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  • Zweiter Lockdown in Israel: Rosch Haschana fällt dieses Mal ruhiger aus - 5000 Infektionen täglich

Erneuter Lockdown in Israel: Kein feierlicher Start ins jüdische Neujahr

  • Erst Rosch Haschana dann Jom Kippur: In Israel ist der Beginn des jüdischen neuen Jahres eine Zeit des Gebets und Zusammenseins.
  • Aber die Corona-Pandemie zwingt Israels Bürger zu Einschränkungen.
  • Wegen steigender Infektionszahlen wurde zum zweiten Mal ein landesweiter Lockdown ausgerufen
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Jerusalem. Es ist eine jüdische Tradition, an Rosch Haschana in Honig getunkte Äpfel zu essen: Das symbolisiert einen süßen Beginn des jüdischen neuen Jahres. Aber in diesem Jahr mischte sich Bitterkeit in die Vorfreude: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat wegen Corona einen neuen Lockdown verfügt, mit Beginn am frühen Freitagnachmittag – just wenige Stunden vor Anbruch von Rosch Haschana. Bereits im März und April hatten Corona-Beschränkungen den Feiertag Pessach überschattet, der dem Auszug der Israeliten aus Ägypten gewidmet ist.

Mehr als 5000 tägliche Neuinfektionen

In Israel ist die tägliche Zahl von Neuinfektionen in der jüngsten Zeit stark angestiegen, am Mittwoch waren es mehr als 5000 – eine der weltweit höchsten Raten pro Kopf der Bevölkerung. Seit Ausbruch der Pandemie im Frühjahr wurden dem Gesundheitsministerium zufolge mehr als 169.000 Fälle registriert, und bis Mittwoch starben 1163 Infizierte.

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Sowohl religiöse als auch säkulare Israelis begehen Rosch Haschana traditionell mit Festessen im Kreis von Angehörigen und Freunden. Und sie füllen die Synagogen, verbringen oft Stunden im Gebet – besonders an Jom Kippur, dem Versöhnungsfest, das zehn Tage nach dem jüdischen Neujahrsfest das Ende der Hohen Feiertage markiert.

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Zweiter Lockdown in Israel
2:19 min
Wegen stark steigender Corona-Ansteckungszahlen hat in Isreal der zweite coronabedingte Lockdown begonnen.  © Reuters

Religiöse Einrichtungen sollen geöffnet bleiben

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Aber dieses Jahr wird das Zusammensein mit Familie und Freunden wohl gedämpfter ausfallen. Laut der Verfügung, die für drei Wochen gilt, dürfen sich nur jeweils bis zu 20 Menschen im Freien versammeln und bis zu zehn in Innenräumen. Nur in Ausnahmefällen ist es den Einwohnern erlaubt, sich mehr als 500 Meter weit von ihrem Haus entfernen. Besuche in Bars, Restaurants und Kulturstätten sind tabu, aber viele Ritualbäder und andere religiöse Einrichtungen bleiben geöffnet.

Das alles, wo doch das Virus nach dem ersten Lockdown unter Kontrolle zu sein schien. Kritiker werfen der Regierung Versagen vor, Tausende haben bei wöchentlichen Protesten Netanjahus Rücktritt gefordert, auch vor dem Hintergrund von Betrugs- und Korruptionsvorwürfen gegen ihn.

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Lockdown verschärft Konflikt in Israel

Der zweite Lockdown hat auch die Kluft zwischen religiösen und weniger religiösen Juden in Israel vertieft. Eine Initiative, nur Gemeinden mit einem besonders großen Anstieg der Infektionsfälle Beschränkungen aufzuerlegen, wurde fallengelassen – wohl auf Druck ultraorthodoxer Führungspersonen. Denn die Restriktionen hätten hauptsächlich Gemeinden dieser streng religiösen Strömung betroffen, Gebiete, in denen anfängliche Beschränkungen weitgehend ignoriert worden waren und sich daher besonders viele Menschen ansteckten. Stattdessen verkündete Netanjahu landesweite Maßnahmen.

Auch viele jüdische Gläubige in anderen Teilen der Welt werden wegen Kontaktbeschränkungen an den Feiertagen auf einen Besuch in ihren Synagogen verzichten, daheim oder im Freien beten und den traditionellen Schofartönen an Straßenecken zuhören. Die Chabad-Lubawitsch-Bewegung chassidischer Juden hat rund um die Erde Tausende Freiwillige rekrutiert, die dort und auf öffentlichen Plätzen in das zeremonielle Horn stoßen sollen.

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Klagemauer ist in Abschnitte zum Beten unterteilt

Rabbiner Zalman Schmotkin, Sprecher von Chabad-Lubawitsch, sieht in den besonderen Umständen aber auch eine Chance: Dass Millionen zwangsweise den Synagogen fernbleiben müssten, könne diesen Menschen helfen, “die Heiligkeit des wahren Zentrums jüdischen Lebens – das jüdische Zuhause – neu zu entdecken, neu zu integrieren und zu feiern”. In den USA bieten liberalere jüdische Strömungen auch Möglichkeiten an, die Feiertage spirituell mit anderen Gläubigen zu begehen.

In Israel organisieren manche wegen der Versammlungsbeschränkungen in Synagogen religiöse Feierstunden in Gärten und Hinterhöfen. Der Platz an der Klagemauer in Jerusalem ist durch Absperrungen in verschiedene Abschnitte aufgeteilt, um kleineren Gruppen das Beten dort zu ermöglichen. Jerusalems Große Synagoge – eine orthodoxe Gemeinde – wird zum ersten Mal seit ihrer Öffnung 1958 keine Gottesdienste an den hohen Feiertagen abhalten. “Es ist herzzerreißend”, sagt Zalli Jaffe, der Präsident der Synagoge. Aber “wir glauben, dass Sicherheit Vorrang hat. Manchmal müssen wir die Gemeinde vor der Gemeinde schützen”.

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Bei Verstößen drohen hohe Bußgelder

Tausende Polizisten werden unterwegs sein, um die Vorschriften durchzusetzen. Im Fall von Verstößen drohen Strafen in Höhe von umgerechnet mehreren Hundert Euro. Aber bei den Behörden herrscht die Sorge, dass sich trotzdem viele Israelis – skeptisch angesichts der sprunghaft erscheinenden Maßnahmen – über den Lockdown hinwegsetzen könnten.

Für Moises Sandler sollte dieses Rosch Haschana das erste Familientreffen am festlichen Tisch seit Jahren werden. Er wanderte 2018 aus Mexiko nach Israel aus, wo bereits zwei Brüder lebten. Im vergangenen Jahr siedelten auch seine Eltern über. "Es ist schade, wir hatten ein großes Essen geplant, auch mit Freunden", sagt der 26-Jährige, der in Tel Aviv wohnt. "Nun wissen wir nicht, ob wir alle zusammen sein können."

RND/AP

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