, die das hymnische „I Have a Dream“ 1979 noch gewahrt hatte.

Die Band hat geliefert, jetzt ist der Musikus Algorithmus dran, der sich inzwischen auf unfassliches digitales Abrakadabra versteht, zuletzt sogar Beethovens unvollendete zehnte Sinfonie zu Ende komponiert hat. Er bringt auch Abba zurück auf die Bühne. Die Avatare bitten zum Tanz, ab 27. Mai nächsten Jahres stehen die vier virtuell auf der Bühne. Farbenfroh werden sie sein, echt werden sie wirken, für immer jung, mit den Songs im Gepäck, die jeder, ob er nun 15 ist oder 115, mitsingen kann. Pop war immer auch Illusion, mit Abba wird er auf eine ganz neue Weise unsterblich.

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Und so verabschieden sich die echten Anni-Frid, Agnetha, Björn und Benny in den Ruhestand. Das Album, das sie in die Weltspitze des Pop hob, hieß 1976 „Arrival“ (Ankunft), das Album „Voyage“ (Reise) soll den Schlusspunkt der physischen Band setzen. Zwei noch unvollendete Songs gibt es, die Björn und Benny auch so belassen wollen. Auf die wartet jetzt der Algorithmus.

Abba – „Voyage“ (Universal) erscheint am 5. November.

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