“A Rainy Day in New York”: Glückssucher im Big Apple

  • Unbeeindruckt von der Debatte um seine Person hat Woody Allen seinen nächsten Film gedreht.
  • Die Komödie "A Rainy Day in New York" ist eine Hommage an seine geliebte Heimatstadt.
  • Der Film gehört zweifellos zu den gelungeneren Beiträgen in Woody Allens Alterswerk.
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Im knappen Minirock erscheint eine junge Dame zum Interview mit dem Regisseur im Hotelzimmer: Bei diesem Aufzug stutzt man. Würde in #MeToo-Zeiten eine noch so kinobegeisterte junge College-Journalistin so auftauchen, Block und Bleistift zücken und dann förmlich an den Lippen des angehimmelten Filmemachers hängen?

Ein blondes Landei – einst Schönheitskönigin in Arizona – tut genau dies zu Beginn in Woody Allens Romanze „A Rainy Day in New York“. Vom Hotelzimmer des (dann aber nicht übergriffigen) Regisseurs gerät sie auf den Beifahrersitz von dessen Drehbuchautor und von dort auf weiteren Umwegen ins Schlafzimmer des sexy Hauptdarstellers. Dem einen soll sie als Muse dienen, dem anderen als Sexgespielin.

Sanfter Retrolook mit Smartphone

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Es lässt sich nicht exakt sagen, in welchem Jahr Allen seine Geschichte angesiedelt hat. Seine Filme haben ja fast immer einen sanften Retrolook. Smartphones gibt es hier jedenfalls schon. Ob wir nun wollen oder nicht: Wir schauen mit dem Wissen der Post-Harvey-Weinstein-Ära auf die amourösen Verstrickungen von Ashleigh (Elle Fanning).

Eigentlich wollte Ashleigh mit ihrem Freund Gatsby (Timothée Chalamet) ein romantisches Wochenende in New York verleben, nur mal eben das Interview für die Studentenzeitung führen und dann mit Gatsby in einem edlen Restaurant mit Pianospieler dinieren. Doch dann kommt sie Gatsby in einer Welt lüsterner Männer abhanden, und ihr Freund mit dem literarisch so vielsagenden Namen stromert allein durchs wolkenverhangene New York, in dem er aufgewachsen ist und das er von ganzem Herzen liebt.

Zeugt diese Handlung nun von der Chuzpe des beinahe 84-jährigen Woody Allen? Ausgerechnet Allen, dessen Stieftochter Dylan Farrow ihn wiederholt bezichtigt hat, sie als Kind sexuell missbraucht zu haben, spielt mit all jenen Zutaten, die wir inzwischen aus vielen Berichten von Frauen im Filmgeschäft kennen.

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Wohlgemerkt: In Allens Fall geht es nicht um Vorwürfe von Schauspielerinnen, doch steht auch er in der #MeToo-Debatte im Fadenkreuz. Bewiesen sind die Vorwürfe gegen ihn nicht. Aussage steht gegen Aussage. Gerichtlich ist die Sache abgehakt. Doch in den USA gilt Allen als Persona non grata.

Hauptdarsteller Chalamet hat sich distanziert

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Das Amazon-Studio hat „A Rainy Day in New York“ – bislang – gar nicht erst in die US-Kinos gebracht. Schauspieler wie Timothée Chalamet („Call Me By Your Name“) haben sich beflissen dafür entschuldigt, bei Allen angeheuert zu haben – bei jenem Filmemacher also, bei dem die Stars über Jahrzehnte Schlange standen, um für einen Hungerlohn eine noch so kleine Rolle zu ergattern.

Und was tut Allen? Er tut, was er immer tut. Mit Gatsby hat er einen scharfzüngigen jugendlichen Helden geschaffen, den er wohl selbst gespielt hätte, wäre er ein halbes Jahrhundert jünger. Nun gut, sagen wir: 60 Jahre jünger.

Der Kinozuschauer hört Gatsby gern zu: „A Rainy Day in New York“ gehört zu den gelungeneren Beiträgen in Allens im Jahresrhythmus anwachsendem Alterswerk. Man spürt hier, dass er in seiner Heimatstadt unterwegs ist – vornehmlich in großzügigen Lofts, die kein Normalsterblicher bezahlen kann.

Die Geschichte ist wie stets in perlende Jazzklänge getaucht, die Farben sind gewohnt dezent, und man genießt Pointen wie diese: „Die Wirklichkeit ist etwas für Leute, die nichts Besseres vorhaben.“ Dieser Satz wird allerdings nicht Gatsby in den Mund gelegt, sondern Chan (Selena Gomez), der burschikosen Schwester einer ehemaligen Schulfreundin.

Gatsby läuft Chan zufällig über den Weg und wird dann sogleich genötigt, sie vor einer Kamera zu küssen. Sowieso begegnet hier jeder immer mal wieder jedem. New York ist ein Nest, und deshalb findet sogar das Landei Ashleigh immer wieder zurück zu Gatsby.

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Ashleigh ist den Männern gewachsen

Je länger der Film dauert, desto klarer wird, dass Ashleigh den meisten Männern an diesem New-York-Wochenende ebenbürtig ist, dem von einer Schaffenskrise geplagten Regisseur Roland Pollard (Liev Schreiber) ebenso wie dessen Drehbuchautor Ted Davidoff (Jude Law). Hinter Ashleighs scheinbarer Ahnungslosigkeit verbirgt sich eine gehörige Portion Lebensschläue. Sie ist sich der Rolle, die ihr von diesen Männern zugewiesen wird, durchaus bewusst – und lässt sich trotzdem darauf ein.

Timothée Chalamet würde problemlos in die 20er-Jahre passen, in der schon sein berühmter Rollennamensvetter nach Glück und Reichtum strebte. Hier lässt er sich zum Lied „I Got Lucky in the Rain“ zum Glück animieren – und von diesem Glücksgefühl lässt sich der Kinozuschauer anstecken.

Seinen nächsten Film hat Woody Allen bereits abgedreht. Einen prominenten Schauspieler hat er auch gefunden, der sich nicht scheut, bei ihm mitzuspielen: den zweifachen Oscarpreisträger Christoph Waltz. Und wo ist die Geschichte angesiedelt? Wiederum im Kinometier.

„A Rainy Day in New York“, Regie: Woody Allen, mit Elle Fanning, Timothée Chalamet, 91 Minuten, FSK 0