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100. Geburtstag von Marcel Reich-Ranicki: Der Popstar der deutschen Literatur

  • Der Kritiker Marcel Reich-Ranicki brachte Literatur einem breiten Publikum nahe. Er machte Bücher zum gesellschaftlichen Ereignis.
  • Am Dienstag wäre er 100 Jahre alt geworden. Aber nicht jeder Autor, nicht jede Schriftstellerin wird heute auf ihn anstoßen.
  • Und ein Tankwart verwechselte ihn einmal mit einer anderen Fernsehlegende.
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Man könnte unter Mitarbeitern an deutschen Tankstellen, unter Zahnärzten und Versicherungsvertretern ja mal fragen, welchen aktuellen Literaturkritiker sie kennen. Sicherlich gibt es den einen oder die andere, die sich spätsonntagabends zu “Druckfrisch” mit Denis Scheck verirren. Volker Weidermann taucht auch ab und zu im Fernsehen auf genauso wie Ijoma Mangold oder Thea Dorn. Aber sonst?

Marcel Reich-Ranicki kannten die allermeisten Deutschen. Eine Umfrage ergab 2010, dass 98 Prozent der Deutschen zumindest seinen Namen schon einmal gehört haben. MRR – wie er kurz und ehrfurchtsvoll auch genannt wurde – war eine Instanz, er war DER Kritiker, Literaturpapst, Hohepriester der deutschen Literatur – ach was, er war spätestens seit dem Beginn des „Literarischen Quartetts“ im Jahr 1988 die Personifizierung der deutschen Literatur selbst. Reich-Ranicki, der am Dienstag 100 Jahre alt geworden wäre, gelang etwas, das es so vor und nach ihm nicht gab: Bücher wurden zum Ereignis.

Entweder ging der Daumen rauf, oder er ging runter

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Wir könnten heute in unserer an Smartphones reichen und Bücherfreunden armen Zeit einen solchen Popstar der Literatur verdammt gut gebrauchen. Reich-Ranickis Kritiken waren nicht immer richtig und auch nicht immer gerecht. Sie waren selten ausgewogen, schon gar nicht in seiner Fernsehsendung, entweder ging der Daumen rauf oder er ging runter. Welches Buch das Kolosseum der Literaturkritik als Sieger verließ, entschied er als römischer Kaiser des Kulturbetriebs allein. MRR war ein Freund der realistischen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, verehrte Goethe und Thomas Mann, aber mit den Sprachkünstlern des Nouveau Roman konnte er ebenso wenig anfangen wie mit Genreliteratur wie Science-Fiction. Auch fiel so mancher von anderen verehrte Autor durch sein Rost: Selbst Friedrich Dürrenmatt war für ihn nicht viel mehr als ein Unterhaltungsschriftsteller.

Marcel Reich-Ranicki wollte immer ein breites Publikum erreichen

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Aber trotz dieser Ungerechtigkeiten und Irrtümer: Wenn Reich-Ranicki sprach und schrieb, schien Literatur so aufregend und anregend, so leuchtend und lebensnotwendig, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Dabei half auch seine Maxime, immer verständlich zu schreiben und auf Fremdwörter und Bildungshuberei zu verzichten. Reich-Ranicki wollte die Kluft zwischen der oft elitären Hochkultur und einer breiten Leserschaft mit seinen Artikeln und seinen Auftritten im Radio und Fernsehen schließen. Literaturkritik sollte zugänglich, Literatur gesellschaftsfähig sein.

Es gelang ihm: Seine Leser und Zuschauer hatten das Gefühl, sie müssen dieses Buch, über das da gerade gesprochen wird, unbedingt selbst haben, selbst lesen. Selbst oder gerade die Verrisse waren ein Segen für die Verlage und sogar für die Schriftsteller – auch wenn die mit rollendem “R” und lispelndem
“S”, mit sich überschlagender Stimme und viel Verve vorgetragene Negativkritiken (“ein schrrrrrreckliches Buch”) die Autoren natürlich schmerzten. Literatur war Gesprächsthema. Wo ist das heute geblieben?

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So wurde dieser Mann zu einer Instanz und zu einer Institution. Aber welch furchtbare Lebensgeschichte dieser Mann hinter sich hatte, bevor er im Alter von 38 Jahren in die Bundesrepublik kam und über die “Welt” und die “Zeit” ab 1973 den Thron der Kritik als Leiter der Literaturredaktion der “Frankfurter Allgemeinen” bestieg, wurde den meisten erst 1999 klar: Da schrieb Reich-Ranicki das Buch, das mittlerweile selbst ein Stück deutscher (Erinnerungs-)Literatur ist – “Mein Leben”. Nun kannte man nicht nur einzelne Teile seiner Karriere als Kritiker, sondern wusste vom Weg des Mannes, der als Sohn eines jüdischen Fabrikbesitzers und einer deutschen, kunstliebenden Mutter am 2. Juni 1920 im polnischen Wloclawek zur Welt kam.

Nachdem Reich-Ranicki zunächst noch trotz der nationalsozialistischen Herrschaft als Jude 1938 am Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf sein Abitur ablegen konnte, wurde er im Oktober desselben Jahres im Rahmen der sogenannten Polenaktion aus Deutschland abgeschoben. Die Jahre im Warschauer Getto ab 1940 beschreibt Reich-Ranicki in “Mein Leben” eindrucksvoll. Mit viel Glück, Mut und Cleverness konnte er gemeinsam mit seiner Ehefrau Teofila vor der Deportation in ein Konzentrationslager fliehen und, von einem polnischen Schriftsetzer und dessen Frau versteckt, überleben.

Die Verfolgung der Juden und das Schicksal seiner Familie ließen ihn nicht los

Bevor er dann 1958 Polen verließ und nach Deutschland ging, um dort Literaturkritiker zu werden, arbeitete er zunächst für den polnischen Geheimdienst, ab 1950 als freier Schriftsteller. In dieser Zeit lernte er auch Günter Grass kennen, den er zunächst für einen bulgarischen Spion hielt und mit dem ihn eine jahrzehntelange Hassliebe verband.

“Es ist das zentrale Erlebnis meiner ganzen Biografie, und solange ich leben werde, wird dieses Erlebnis nachwirken. Das ist gar nicht anders denkbar, dass man es vergessen könnte, das ist einfach unvorstellbar”, sagte er in einem bislang unveröffentlichten Gespräch mit Paul Assall (Piper, 151 Seiten, 12 Euro) über die Zeit der Judenverfolgung, die auch seine Verfolgung war. Die dunkle Wolke dieser leidvollen Lebensphase, in der seine Eltern und sein Bruder ermordet wurden, hing für immer über ihm wie auch über seiner Frau. Reich-Ranicki hat so manche Überlebensregel dieser Zeit für immer beibehalten. So saß er im Restaurant immer so, dass er die Tür im Auge hatte. Und er rasierte sich zweimal täglich, weil unrasierte Menschen im Warschauer Getto negativ auffielen und die Gefahr hoch war, dass die Nationalsozialisten sie aufgriffen und ermordeten. Mit seinen Erinnerungen, die sich weit mehr als eine Million Mal verkauften, wurde der angesehene Literaturkritiker Reich-Ranicki auch noch zu einem berühmten Autor.

Es gibt am heutigen 100. Geburtstag sicherlich Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die heute nicht das Glas auf MRR erheben. Elfriede Jelinek – immerhin Literaturnobelpreisträgerin – attestierte er eher ein “bescheidenes literarisches Talent”. Peter Handke hielt er für überschätzt, auch Martin Walsers Werk lehnte er weitestgehend ab. Letzterer revanchierte sich 2002 mit seinem von einigen Kritikern als antisemitisch eingeschätzten Roman “Tod eines Kritikers”. Aber der Großteil des Literaturbetriebs wird sich heute dankbar seiner erinnern.

Legendärer Fernsehmoment: Marcel Reich-Ranicki (r), der mit dem Ehrenpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet werden sollte, steht bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises neben Moderator Thomas Gottschalk auf der Bühne. © Quelle: Oliver Berg/dpa

Was von ihm, der am 18. September 2013 im Alter von 93 Jahren starb, bleibt, sind neben vielen beispielhaften journalistischen Texten, die sich auch heute noch frisch und gut lesen, jede Menge guter Anekdoten und Geschichten. Etwa die von der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2008, den er im Beisein eines konsternierten Thomas Gottschalk unter Verweis auf all den “Blödsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben” ablehnte. Oder das Zitat: “Geld allein macht nicht glücklich, aber es ist besser, in einem Taxi zu weinen als in der Straßenbahn”, das die Hamburger Band Kettcar in leicht abgewandelter Form zu einem Song machte.

Und schließlich geht eine, immer wieder gern erzählte Anekdote über Reich-Ranicki so: Eines Tages kam ein Tankwart auf ihn zu und sagte: “Ich kenne Sie, ich kenne Sie!” Und dann: “Ich kenne Sie aus dem Fernsehen. Sie sind doch der Robert Lembke.” Marcel Reich-Ranicki, der bei aller Strenge und Härte auch viel Humor hatte, konnte darüber lachen.

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