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Zweite Dosis Biontech? Was Astrazeneca-Geimpfte zur Kreuzimpfung wissen sollten

  • Die Ständige Impfkommission hat ihre Empfehlung für die Impfung mit dem Astrazeneca-Mittel geändert.
  • Wieso ist die Kreuzimpfung wegen Delta besser, was planen dazu Bund und Länder – und gibt es überhaupt genug Impfstoff?
  • Fünf Fragen und Antworten zum neuen Impfschema, das alle Altersgruppen betrifft.
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Das sogenannte heterologe Impfschema, also eine Kombiimpfung aus einer ersten Dosis Astrazeneca und einer zweiten Dosis mit dem Impfstoff von Biontech oder Moderna, findet in Deutschland schon länger Anwendung. Nach dem Bekanntwerden von seltenen, aber schweren Komplikationen nach Astrazeneca-Erstimpfungen kam dieses Verfahren bislang vor allem bei Jüngeren zum Einsatz.

Nun hat die Ständige Impfkommission (Stiko) erneut ihre Empfehlung geändert – und zwar für alle Altersgruppen. Bund und Länder wollen das auch verstärkt umsetzen – um besser gegen die Delta-Variante vorgehen zu können und die Impfkampagne zu beschleunigen. Wie hängt das zusammen – und was sollten bereits einmal und zweifach Geimpfte mit Astrazeneca jetzt wissen? Ein Überblick.

Wieso hat die Ständige Impfkommission ihre Empfehlung für Astrazeneca geändert?

Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat ihre Impfempfehlung am Donnerstag angepasst. Menschen, die eine erste Dosis Astrazeneca erhalten haben, sollen von nun an – auch unabhängig vom Alter – als zweite Spritze einen mRNA-Impfstoff wie Biontech oder Moderna erhalten. Das hat zwei Gründe:

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  • Durch die Ausbreitung der ansteckenderen Delta-Variante soll der zweite Impftermin zeitgerecht wahrgenommen werden. Denn der Schutz gegenüber der Delta-Variante ist laut Daten aus Großbritannien nach nur einer Impfstoffdosis deutlich herabgesetzt. Für die Impfung ausschließlich mit Astrazeneca braucht es gemäß Zulassung aber einen Impfabstand von neun bis zwölf Wochen – eine lange Zeit. In der Kombination mit einem mRNA-Impfstoff ist ein vier- bis sechswöchiger Abstand zur zweiten Dosis möglich.
  • Die zweifache Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff schützt auch vor der Delta-Variante weiterhin ausreichend vor einem schweren bis tödlichen Covid-19-Verlauf mit Krankenhausaufenthalt. Allerdings ist die Kombination von Astrazeneca und einem mRNA-Impfstoff laut Studiendaten noch einmal wirksamer. Das sei vor allem bedeutsam, wenn es um die weitere Verbreitung der Delta-Variante geht – und die mögliche Ansteckung anderer.

Wie wirksam und sicher ist die Kreuzimpfung?

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Die Immunantwort nach der Kombiimpfung aus Astrazeneca und mRNA-Impfstoff sei „deutlich überlegen“, sagt die Stiko. Sie beziehe sich dabei auf aktuelle Studienergebnisse. In der Tat haben inzwischen mehrere laufende Studien bestätigt, dass es bei einem heterologischen Impfschema – also einer Kombination aus Astrazeneca und mRNA-Impfstoff – keine Nachteile bei Wirksamkeit und Verträglichkeit zu verzeichnen gibt.

Eine Anfang Juni auf dem Preprint-Server „medrxiv“ veröffentlichte Charité-Auswertung kam beispielsweise zu dem Schluss, dass eine Kombination der Präparate gut verträglich sei und vergleichbare Immunantworten wie eine Impfserie mit zweimal Biontech hervorrufe. Und laut einer neueren britischen Datenanalyse werden mit zwei Impfstoffdosen von Biontech/Pfizer weiterhin sehr gut schwere Krankheitsverläufe bei der Delta-Variante verhindert – zu 96 Prozent.

Was sagen Impfstoffexperten zur Stiko-Empfehlung?

„Aus medizinisch-immunologischer Sicht ist die Empfehlung der Stiko sinnvoll“, sagt Prof. Leif-Erik Sander, der an der Studie beteiligt war und an der Berliner Charité zu Impfstoffen forscht. „Allerdings sind die zugrunde liegenden Studiendaten noch überschaubar und befinden sich zumeist noch im nicht begutachteten Preprint-Stadium.“

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Die Daten beziehen sich Sander zufolge auf nur einige Hundert Probanden, die allerdings klar zeigten, dass das heterologe Impfschema – erste Impfdosis mit Vaxzevria von Astrazeneca und die zweite mit einem mRNA-Impfstoff – zwei Dosen von Astrazeneca überlegen ist, weil sie eine stärkere Immunantwort aktiviert. „Nichtsdestotrotz bietet die homologe Impfung mit Vaxzevria ebenfalls einen guten Schutz, das zeigen Daten aus Großbritannien“, erklärt der Wissenschaftler.

Die Empfehlung habe sich eigentlich nur für Ältere über 60 Jahren geändert. „Ältere Menschen haben nach der Impfung häufig niedrigere Antikörpertiter als jüngere, das konnten wir kürzlich in einer Studie zeigen“, sagt Sander. Die Immunantwort könne daher durch eine heterologe Immunisierung womöglich verbessert werden. Anhand der Daten, die er kenne, seien acht bis zwölf Wochen Impfabstand als sehr effektiv und womöglich besser verträglich einzuschätzen. Die Stiko empfiehlt nun aber eine heterologe Impfung mit einem Mindestabstand von vier Wochen. „Grundsätzlich bietet diese Empfehlung aber eine höhere Flexibilität beim Impfen“, räumt Sander ein.

Es dränge die Zeit und es sei besser, jetzt schnell möglichst viele Menschen zu impfen, sagt Prof. Clemens Wendtner von der München Klinik Schwabing, Chefarzt für Infektiologie. Die Situation in Großbritannien und Israel, die kürzlich noch für ihre Impfkampagnen gefeiert wurden, zeigte, dass nur eine schnelle und vor allem vollständige Impfung – inklusive zweiter Dosis 2 die Chance bietet, die Delta-Welle zu brechen. „Ansonsten droht ein Déjà-vu-Erlebnis wie im Herbst 2020″, fürchtet Wendtner. „Der Schein trügt: wenn wir jetzt nicht schnell und entschlossen in der ‚Sommerpause‘ handeln, wird uns bereits in wenigen Wochen eine hohe vierte Welle mit allen Konsequenzen entgegenrollen.“

Brauchen schon zweifach mit Astrazeneca Geimpfte noch eine mRNA-Impfung?

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Bei einer zweifachen Impfung mit dem Mittel von Astrazeneca ist laut britischer Datenanalyse die Wirksamkeit auf 92 Prozent beziffert gewesen. Heißt also: Auch Menschen mit bereits zwei Astrazeneca-Impfungen sind nach bisherigen Erkenntnissen weiterhin sehr gut gegen das Coronavirus und auch die Delta-Variante geschützt. Und wer bereits zwei Dosen Astrazeneca bekommen hat, gilt mindestens sechs Monate lang als vollständig geimpft und hat keinen Anspruch auf eine mRNA-Dosis.

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Gibt es überhaupt genug Impfstoffdosen von Biontech und Moderna?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat ausreichend Impfstoff für die Umsetzung der überraschend geänderten Astrazeneca-Empfehlung der Ständigen Impfkommission zugesichert. „Es wird sehr zügig gehen können, die Empfehlung umzusetzen, weil ausreichend mRNA-Impfstoff da ist“, sagte der CDU-Politiker nach Beratungen mit seinen Länderkolleginnen und -kollegen am Freitag in Berlin.

Allerdings könnte in den Bundesländern zumindest kurzfristig das Impftempo ins Stocken kommen – vor allem in den Impfzentren. Denn die neue Empfehlung der Stiko kam für Bund und Länder überraschend. Der vorhandene mRNA-Impfstoff von Biontech und Moderna werde jetzt vorrangig für die anstehenden 50.000 Zweitimpfungen von Menschen mit Astrazeneca-Erstimpfung gebraucht, hieß es etwa bereits aus Hamburg.

Die Folge: „Wir haben heute die Terminvergabe für neue Erstimpfungen einstellen müssen“, sagte Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) nach einer Bund-Länder-Beratung. Das gelte zumindest für die kommenden zwei Wochen. Es bedeute auch, dass sich das Impftempo bei den jüngeren Altersgruppen etwas verlangsamen werde.

Wie können Astrazeneca-Impftermine umgebucht werden?

Das hängt vom Vorgehen des jeweiligen Bundeslandes ab. Für Impflinge besteht trotz Empfehlung der Stiko weiterhin die persönliche Wahl, ob die zweite Spritze mit einem mRNA-Wirkstoff oder Astrazeneca stattfinden soll. Das bedeutet für die Organisation dahinter einen kurzfristig erhöhten logistischen Aufwand. Wer vom Hausarzt oder der Hausärztin geimpft wurde, kann sich direkt mit der Praxis in Verbindung setzen und beraten lassen. Wer im Impfzentrum eine Impfdosis erhalten hat, kann den zweiten Impftermin umbuchen. Es empfiehlt sich ein Blick auf die Onlinepräsenzen der regionalen Impfzentren.

Die Impfzentren in Bremen und Niedersachsen haben beispielsweise bereits angekündigt, neue Termine zur Verfügung zu stellen. Aufgrund der hohen Nachfrage komme es aber zu Wartezeiten bei den Telefonhotlines. Im Augenblick könnten viele Impfzentren kurzfristige Termine für eine Kreuzimpfung vergeben, wenn die Erstimpfung mit Astrazeneca mindestens vier Wochen zurückliegt. Eine Wahlmöglichkeit zwischen dem Vakzin von Moderna oder Biontech gibt es nicht.

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