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90. Geburtstag von Michael Ende: Der verkannte Schriftsteller

  • Michael Ende ist bekannt als Schöpfer von Jim Knopf und Momo.
  • An diesem Dienstag wäre er 90 Jahre alt geworden.
  • Er litt darunter, dass er als Schriftsteller für Erwachsene nie wirklich ernst genommen wurde.
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Eine Insel mit zwei Bergen, die Zeit-Diebe und Atreju aus dem Volk der Grünhäute – eine ganze Generation von Kindern ist mit den Abenteuern von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer aufgewachsen, aber auch mit Momo und der „Unendlichen Geschichte“. Doch hinter dem vermeintlich gutmütigen „Märchenonkel“ Michael Ende steckt ein in der Erwachsenenliteratur zutiefst verkannter Autor. Am Dienstag wäre Ende 90 Jahre alt geworden.

Marcel Reich-Ranicki ignorierte ihn

Michael Ende hat zeit seines Lebens geärgert, dass er als reiner Kinderbuchautor abgestempelt wurde. Obwohl er Millionen Bücher verkaufen konnte und in viele Sprachen übersetzt wurde, sagte etwa Marcel Reich-Ranicki nur: "Zum Phänomen Ende äußere ich mich nicht." Und: "Das Werk Michael Endes ist mir nicht bekannt." Reich-Ranicki, der die deutsche Literaturszene damals beherrschte, beerdigte damit den Autor Michael Ende. Er war – zumindest in der ernsthaften Erwachsenenliteraturwelt – gewogen und für zu leicht befunden worden.

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Freundlich: Der Autor Michael Ende im Oktober 1982 auf der Buchmesse in Frankfurt am Main. © Quelle: Jörg Schmitt/dpa

Ende verarbeitete dieses Arroganz, indem er Reich-Ranicki in seinem Buch "Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch" als Büchernörgele verewigte, "ein besonders scheußliches kleines Monster, […] im Volksmund auch Klugscheißerchen oder Korinthenkackerli genannt. Diese kleinen Geister verbringen normalerweise ihr Dasein damit, dass sie an Büchern herumnörgeln."

"Jim Knopf" war auch ein Werk über den Nationalsozialismus

Indem Reich-Ranicki Endes Werke nicht gelesen hat, wird ihm auch entgangen sein, dass sich im "Jim Knopf" zahlreiche Bezüge zur Evolutionstheorie und deren Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus verstecken. Der Kunsthistorikerin Julia Voss (das entsprechende Buch heißt "Darwins Jim Knopf") war zunächst aufgefallen, dass der literarischen Figur Jim Knopf der reale Junge Jemmy Button Pate stand, der Teil der Expedition von Charles Darwin war (und was ist Jim Knopf anderes als die Übersetzung von Jemmy Button?).

Dann entdeckte Voss weitere Querverweise und literarische Anspielungen - etwa dass es aus der Drachenstadt "ein wenig herausrauchte wie aus einem Ofenloch" und an ihrem Eingang stand: "Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.“ Ist es wahrscheinlich, dass 15 Jahre nach Kriegsende so etwas rein zufällig in einem vermeintlichen Märchenbuch steht, oder hat Ende nicht viel eher eine fundamentale Kritik am Nationalsozialismus und damit an der Zeit seiner Kindheit versteckt? So viel zum Vorwurf, Ende sei ein reiner Kinderbuchautor.

Kritiker warfen Ende Realitätsflucht vor

Als Endes Bücher erschienen, "Jim Knopf" kam 1960 auf den Markt, "Momo" 1973 und "Die unendliche Geschichte" 1979, waren phantastische Geschichten noch nicht in Mode. Der "Herr der Ringe" war noch ein Geheimtipp, die Erfinderin von Harry Potter ahnte nicht, welch zauberhafte Zukunft ihr blühte. Als "Jim Knopf" erschien und ein großer Erfolg wurde, forderten Kinderbuchautoren wie Peter Härtling und Christine Nöstlinger gerade eine Literatur, die Kinder aufs Leben vorbereiten sollte. Phantastische Ausflüge störten da nur.

Noah Hathaway steht in seiner Rolle als Atreju in dem Film "Die unendliche Geschichte" neben dem weißen Glücksdrachen Fuchur. © Quelle: -/dpa

Wir schreiben die Sechzigerjahre, die Zeit, in der alles politisch und gesellschaftsrelevant sein musste. Kritiker und Kollegen warfen Michael Ende Eskapismus vor, und mit dieser Realitätsflucht, so lautete der Vorwurf, lernten die Jungen und Mädchen nichts für ihre Zukunft. Vielleicht hätte Ende mit einem berühmten Gedicht seines genau einen Tag älteren Kollegen Hans Magnus Enzensberger antworten sollen, der im „Fliegenden Robert“ schrieb: „Eskapismus, ruft ihr mir zu, / vorwurfsvoll, / Was denn sonst, antworte ich, / bei diesem Sauwetter!".

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"Die unendliche Geschichte" war sein größter Erfolg

Ende aber floh nach Italien – und schrieb dort „Momo“, das Buch, in denen die Menschen ihre Zeit in die Zeit-Sparkasse einzahlen können, um später mehr davon zu haben. Darüber vergessen sie, ihr momentanes Leben und die Gegenwart zu genießen. Ein Buch, das in seiner philosophischen Dimension höchst aktuell und ebenfalls weit mehr als ein Kinderbuch ist.

Der Illustrator Sebastian Meschenmoser illustriert die "Unendliche Geschichte" neu. © Quelle: Thielemann Verlag

Dasselbe gilt für Ende größten Erfolg, "Die unendliche Geschichte". Der pummelige, schüchterne Schüler Bastian Balthasar Bux – in der Schule gemobbt wie sein Erfinder Michael Ende, der sich Sprüche wie "Da kommt das dicke Ende" anhören musste – gerät in den Sog einer literarischen Geschichte. Die Kindliche Kaiserin muss durch einen Menschen gerettet werden. Erst lesend, dann erlebend trifft Bastian auf Wesen wie die uralte Morla, Fuchur, den Glücksdrachen, und Atreju. Dieses zauberhafte Buch ist gerade wieder erschienen - mit wunderbaren Illustrationen von Sebastian Meschenmoser. Die Ausgabe (Thienemann, 416 Seiten, 35 Euro) zeigt einmal mehr, um wie viel reicher das Buch ist als die plastikbunte Verfilmung von Wolfgang Petersen und Bernd Eichinger.

Romanbiografie erzählt Michael Endes Leben

Mit der Lebensgeschichte Michael Endes beschäftigt sich ein anderes, ebenfalls neu erschienenes Buch: Die Romanbiografie "Die ganze Welt ist eine große Geschichte und wir spielen darin mit" (Eisele, 432 Seiten, 24 Euro) erzählt das Leben Michael Endes, der 1995 im Alter von 65 an Krebs starb. Die Autorin Charlotte Roth, der der langjährige Michael-Ende-Lektor und -Freund Roman Hocke zur Seite stand, betont zu Beginn ihres Buchs mehrfach, dass es sich um einen Roman, keine klassische Biografie handelt.

Endes Vater war der Maler Edgar Ende

Aber Roth bleibt nah an den Fakten und erzählt an Endes Lebenspunkten entlang: Da ist die schwierige Kindheit in ärmlichen Verhältnissen. Da sind die Eltern: Der surrealistische Maler Edgar Ende und die belesene, träumerische Mutter Luise Bartholomä öffnen ihm schon früh die Türen nach Phantásien. Da sind die Kränkungen durch Verlage und Kritiker, die Fluchten ins Fantastische, seine beiden Ehen, seine literarischen Erfolge, all das kommt in diesem Buch vor, das lebhaft geschrieben ist und sich nur manchmal in zu vielen Sprachbildern verliert. Und was wäre Michael Ende angemessener als eine Lebensbeschreibung, in der sich Realität und Fiktion vermischen?

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