Zweite Welle: Kommt das Coronavirus wieder zurück?

  • Die weltweiten Zahlen sind Anlass zu Sorge: Am Sonntag ist laut WHO die Zahl der Corona-Neuinfektionen auf einen neuen Rekordwert gestiegen.
  • Ob sich das Infektionsgeschehen auch in Deutschland wieder beschleunigt, hängt nicht nur mit den lokalen Ausbrüchen in Schlachtereien zusammen.
  • Das zeigt auch ein Blick in andere Länder, in denen das Virus auf einmal wieder da ist.
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Das Infektionsgeschehen in Deutschland wird derzeit von einzelnen größeren Ausbrüchen bestimmt. Eine hohe Zahl an Neuinfektionen gab es zuletzt vor allem in Schlachtbetrieben, bei Tönnies in Ostwestfalen, im Landkreis Wesel und im Landkreis Oldenburg in Niedersachsen. Der Reproduktionsfaktor stieg kurzzeitig auf einen kritischen Wert über zwei. Mit dem Urlaubsstart kursieren dazu nun einige Bilder von dichtgedrängten Menschenansammlungen an Stränden.

Das gibt einer entscheidenden und immer wieder viel diskutierten Frage Auftrieb: Kommt jetzt die zweite Welle? Sprich: Stecken sich bald wieder sehr viel mehr Menschen unkontrolliert mit Sars-CoV-2 an, könnten die Fallzahlen exponenziell nach oben treiben?

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Steigende Zahl junger US-Amerikaner infiziert
1:46 min
Der US-Bundesstaat Florida verzeichnete binnen eines Tages den stärksten Anstieg seit Beginn der Pandemie.  © reuters
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Zweite Welle: Prognosen sind schwierig

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Eine sichere Zukunftsprognose haben Experten nicht. “Es handelt sich weltweit und in Deutschland um eine sehr dynamische und ernst zu nehmende Situation”, betont das Robert Koch-Institut, Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde, immer wieder im täglich veröffentlichten Situationsbericht.

Der auf Coronaviren spezialisierte Charité-Virologe Christian Drosten äußerte sich in seiner NDR-Podcastfolge vor einer längeren Sommerpause eher sorgenvoll. “Man muss ganz wachsam sein. Ich bin nicht so optimistisch, dass wir in einem Monat noch so eine friedliche Situation haben wie jetzt, was die Epidemietätigkeit angeht.” Alle Alarmsensoren müssten jetzt angeschaltet werden.

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Herbst: Kalte Temperaturen und Aerosole in geschlossenen Räumen

Wissenschaftler haben bereits betont, dass die vermehrten Ansteckungen in Schlachtbetrieben ein Vorgeschmack auf das sein könnte, was ganz Deutschland im Herbst und im Winter bevorsteht. In engen Wohnungen habe es das Virus einfacher, erklärte etwa RKI-Präsident Lothar Wieler. Niedrige Temperaturen, um das Fleisch zu kühlen, könnten bei der Übertragung des Coronavirus eine Rolle spielen.

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Chronologie des Coronavirus
2:48 min
Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © RND

Ebenso Aerosole, kleinste Teilchenwolken in der Luft, die das Virus transportieren könnten. “Herbst und Winter sind die Zeit, wo Tröpfcheninfektionen leichteres Spiel haben”, sagt auch der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Nirgendwo auf der Welt werde in diesem Jahr mit Herdenimmunität zu rechnen sein. Da Sars-CoV-2 inzwischen überall auf der Welt verbreitet ist, seien die Voraussetzungen für ein Ausbruchsgeschehen im Herbst besonders günstig. Auch Virologe Drosten geht davon aus, dass das Übertragungsrisiko in der kalten Jahreszeit steigt. Vor allem in nicht beheizten Räumen mit wenig Luftbewegung – wie jetzt in den Schlachtereien.

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USA: Hohe Fallzahlen trotz hoher Temperaturen

Allerdings glaubt Drosten nicht, dass es nur der Herbsteffekt sein könnte, der “uns in eine zweite Welle führt”. Deutschland müsse schon jetzt ganz vorsichtig sein. Das zeige auch ein Blick ins Ausland, in den Süden der USA. Trotz hoher Umgebungstemperaturen laufe die Bevölkerung dort derzeit in eine furchtbare Situation hinein, die Intensivstationen seien mancherorts schon jetzt voll belegt. “Wir können uns ausrechnen, wie das dort in einem Monat aussehen wird”, sagte Drosten. Seine Erklärung: Die erste Welle sei dort nicht effektiv gebremst worden, man habe zu früh wieder geöffnet.

Hinweis: Um Erfolge der ergriffenen Maßnahmen sehen zu können, verwendet die folgende Grafik eine logarithmische Darstellung. Das heißt, ein linearer Anstieg der Kurve bedeutet ein exponentielles Wachstum mit einer Verdopplung der Fallzahlen in regelmäßigen Abständen.

Zweite Welle in Südkorea und Neuseeland im Anmarsch?

Auch in anderen Ländern, die das Ausbruchsgeschehen einige Zeit gut unter Kontrolle gebracht hatten, mehren sich die Hinweise, dass das Virus wieder zirkuliert. In Südkoreas Hauptstadt Seoul gab es wieder größere Ausbrüche mit täglich rund 40 Neuinfektionen, die Behörden erwägen bereits wieder strengere Maßnahmen. Auch in China schien das Virus unter Kontrolle, inzwischen wurde Peking nach Auftreten neuer Fälle in Teilen abgeriegelt und es finden Massentests in der Bevölkerung statt.

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Neuseeland registriert am Montag (29. Juni) neun aktive Fälle, nachdem es zu Beginn des Monats keinen einzigen gab. Die Furcht vor einer erneuten Ausbreitung wächst – nachdem das Land zuletzt als eines der wenigen coronafreien galt. Die jüngsten Fälle seien durch aus Indien und Pakistan Einreisende ins Land getragen worden, heißt es. Vor allem im Iran ist die Zahl erfasster Corona-Infektionen wieder gestiegen, in Medienberichten war die Rede von einer zweiten Welle.

Die Erfahrungen aus Ländern wie den USA seien auch auf Deutschland übertragbar, sagt Drosten. “Wir haben sicherlich ein paar entspannendere Wochen vor uns, was die Epidemietätigkeit angeht.” Er gehe davon aus, dass das aber nicht unbedingt der Sommereffekt ist, sondern die Ruhe, die durch effektives, frühes und trotzdem mildes Bremsen in Deutschland gewonnen worden sei.

Zweite Welle: Besser vorbereitet als Anfang des Jahres

Sollte die Zahl der Neuinfektionen mit dem Coronavirus wieder zunehmen, ist Deutschland aber besser vorbereitet als beim ersten größeren Infektionsgeschehen. Politiker und Behörden appellieren an die Maskenpflicht, weiterhin geltende Abstandsregeln, das Reduzieren sozialer Kontakte. Die Virologin Marylyn Addo, die am Universitätsklinikum Eppendorf an der Entwicklung eines Impfstoffs beteiligt ist, blickt in Bezug auf die Forschung optimistisch auf die kommende Zeit. Sie hält es für möglich, das Virus bald mit Hilfe von Medikamenten ausbremsen zu können und Schwererkrankte behandeln zu können.

Der Wirkstoff Remdesivir könnte bald auch in Europa als erstes Mittel gegen eine schwere Corona-Erkrankung auf den Markt kommen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hat vergangene Woche Donnerstag in Amsterdam eine Zulassung unter Auflagen für das Mittel mit dem Handelsnamen Veklury empfohlen. Die EU-Kommission muss dem noch zustimmen, was aber als Formsache gilt. Remdesivir wurde ursprünglich zum Kampf gegen Ebolaviren entwickelt.

mit dpa





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