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30 Jahre “Wind of Change”: Wie ein Song es ins kollektive deutsche Gedächtnis schaffte

  • Vor 30 Jahren erschien der Welthit “Wind of Change” der deutschen Band Scorpions.
  • Der Song wurde international zum Soundtrack für friedliche Revolution und Freiheit.
  • In Belarus darf “Wind of Change” deshalb zurzeit nicht im Radio gespielt werden.
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Eine Frage an die ganze Band: Ist “Wind of Change” das Lied Ihres Lebens? “Meines Lebens bestimmt”, antwortet Scorpions-Sänger Klaus Meine, der den Song geschrieben hat. Am 3. und 4. September 1989, gut zwei Monate vor dem Mauerfall, notierte er den Liedtext in eine Kladde mit Mickey-Maus-Deckel. Das gepfiffene Intro sollte es nicht nur in den nächsten Otto-Film schaffen, sondern bis ins kollektive deutsche Gedächtnis.

Der Song erschien am 6. November 1990 auf dem elften Scorpions-Album “Crazy World” – gut einen Monat nach der Wiedervereinigung. Er wurde nachträglich zum Soundtrack der friedlichen Revolution erklärt. 30 Jahre später sitzen der 72-jährige Meine und die beiden Gitarristen Rudolf Schenker (72) und Matthias Jabs (64) im hannoverschen Peppermint Park Studio und erinnern sich gern.

Scorpions traten in Vietnam, Russland und dem Libanon auf

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Schenker ist mit Schlagern aufgewachsen im niedersächsischen Sarstedt, wo er die Band 1965 beseelt von Elvis gründete. Die Elterngeneration, die den Krieg erlebt hatte, sehnte sich nach ein bisschen heiler Welt. Der gelernte Starkstromelektriker träumte größer und unbeirrbarer als viele andere in der Caprifischerrepublik. Ihr Weg der Befreiung führte die Scorpions nicht nur nach Amerika und Russland, sondern in Ecken der Welt, in die sich nur wenige Bands wagen. Vietnam, Kolumbien, Libanon. In Südkorea, direkt an der Grenze zu Nordkorea, mussten sie einmal ein Interview zum Thema Wiedervereinigung geben. Dem “Spiegel” sagte Meine, dass er “Wind of Change” gern im Iran singen würde.

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Wo waren Sie, als die Mauer fiel?
2:15 min
Vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer, die die Stadt über Jahrzehnte trennte. Dieser 9. November 1989 blieb vielen Deutschen sehr gut im Gedächtnis.  © dpa

Ist es nicht Ironie des Schicksals, dass die “Rock You Like a Hurricane”-Scorpions ausgerechnet mit einem Schlager ihren größten Hit landeten? “Ob nun Schlager oder nicht”, sagte Schenker in einem früheren Interview. Die Hoffnung auf Freiheit und Demokratie sei ein sensibles Thema. “Die Message konnte gar nicht anders transportiert werden.” Dass jeder den Refrain mitsinge, “dafür muss man sich nicht schämen”.

So entstand der Song “Wind of Change”

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Die Ballade war Nummer eins in elf Ländern und ist eine der weltweit meistverkauften Singles überhaupt. Als Ursula von der Leyen im August 2019 mit einem Großen Zapfenstreich als Verteidigungsministerin verabschiedet wurde, spielte das Stabsmusikkorps der Bundeswehr auch den Welthit aus Hannover über das Ende des Kalten Krieges – wie eine zweite deutsche Hymne. Die “Wind of Change”-Geschichte beginnt im August 1989 in Moskau, wo die Scorpions beim zweitägigen Moscow Music Peace Festival im Lenin-Stadion auftraten. Das Konzert hatte ihr damaliger Manager Doc McGhee organisiert. Die von ihm betreuten US-Bands Bon Jovi, Mötley Crüe, Skid Row und Cinderella waren auch dabei, Ozzy Osbourne aus England und drei sowjetische Gruppen.

Die Scorpions posieren in Moskau für einen Pressetermin. © Quelle: Didi Zill/Scorpions Press Photos
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Ein PR-Ausflug auf dem Fluss Moskwa inspirierte Meine zu den ersten Zeilen des Liedes. “I follow the Moskva, down to Gorky Park, listening to the Wind of Change.” An Bord des Schiffs waren die Bands, Journalisten und sowjetische Soldaten. “Für einen Moment hatte ich die Vision, die ganze Welt sei hier vereint; wir sitzen alle in einem Boot und sprechen dieselbe Sprache: Musik”, erzählt der Sänger.

Bei den Auftritten empfand er genauso. “Zu erleben, wie Soldaten, die als Security eingesetzt waren, ihre Mützen in die Luft warfen und eins wurden mit den Fans, das hat uns tief berührt. Niemand wusste, dass die Mauer wenige Monate später fällt. Doch wir spürten: Hier verändert sich gerade die Welt vor unseren Augen.”

“Unsere Väter kamen mit Panzern, wir kamen mit Gitarren”

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Von der neuen Offenheit des Landes unter dem Reformer Michail Gorbatschow hatten die Scorpions schon im Jahr zuvor profitiert, als sie zehn Konzerte in Leningrad spielen durften. “In Leningrad haben wir uns zum ersten Mal als deutsche Band gefühlt. Bis dahin waren wir vor allem eine internationale Band, die zufällig aus Deutschland kam”, wird Meine im Begleitbuch des neuen “Wind of Change”-Boxsets zitiert. “Unsere Väter kamen mit Panzern, wir kamen mit Gitarren.” Mein Vater war als Sanitäter in Russland. Die Kriegsgefangenschaft verbrachte er in England. Jabs’ Vater wurde in Griechenland schwer verwundet. Viel erzählten beide nicht vom Krieg.

Die Scorpions sind für ihre extravaganten Outfits bekannt. © Quelle: Didi Zell/ Scorpions Press Photos

In ihrem Bandbus machten sich die Scorpions in den Anfangsjahren häufig auf den Weg nach Westberlin. Die beklemmenden Fahrten durch die DDR gehörten zu ihrem Alltag. Mit den Nachrichten über Mauertote wie Peter Fechter, der im Todesstreifen verblutete, seien sie aufgewachsen, sagt Meine.

Für die Musiker aus dem geteilten Deutschland war das Moskauer Festival deshalb eine “hochemotionale Geschichte”. Für die anderen Bands sei es zwar “ein Trip ins Ungewisse, in eine unbekannte Welt” gewesen, letztlich aber ein Konzert wie viele andere. Sebastian Bach, der Sänger von Skid Row, begrüßte das Publikum mit “Come on, Motherfucker!”, erinnert sich Meine. Einige Bands stritten sich über die Auftrittsreihenfolge. Perestroika und Glasnost, die politische Dimension, schien ihnen eher egal zu sein.

Scorpions-Sänger Klaus Meine heizt dem Publikum ein. © Quelle: Didi Zill/ Scorpions Press Photos

Meine: Song ist da bedeutsam, wo die Freiheit in Gefahr ist

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Welche Bedeutung hat “Wind of Change” heute? “Der Song ist überall da bedeutsam, wo die Freiheit in Gefahr ist”, sagt Meine. “Damals, als der Song entstand, war die Hoffnung real. Die Welt veränderte sich tatsächlich. Für uns alle. Wir haben einfach gespürt: Wir gehen gemeinsam in eine friedlichere Zukunft.” Hierzulande wird die Single längst im Bonner Haus der Geschichte ausgestellt. In Ländern, wo Freiheit und Demokratie nicht selbstverständlich sind, wirft sie noch immer ein Licht auf die Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit. Dort erlebt es die Band oft, dass ihr Lied die Menschen zu Tränen rührt, wenn sie die Botschaft mit ihrer eigenen Lebenssituation vergleichen.

“Wind of Change” hat die “Imagine”-Kraft. Und so sahen die Scorpions bei ihren Konzerten im Nahen Osten, in Kiew und Minsk so manchen weinenden Fan; vermutlich auch in Russland, wo sie ihr Lied einst sogar im Kreml sangen. Für Michail Gorbatschow persönlich. Das ist lange her. Der Wind hat sich gedreht. In Belarus, weiß Meine, darf “Wind of Change” zurzeit nicht im Radio gespielt werden. In China hat man den Titel bei Scorpions-Auftritten komischerweise nicht zensiert. Man glaubte, erzählte ihm ein Veranstalter, es sei ein Song übers Wetter.

Eine skurrile Würdigung erfuhren die Scorpions und ihr Lied zuletzt durch Patrick Radden Keefe. Der amerikanische Enthüllungsjournalist ging in einem achtteiligen Podcast dem unglaublichen Gerücht nach, nicht Meine habe “Wind of Change” geschrieben, sondern der US-Auslandsgeheimdienst CIA, um den Wandel in der Sowjetunion zu forcieren. War “Wind of Change” bloß westliche Propaganda? Waren die Scorpions Teil einer Verschwörung?

Meine lacht über Gerücht

Keefe interviewte Meine für Folge acht. “Ich war überrascht. Ich habe erst mal gelacht”, erinnert sich der 72-Jährige an das Gespräch in einem Hotel in Großburgwedel. Diese Story hatte er noch nie gehört. Er verneinte. Er sei kein CIA-Agent, erklärte er dem Journalisten. Die CIA habe nie Kontakt zu ihm oder zur Band aufgenommen. Dass dies aber überhaupt für möglich gehalten wird, sagt er, “das zeigt nur, welche Power Musik hat.”

Info: Die auf 2020 Exemplare limitierte Box “Wind of Change: The Iconic Song” mit Mauerstück erscheint am 3. Oktober. Am 27. November folgt die Handelsversion.

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